Tiere im Märchen: Der Wolf

Tiere im Märchen: Der Wolf

Von den Tieren, die als bestimmte Typen im Märchen vorkommen (siehe Übersichtsartikel Tiere im Märchen), hat wohl keines ein so schlechtes Image wie der Wolf — zumindest im europäischen und besonders im deutschen Märchen. Im Märchen vom Rotkäppchen ist er ein gefräßiger, niederträchtiger und hinterhältiger Geselle, der sich nicht zu schade ist, seine Gier an einer alten, kranken Frau und einem arglosen, kleinen Mädchen zu stillen. Dabei geht er durchaus trickreich vor, indem er Rotkäppchen zuerst über ihr Ziel ausfragt, sie dann dazu verführt, die Mahnungen der Mutter missachtend abseits des rechten Weges Blumen zu pflücken und sich schließlich, als Großmutter verkleidet, in deren Bett legt, um Rotkäppchen zu packen und zu verschlingen. In der Fassung des Franzosen Charles Perrault (Le petit chaperon rouge) ist die Gefräßigkeit des Wolfes eine Metapher für die sexuelle Gier (Wollust).

Little Red Riding Hood

Rotkäppchen, Illustration Jessie Wilcox Smith

Ähnlich die Rolle des Wolfes im Märchen von den sieben Geißlein: Hier sind seine Opfer auf der Hut, denn von ihrer Mutter wissen sie genau, dass sie vom Wolf nichts Gutes zu erwarten haben. Erst nach mehreren vergeblichen Anläufen gelingt es dem Wolf, die Geißlein zu täuschen und sie sich einzuverleiben — bis auf eines, das sich im Uhrenkasten versteckt. Jedoch reicht die Schläue des Wolfes nur eben bis zu dem Moment, in dem er sich den Magen gefüllt hat, aber nicht darüber hinaus. Anstatt sich nach seiner räuberischen Tat in Sicherheit zu bringen, schläft er träge an Ort und Stelle ein und wird so selbst zur Beute. In beiden Märchen ist es der Jäger, der den Wolf am Ende zur Strecke bringt. In der Figur des Jägers spiegelt sich die wahre Natur des Wolfes, der seinem Wesen nach selbst ein Jäger und somit ein Konkurrent des Menschen ist. Doch ist der Wettstreit zwischen Wolf und menschlichem Jäger in diesen Märchen auch in moralischer Hinsicht klar entschieden. Der Wolf jagt sozusagen aus niedrigen Instinkten, der Jäger hingegen, um für Ordnung und zivilisiertes Miteinander zu sorgen. Der Hauptgrund für die Unterlegenheit des Wolfes ist letztlich seine Dummheit, die mit den übrigen schlechten Eigenschaften einhergeht. Noch deutlicher wird der Wolf in verschiedenen Tiermärchen als dumm und gefräßig charakterisiert, wobei er häufig mit dem schlauen und maßvollen Fuchs kontrastiert (Der Wolf und der Mensch, Der Wolf und der Fuchs).

The Wolf and the Seven Young Goats

Der Wolf und die sieben Geißlein, illustriert von H. Leutemann und C. Offterdinger

Die so überaus negative Typisierung des Märchenwolfs muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass viele unserer Märchen (gerade auch die beiden genannten) vermutlich in der frühen Neuzeit jene Form annahmen, in der sie später verschriftlicht wurden. Eines der Kennzeichen für den Beginn dieser Epoche ist die starke wirtschaftliche Expansion, während der der Mensch einen immer größeren Teil der Fläche für die landwirtschaftliche Nutzung beanspruchte. Für den Wolf bedeutete dies, dass sein natürlicher Lebensraum immer mehr zurückgedrängt, zerschnitten oder eingeschränkt wurde. In der Folge kam es zu unangenehmen Begegnungen mit dem Wolf, sei es in Form von direkten Angriffen auf Menschen oder auch »nur« in Form von gerissenen Nutztieren (vor allem Schafen). Der Wolf wurde zur Projektionsfläche für vielfältige Ängste: vor dem Gefressenwerden, vor dem wirtschaftlichen Ruin und wohl auch vor den eigenen Trieben, die den Gegensatz zu der als erstrebenswert gesehenen Zivisiliertheit bildeten und die das ungezähmte, wilde Tier vor Augen führte. Mag der Wolf zuvor ein wildes, starkes und auch gefährliches Tier gewesen sein, dem man besser aus dem Wege ging, wandelte sich sein Image nun zu dem eines Schädlings, den es auszurotten galt.

Der wirtschaftliche Wandel in der frühen Neuzeit war begleitet von Krisen, Kriegen und Seuchen, was den Boden für Aberglauben und Hexenwahn bereitete (siehe Hexen im Volksglauben und im Märchen). Im Zuge dieser Entwicklung wurde der Wolf nicht einfach nur als (Wirtschafts-)Schädling gesehen, sondern geradezu dämonisiert. Die Metapher vom Hirten und den Lämmern weist dem Wolf im Christentum von je her die Rolle des Bösen zu, doch mussten offenbar erst mehrere Faktoren zusammenkommen, bevor aus einer problematischen, aber stabilen Koexistenz offene Feindschaft wurde. An den Mythos vom Werwolf anknüpfend, wurde der Wolf in direkte Verbindung mit Hexen und dem Teufel gebracht. Etwaige moralische Bedenken, dass man eines von Gottes Geschöpfen, selbst ein so unerquickliches wie den Wolf, nicht einfach auslöschen dürfe, konnten mit diesem »Argument« beiseite geschoben werden. Die Ausrottung des Wolfes in Mitteleuropa erfolgte im Wesentlichen vom 16. bis ins 18. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert wurden nur noch wenige Wölfe gesichtet, sehr wahrscheinlich durchziehende Einzeltiere. 1904 wurde in der Lausitz ein als „Tiger von Sabrodt“ bekannt gewordener Wolf erschossen (man nahm zunächst an, dass es sich um einem entlaufenen Zirkustiger handelt). Dieses Exemplar galt für lange Zeit als letzter freilebender Wolf auf deutschem Staatsgebiet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderten gelegentlich Einzeltiere ein, und ungefähr seit der Jahrtausendwende gibt es wieder eine wachsende Zahl von sich reproduzierenden Rudeln.

Die Wiederansiedlung des Wolfes in Mitteleuropa polarisiert, wobei die Pro-Wolf-Fraktion der Contra-Fraktion vorwirft, einer Vorstellung vom Wolf anzuhängen, die dem Märchen von Rotkäppchen entstammt. Der umgekehrte Vorwurf lautet, die Freunde des Wolfes hätten romantische Vorstellungen von der Wildnis, wie sie nur Stadtmenschen haben können. Im historischen Maßstab sind diese unterschiedlichen Sichtweisen nichts Neues, denn auf’s Ganze gesehen (zeitlich und historisch) muss die Einstellung des Menschen zum Wolf als ambivalent bezeichnet werden; die stark negative Sichtweise in der frühen Neuzeit ist eher eine Ausnahme. Weder in der antiken, noch in der nordischen, germanischen oder keltischen Mythologie hat der Wolf ein so eindeutig negative Symbolik wie in der Bibel. Die positive, mütterliche Seite hebt besonders die Legende von Romulus und Remus, den Gründern Roms hervor, die angeblich von einer Wölfin gesäugt und aufgezogen wurden. In der nordischen/germanischen Mythologie sind die beiden Wölfe Geri und Freki (»der Gierige« und »der Gefräßige«) Begleiter des Gottes Odin und symbolisieren vor allem Stärke und Macht. In der Rolle des starken Begleiters begegnet uns der Wolf in Märchen vom Typ der dankbaren Tiere (siehe Die dankbaren Tiere von Straparola oder auch Die Zwei Brüder von den Brüdern Grimm), wo er auf einer Stufe mit ebenfalls gefährlichen, aber edlen Tieren wie Löwe und Bär steht.

Eine grundsätzlich positivere Rolle spielt der Wolf in vielen russischen Märchen. Leider sind diese auf Märchenatlas bislang noch etwas unterrepräsentiert, doch bietet zumindest das ausführlich behandelte Märchen Iwan Zarewitsch, der Feuervogel und der graue Wolf ein besonders schönes Beispiel. Hier ist der Wolf der starke und zugleich kluge Ratgeber des Märchenheld, eine Rolle, die in dem ähnlichen Märchen Der goldene Vogel der Brüder Grimm ein Fuchs übernimmt.

Abschließend sei noch ein Märchen erwähnt, in dem das Verhältnis des Wolfes zu seinem domestizierten Nachfahr, dem Hund verhandelt wird — freilich aus der nicht unparteiischen Sicht des Menschen. In Der alte Sultan klagt ein alt und unnütz gewordener Hund dem Wolf, dass sein Herr, der Bauer, ihn demnächst erschießen will. Der Wolf ersinnt eine List, durch die sich der Hund in ein äußerst positives Licht rücken kann. Der Bauer kann nun nicht anders, als den treuen Hund zu verschonen und ihm einen angenehmen Lebensabend zu bereiten. Allerdings erwartet der Wolf nun vom Hund eine kleine Gegenleistung: er möchte sich gern ein Schaf aus dem Stall des Bauern holen, und der Hund soll ihm dabei behilflich sein. Doch der Hund fühlt sich seinem Herrn verpflichtet, nicht dem Wolf. Es kommt zum Kampf zwischen den Haustieren (angeführt vom Hund) und den wilden Tieren (angeführt vom Wolf), der den erwarteten Ausgang nimmt.

NEU: Märchenquiz

quiz-bild