Märchenquiz

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Riesen, Trolle, Menschenfresser

Riesen, Trolle, Menschenfresser

Der Unhold im Märchen

Das tapfere Schneiderlein. Illustration Alexander Zick

Das tapfere Schneiderlein. Illustration Alexander Zick,

In vielen Mythen, Märchen und Sagen übernehmen Riesen als menschenähnliche, aber ungehobelte Wesen die Rolle des tumben Gegenspielers des »edlen« und zivilisierten Helden. Der Konflikt des Helden mit dem Riesen ist dabei eine Auseinandersetzung mit überkommenen Denkstrukturen und Wertesystemen, in der die körperliche Überlegenheit des Riesen den positiven Charaktermerkmalen des Helden (Mut, Witz, Klugheit, …) gegenüber steht. Im modernen Märchen und in der Fantasy-Literatur tritt der Riese als differenzierterer Typus in Erscheinung, der zwar viele der den Riesen zugeschriebenen Merkmale aufweist (z.B. Grobschlächtigkeit, schlechte Manieren, einfaches Denken), aber gleichzeitig durch positive Eigenschaften wie Sanftmütigkeit, Sensibilität und Charakterfestigkeit zum Verbündeten des Helden wird. Oft werden diese Riesen dann als „Halbriesen“ eingeführt, also Wesen, deren einer Elternteil ein Riese, der andere aber ein Mensch ist. Der wohl populärste Vertreter dieser Gattung ist der Halbriese Hagrid aus den Harry-Potter-Romanen von J.K. Rowling.

In der griechischen Mythologie verkörpern Titanen, Giganten und Zyklopen die Naturgewalten und sind gleichzeitig die Gegenspieler der olympischen Götter. Das Alte Testament erwähnt den Kampf von David gegen (den Riesen) Goliath. In der nordischen bzw. germanischen Mythologie sind die Riesen übergroße Wesen, die von Anbeginn der Welt existieren und den Menschen wie den Göttern feindlich gesinnt sind. Die ersten Götter stammen von Riesen ab. In der »Ragnarök« (Götterdämmerung) wird der Untergang der Welt als Folge des Kampfes zwischen Göttern und Riesen besungen.

Troll, Theodor Kittelsen

Trollet som grunner på hvor gammelt det er, Theodor Kittelsen, 1911

In der Sagenwelt des Mittelalters und erst recht in den sich später ausformenden Märchenerzählungen blieb von den Riesen das Rohe und Gewalttätige, während Eigenschaften wie ursprüngliche Weisheit und Macht über die Naturgewalten teilweise verloren gingen. Der Riese tritt nun typischerweise entweder als groteske Figur auf (u.a. Rabelais Gargantua und Pantraguel), oder aber als brutaler Unhold (Menschenfresser, Oger, etwa in Perraults Kleinem Däumling, d’Aulnoy’s Der Orangenbaum und die Biene oder Basiles Floh sowie abgemildert in Das tapfere Schneiderlein, Der starke Hans und anderen Märchen der Brüder Grimm). Dumm und brutal gleichermaßen sind die Riesen, die einst England und Wales bevölkerten und von Jack dem Riesentöter zur Strecke gebracht werden. Die bekannteste Riesenfigur der deutschen Sagen- und Märchenwelt ist sicher der im Riesengebirge beheimatete Berggeist Rübezahl, der nie brutal, sondern allenfalls launisch und übelnehmerisch ist. Eine eigene Gattung von riesenhaften Fabelwesen bilden die aus der nordischen Mythologie entlehnten Trolle, die besonders in den skandinavischen Märchen zahlreich auftreten (siehe unter Troll), aber auch in unterschiedlichen Ausprägungen (mal gut, mal böse) von der Kinder- und Fantasy-Literatur übernommen wurden.