Fabel

Fabel

Fabeln sind kurze (teils sehr kurze) Erzählungen, die in Vers oder Prosa abgefasst sein können und offenkundig eine belehrende Absicht verfolgen. Die Handlung läuft ohne Nebenstränge auf eine Schlusspointe zu, die oft in Form eines moralischen Lehrsatzes zusammengefasst wird (Epimythion); diese »Moral« kann dem Haupttext auch vorangestellt sein (Promythion). Die Handelnden sind zumeist Tiere, seltener Pflanzen oder auch Gegenstände, denen menschliche Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeordnet sind. Die einzelnen Tiere verkörpern dabei einen bestimmten Typus bzw. Status, der in den verschiedenen Fabeln einer Fabelsammlung wiederholt auftritt. So ist der Löwe der Mächtigste in der Hierarchie, der Fuchs der Schlaue / Verschlagene, der Wolf der Rücksichtslose, die Ameise die Fleißige usw. Diese stereotype Charakterisierung findet sich auch in etlichen Tiermärchen wieder, die jedoch allgemein komplexere Handlungsstrukturen aufweisen (siehe auch Tiere im Märchen). Bei der Fabel wird die Handlung allein durch das Aufeinandertreffen zweier oder mehrerer gegensätzlicher Charaktere getrieben. Abgesehen von der Tatsache, dass die Tiere oder andere Protagonisten sprechen können, fehlen in der Fabel Elemente des Magischen (Verwandlungen, Zauberkräfte, magische Helfer usw.), die für Märchen so typisch ist (Ausnahmen sind einige wenige Tiermärchen).

In Abgrenzung zum Schwank, insbesondere dem Tierschwank, lässt sich feststellen, dass Komik bei der Fabel allenfalls dadurch ins Spiel kommt, dass einer der Protagonisten auf eine »komische« Art und Weise scheitert oder für sein unmoralisches Verhalten bestraft wird. Während beim Schwank der Spaß am Grotesken im Vordergrund steht, zielt der in der Schlusspointe einer Fabel steckende Witz darauf ab, den beabsichtigten Effekt – die Belehrung des Lesers oder Zuhörers – zu verstärken. Ein Beispiel ist die Fabel Der Fuchs und die Trauben: Nachdem der Fuchs erkannt hat, dass die von ihm begehrten Trauben außerhalb seiner Reichweite hängen, redet er sich sein Scheitern schön, indem er die Trauben sauer nennt. Dieser Meinungswandel ist so durchschaubar, dass er sich damit lächerlich macht; durch diese Lächerlichkeit wird dem Leser nahelegt, mit Misserfolgen ehrlicher umzugehen. Eine lächerliche Figur macht der Fuchs auch in der Fabel Der Fuchs und der Storch: Er hatte den Storch zum Essen eingeladen, jedoch die Speisen auf flachen Tellern serviert, womit der Storch nichts anfangen konnte. Doch der Storch versteht es, sich zu revanchieren. Beim Gegenbesuch bekommt der Fuchs einen duftenden Braten vorgesetzt – allerdings in einem langhalsigen Gefäß mit enger Öffnung, in das seine Fuchsschnauze nicht hineinpasst, so sehr er sich auch müht.

Geschichte

Als die ältesten Fabeln gelten außereuropäische Tierdichtungen aus dem frühen 2. Jahrtausend v. Chr. Für die europäische Fabel maßgeblich ist jedoch die Fabelsammlung des Äsop, der um 600 v. Chr. als Sklave auf Samos lebte. Seine kurzen Geschichten sind Gleichnisse und handeln von gewöhnlichen menschlichen Schwächen wie Hochmut, Neid oder Geiz, und ebenso gewöhnlich sind die Tiere, welche die entsprechenden Rollen übernehmen. Die erste Sammlung der äsopschen Fabeln erfolgte durch Demetrios von Phaleron (4./3. Jhd. v. Chr.); sie ging spätestens im 10. Jhd. n. Chr. verloren, beeinflusste aber Sammlungen und Bearbeitungen von Phaedrus (1. Jhd. n. Chr.), Babrios (1./2. Jhd. n. Chr.) und Avianus (um 400 n. Chr.), auf denen die uns überlieferten Sammlungen und Übersetzungen ins Deutsche beruhen. Nach der Erfindung des Buchdrucks fanden die Fabeln Äsops bei uns weite Verbreitung, besonders durch die 1476 in Ulm erschiene Ausgabe von H. Steinhöwel. In der Barockzeit fand die Fabel in ihrer Schlichtheit wenig Beachtung. Dies änderte sich mit Beginn der Aufklärung, wobei im deutschsprachigen Raum als wichtigster Fabeldichter Gotthold Ephraim Lessing zu nennen ist. Er veröffentlichte 1759 drei Bände mit dem Titel Fabeln. In Frankreich hatte Jean de La Fontaine bereits 1668 zwei Bände von Fabeln in Versform veröffentlicht.

Einen Bezug zur Fabel hat (vor allem wegen der Typisierung der Tiere) auch das Tierepos von Reineke Fuchs, das unter verschiedenen Namen und in vielen Fassungen seit dem Mittelalter in Europa nachzuweisen ist. Im deutschsprachigen Raum ist es vor allem in der Prosafassung von Johann Christoph Gottsched (1752) und als Versepos von Johann Wolfgang von Goethe (1794) bekannt. Es geht darin um den Gerichtsprozess, der gegen Reineke, den Fuchs, am Hofe des Königs Nobel (dem Löwen), abgehalten wird. Alle Tiere, besonders aber Isegrim, der Wolf, haben irgendetwas gegen den listigen Übeltäter vorzubringen und fordern dessen Bestrafung. Doch Reineke gelingt es mithilfe einer Lügengeschichte, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, Bär und Wolf in ein schlechtes Licht zu rücken und am Ende sogar vom Löwen zum Kanzler ernannt zu werden. Das Ganze ist offensichtlich eine Parodie der höfischen Gesellschaft, wobei typisch menschliche Verhaltensweisen und Eigenschaften wie Heuchelei, Eitelkeit, Dummheit und Gier aufs Korn genommen werden.

Ein moderner Klassiker, der auf der Idee der Fabel beruht ist Animal Farm (deutsche Übersetzung: Farm der Tiere) von George Orwell. Dort erheben sich die Tiere einer Farm gegen ihren Unterdrücker (den Bauer), anfänglich mit dem Ziel, eine Gesellschaft der Gleichen zu errichten. Doch bald übernehmen die Schweine das Kommando und errichten ein Herrschaftssystem, das für die Unterdrückten schlimmer ist als das vorherige.

Beispiele für bekannte Fabeln

Neben den beiden oben bereits erwähnten Fabeln vom Fuchs und den Trauben sowie vom Fuchs und vom Storch seien im Folgenden einige weitere erwähnt, deren Protagonisten in ähnlichen oder abgewandelten Rollen auch im Märchen häufig auftreten.

Rabe und Fuchs

Zunächst die Fassung von Äsop: Ein Rabe hat ein Stück Käse gefunden und will es auf einem Baum verspeisen. Ein vorbeikommender Fuchs hätte den Käse gern für sich und beginnt, dem Raben zu schmeicheln: er sei wunderschön und wenn sein Gesang genau so schön sei wie sein Gefieder, müsse man ihm zum König der Vögel machen. Der Rabe öffnet den Schnabel, um zu singen… und plumps, landet der Käse auf dem Boden, wo ihn der Fuchs schnell frisst. Die Moral: Hüte dich vor Schmeichlern.

In der Fassung von Lessing nimmt die Geschichte eine andere Wendung: Der Rabe findet ein Stück Fleisch, mit dem ein Gärtner die Katzen seines Nachbarn vergiften wollte. Der Fuchs schmeichelt dem Raben wie in Äsops Fabel, doch weil das Fleisch vergiftet ist, ist er derjenige, der dran glauben muss. Die Moral: Wer anderen schmeichelt, um sie zu übertölpeln und sich selbst einen Vorteil zu verschaffen, muss dafür bezahlen.

Das Lamm und der Wolf

Wieder zuerst die Fassung von Äsop: Ein Lamm trinkt an einem Bach, und etwas weiter oben näher an der Quelle, trinkt auch der Wolf. Der Wolf beschwert sich beim Lamm, es würde das Wasser trüben, aus dem er trinken will. Das Lamm wendet schüchtern ein, es könne das Wasser gar nicht trüben, weil es doch weiter unten am Bach stünde. (Daher die Redewendung »… kann kein Wässerchen trüben«.) Der Wolf wird zornig und wirft dem Lamm vor, es hätte das gleiche vor sechs Monaten schon einmal gemacht, zusammen mit seinem Vater, den er zur Strafe aufgefressen hat. Darauf das Lamm: Auch das könne nicht sein, es wäre erst vier Wochen alt und sein Vater sei schon vor seiner Geburt gestorben. Doch diese Einwände sind für den Wolf nur der Beweis für die Unverschämtheit und Heuchelei des Lamms; er reißt das Lamm in Stücke und frisst es auf. Die Moral: Der Böse wird für seine Missetaten immer einen Vorwand finden, um sein schlechtes Gewissen (das er gleichwohl hat) zu beruhigen.

La Fontaine erzählt diese Fabel ganz ähnlich. Allerdings stellt er seiner Fassung eine ironisch formulierte Moral voran, nämlich: »Der Starke hat immer recht. Das werden wir sogleich sehen.« Will heißen, es hat keinen Zweck, den Mächtigen mit vernünftigen Argumenten zu kommen; sie werden sich immer nehmen, was sie wollen, und dafür auch stets eine Rechtfertigung finden.

Die Fassung von Lessing weicht auch hier deutlich ab. Seine Fabel heißt Der Wolf und das Schaf, und schon die Ausgangskonstellation ist anders: Wolf und Schaf trinken an gegenüberliegenden Ufern eines Flusses, sodass das Schaf vor dem Wolf in Sicherheit ist. Das Schaf ruft dem Wolf zu: »Ich mache dir doch das Wasser nicht trübe?« Der Wolf versteht, dass ihn das Schaf verspottet, muss dies wegen der Breite des Flusses aber zähneknirschend hinnehmen.

Des Löwen Anteil

Diese Fabel Äsops ist in mehreren Fassungen überliefert (u.a. als Der Löwe, der Fuchs und der Esel; Der Löwe mit anderen Tieren auf der Jagd). Der Löwe geht mit dem Fuchs und dem Esel auf die Jagd. (In anderen Fassungen sind es auch mehrere Tiere.) Nachdem sie gute Beute gemacht haben, fordert der Löwe den Esel auf, diese zu teilen. Der Esel macht drei gleich große Haufen – und bezahlt diesen Fehler umgehend mit dem Leben. Nun soll der Fuchs die Aufgabe des Teilens übernehmen. Der hat seine Lektion gelernt: Er nimmt sich nur ein paar kleine Stücke und schiebt den überwiegenden Teil der Beute zu einem großen Haufen für den Löwen zusammen. (Daher die Redewendung vom »Löwenanteil«.) Die Moral: Meide die Gesellschaft der Mächtigen, denn du hast nicht viel zu gewinnen, aber sehr viel zu verlieren.

Externe Links

Märchenquiz

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