Volksmärchen

Was sind Volksmärchen?

Volksmärchen sind im Gegensatz zu Kunstmärchen keinem eindeutigen Verfasser zuzuordnen. Sie wurden über viele Generationen hauptsächlich mündlich überliefert, auch wenn sie seit dem Mittelalter gelegentlich Eingang in die schriftliche Literatur fanden. Bedingt durch die mündliche Verbreitung existier(t)en sie in unterschiedlichen Versionen und regionalen Varianten. Der Begriff »Original« macht im Zusammenhang mit Volksmärchen keinen Sinn, da die unterschiedlichen Fassungen gleichberechtigt sind. Die Ähnlichkeiten zwischen einzelnen Märchen einer bestimmten Erzähltradition legen außerdem nahe, dass Handlungseinheiten und Motive von den Erzählern gelegentlich neu kombiniert wurden. Das einzelne Volksmärchen war also aus mehreren Gründen nichts Festgefügtes, vielmehr bildeten Märchenstoffe, -figuren, -motive und -symbole einen zusammenhängenden Fundus, aus dem der Märchenerzähler schöpfen konnte.

Zum Begriff des Volksmärchens

Erst im Zuge der Verschriftlichung durch Märchensammler wie die Brüder Grimm erhielten die Volksmärchen ihre relativ statische Form, in der wir sie heute kennen. Aufmerksame Leser werden an dieser Stelle vielleicht bemerken, dass bzw. warum der Begriff des Volksmärchens problematisch ist: Wie oben dargestellt, ist das Typische an den mündlich überlieferten Volksmärchen gerade ihre Dynamik und Variabilität, jedoch gehen genau diese Eigenschaften durch die schriftliche Fixierung naturgemäß verloren. Andererseits macht es die Fixierung überhaupt erst möglich, über (Volks-)Märchen zu sprechen, sie zu analysieren, zu vergleichen usw., da man dazu schließlich wissen muss, auf welchen Text genau man sich bezieht. Wegen dieser begrifflichen Schwierigkeiten wird die Bezeichnung Volksmärchen auf Märchenatlas weitestgehend vermieden. Stattdessen ist hier meist einfach von Märchen oder aber von Kunstmärchen die Rede. (Andere Sprachen kennen die Unterscheidung zwischen Märchen und Volksmärchen übrigens nicht.) In der Literatur findet man auch den Begriff Buchmärchen, dem ebenfalls die Vorstellung zugrunde liegt, dass in Buchform gebrachte Volksmärchen streng genommen keine Volksmärchen mehr sind.

Märchensammler und ihre Quellen

Auch die Abgrenzung der Volksmärchen gegenüber den Kunstmärchen ist nicht so unproblematisch, wie es auf den ersten Blick scheint. Das formale Kriterium, dass sie keinen Autor haben, relativiert sich bei einer genaueren Betrachtung. Denn zur schriftlichen Fixierung der Märchen ist, wenn schon kein Autor, so doch ein Märchensammler notwendig, der das ihm zugetragene Material ordnet und strukturiert, geeignete Texte für die Publikation auswählt und sie mehr oder weniger stark bearbeitet. Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, die weit über den deutschsprachigen Raum hinaus prägend für Märchen in Buchform waren, gelten zwar allgemein als sehr authentische Volksliteratur, doch wurden auch sie zumindest einer sprachlichen Bearbeitung (durch Wilhelm Grimm) unterzogen. Dass die Eingriffe mitunter substanzieller waren, belegen die Anmerkungen der Grimms sowie auch die Veränderungen von der ersten bis zur siebten Auflage.

Nicht zu unterschätzen ist außerdem die Rolle der Personen, die den Märchensammlern ihr Material geliefert haben. Im Falle der Grimmschen Märchen entspricht keine der Beiträgerinnen dem Bild der einfachen, alten Landfrau; die meisten waren junge Frauen aus den höheren Ständen, also nicht »unverbildet«, wie die Grimms gerne glauben wollten, sondern durchaus mit Literatur in Berührung gekommen. Alles in allem stellt sich daher die Frage, ob nicht entweder der Sammler/Bearbeiter oder der Lieferant des Märchens eine eigene Fassung geschaffen hat, die es rechtfertigen würde, ihn oder sie Autor(in) zu nennen. Umgekehrt gibt es Kunstmärchen, darunter einige des Dänen Hans Christian Andersen, die ihrer Struktur nach und auch stilistisch im Grunde Volksmärchen sind und in der Tat starke Ähnlichkeit mit bekannten Volksmärchen haben (z.B. Der Schweinehirt, Das Feuerzeug, Die wilden Schwäne).

Inhaltliche, strukturelle und stilistische Merkmale

Das wichtigste inhaltliche Kennzeichen von Märchen ist das Auftreten fantastischer Elemente wie Verwandlungen, sprechende Tiere und Zauberkräfte. Fantasiewesen wie Riesen, Zwerge, Hexen und Feen sind stark typisiert und haben bestimmte Funktionen, die sich relativ klar in Helfer und Gegenspieler unterteilen lassen (siehe Märchenfiguren). Im Mittelpunkt steht immer der Held bzw. die Heldin, die sich im Zuge der Handlung aus einer misslichen Lage befreit. Ort und Zeit sind in der Regel nicht explizit benannt, was ein Unterscheidungsmerkmal gegenüber Sagen ist. Märchenhelden sind nur durch allgemeine Merkmale charakterisiert, etwa Schönheit, Mut und Klugheit, während eine genauere Charakterisierung besonders der Psyche (und damit der Motive) fehlt. Gut und böse sind klar unterschieden, wobei die Guten meistens auch schön und die Bösen hässlich sind. Auch die Beschreibung körperlicher Merkmale beschränkt sich auf wenige Attribute (hoher Wuchs, langes Haar), die noch dazu vage sind (schön wie der junge Tag). Helles und Reines (weiß wie Schnee, goldenes Haar) gehört ins Reich des Guten, Dunkles und Schmutziges (Pechmarie, rußgeschwärztes Gesicht) in das des Bösen. Ein Makel des Helden ist etwas, was ihm oder ihr von einem missgünstigen Wesen angehext wurde und das es zu überwinden gilt. Der Held geht seinen Weg immer allein. Begegnungen mit Helfern oder Gegenspielern treiben die Handlung voran und markieren eine neue Etappe auf diesem Weg. Wenn ein Partner im Spiel ist, ist das zentrale Motiv fast immer die Überwindung der Trennung von diesem. Die Sprache ist einfach, jedoch voller Symbole (Farben, Zahlen, Gegenstände). Typisch sind außerdem formelhafte Wendungen und Reime sowie die dreifache, leicht abgewandelte Wiederholung von Handlungseinheiten, wobei die dritte Wiederholung eine entscheidende Wendung herbeiführt (Held wird für seine Mühen belohnt, der Bösewicht für seinen Frevel bestraft).

Märchen für Kinder und die Bedeutung von Bildern

Ursprünglich waren Volksmärchen und auch die ersten Buchmärchen nichts, was explizit für Kinder gedacht war. In älteren Märchensammlungen wie denen der Italiener Francesco Straparola (16. Jhd.) und Giambattista Basile (17. Jhd.) finden sich viele »nicht jugendfreie« Passagen, und auch die mit derben Ausdrücken und Schnörkeln gespickte Sprache kann (soweit dies anhand der Übersetzungen zu beurteilen ist) nicht als kindgerecht gelten. Ein entscheidender Schritt zur Etablierung von Märchenbüchern als Kinderliteratur war die »kleine Ausgabe« der Kinder- und Hausmärchen, für die die Brüder Grimm 50 Märchen auswählten, die ihnen für Kinder geeignet erschienen. Diese Ausgabe enthielt erstmals Illustrationen, was ein maßgeblicher Grund für deren kommerziellen Erfolg gewesen sein dürfte. Die Bedeutung von Märchenillustrationen für die Verbreitung von Märchen und ihre Verankerung im Kulturgut ist nicht hoch genug einzuschätzen. Kindern erleichtern sie den Zugang zu der fremden, fantastischen Welt, und Erwachsenen das Erinnern an die Märchenbücher ihrer Kindheit. Da, wie oben dargestellt, die Märchenfiguren im Text nur allgemein und vage beschrieben sind, stellt eine Illustration immer auch eine Verfeinerung und Interpretation dar. Beispielsweise kann die Prinzessin in Froschkönig ängstlich, neugierig, angewidert, hochmütig oder verspielt dargestellt — und somit interpretiert — werden. Bereits die Auswahl der illustrierten Szene stellt eine Interpretation dar, da sie ihr, absichtlich oder auch nicht, besondere Bedeutung zuweist. Mit dem Aufkommen bewegter Bilder die Bedeutung der bildlichen Darstellung im Vergleich zum Text noch zugenommen. In gewisser Weise ist durch den Film die Fixierung der Märchen wieder aufgelöst worden, da jeder neue Film seine eigene Version des Märchens erzählt. Populäre Animationsfilme haben ihre eigene Bildsprache geschaffen, die für viele Kinder zumindest gleichwertig neben dem (vor-)gelesenen Märchen und klassischen Illustrationen steht.

Märchensammlungen und Nationenbildung

Die im 19. Jahrhundert besonders in Deutschland aufkommende Idee der Kulturnation, also die Vorstellung, dass sich die Zugehörigkeit zu einem Volk bzw. einer Nation aus einer gemeinsamen Kultur ableitet, prägt bis heute unser Verhältnis zu Märchen. Zum einen kann die Verschriftlichung in Form von Märchensammlungen als ein Akt gesehen werden, durch den die Märchen aus dem Bereich der Tradition auf eine »höherwertige« Stufe, nämlich die der Kultur, gehoben wurden. Zum anderen wurden die Märchen dabei zu einem Teil der nationalen Identität, also »unsere Märchen« gegenüber den Märchen anderer Völker. Die Brüder Grimm schufen mit ihren Kinder- und Hausmärchen nicht nur eine bedeutende Sammlung deutscher Märchen, sondern auch eine Vorlage, nach der Volkskundler und Philologen anderer europäischer Länder ihrerseits Volksmärchensammlungen zusammenstellten (z.B. Alexander Nikolajewitsch Afanasjew in Russland, Thomas Crofton Croker in Irland, Peter Christian Asbjørnsen und Jørgen Moe in Norwegen). Betrachtet man diese Sammlungen, stößt man, was natürlich nicht überrascht, auf viele Gemeinsamkeiten. Das bedeutet jedoch nicht, dass einer von dem anderen »abgeschrieben« hätte (ebensowenig wie die Grimms aus älteren Sammlungen wie denen von Basile und dem Franzosen Charles Perrault abgeschrieben haben); vielmehr ist es ein Beleg für die Verbundenheit in der kulturellen Tradition. Bezeichnungen wie deutsche, französische, irische oder italienische Märchen sind vor diesem Hintergrund etwas fragwürdig, wegen ihrer Verbreitung und Akzeptanz aber dennoch praktikabel. Auch die auf Märchenatlas verwendeten Kategorien greifen diese Einteilung auf, bieten jedoch parallel dazu die Möglichkeit, sich an den Namen von Märchensammlern und -sammlungen zu orientieren.

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