Märchenquiz

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Tiere im Märchen: Der Löwe

Tiere im Märchen: Der Löwe

Während der Löwe in der Fabel unangefochten seinen Platz als »König der Tiere« einnimmt, tritt er im (europäischen) Märchen seltener auf als andere wilde, gefährliche Tiere, etwa der Bär, der Fuchs und vor allem der Wolf. Dies liegt natürlich an dem Umstand, dass Letztere den Menschen, die unsere Märchen von Generation zu Generation weitergetragen und geformt haben, aus persönlichem Erleben bekannt waren – einen echten Löwen dagegen dürfte kaum ein Europäer je zu Gesicht bekommen haben. Da in der Antike der Mittelmeerraum und wohl auch der Balkan noch zum Verbreitungsgebiet der Löwen gehörte, wussten unsere Vorfahren immerhin von der Existenz des Raubtiers und hatten auch eine gewisse Vorstellung von dessen Größe und Aussehen. Eine wichtige Rolle für die Verbreitung dieses Wissens spielte der Physiologus, ein in frühchristlicher Zeit in griechischer Sprache verfasstes und in viele Sprachen übersetztes Buch, in dem reale Tiere, aber auch Fabelwesen, beschrieben und christlich-typologisch gedeutet werden. Über den Löwen heißt es dort unter anderem, dass die Löwin ihr Junges tot zur Welt bringt, es aber behütet, bis am dritten Tag der männliche Löwe kommt und dem Jungen ins Antlitz bläst (oder brüllt), um es zum Leben zu erwecken. Das Löwenjunge steht hier also für Christus, der durch den Willen Gottes von den Toten aufersteht. (Andererseits heißt es im ersten Petrusbrief: »Euer Widersacher der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe, suchend, wen er verschlinge.« Auch gilt der dem Löwen zugeschriebene Stolz als eines der sieben Laster.) Weiter nennt der Physiologus als Eigenart des Löwen, dass dieser wacht, auch wenn er scheinbar schlummert. Als steinerne Wächterfigur und vor allem in der Heraldik symbolisiert der Löwe Macht und Würde. Der romanische Doppellöwe – der eine verschlingt einen Menschen, der andere speit ihn wieder aus – drückt wiederum die christliche Vorstellung von Leben, Tod und Auferstehung aus. Die Beobachtung, dass sich der männliche Löwe nur selten an der Jagd beteiligt, sehr wohl aber seinen Löwenanteil bekommt und im Übrigen seine Aufgabe in der Aufrechterhaltung der Ordnung im Rudel sieht, lässt den »König der Tiere« zum Vorbild für menschliche Herrscher werden.

The Lady and the Lion

Das singende, springende Löweneckerchen, Illustration von Arthur Rackham

Beispiele

Als Begleiter und zweites Ich des Königs tritt der Löwe in dem Grimm’schen Märchen Die zwölf Jäger auf. Ein Königssohn vergisst seine Braut, nachdem er seinem Vater am Sterbebett versprochen hat, eine Andere zu heiraten. Die vergessene Braut sucht, als Jäger verkleidet, seine Nähe. Der Königssohn erkennt sie nicht, doch er hat einen Löwen (Wächter!) als Berater, der ihn dreimal darauf aufmerksam macht, dass mit dem vermeintlichen Jäger etwas nicht stimmt. Schließlich erkennt er die vergessene Braut an ihrem Ring und schickt die vom Vater ausgesuchte Andere zurück.

Gelegentlich tritt der Löwe im Märchen in folgender Konstellation auf: als eines von mehreren starken Tieren bildet er das Gefolge des Märchenhelden, dem er treu zur Seite steht und bei schwierigen Aufgaben hilft. Als Beispiel sei das Märchen Die dankbaren Tiere aus dem Pentamerone von Giambattista Basile genannt. Eine Abwandlung dieses Motivs findet sich in Clemens Brentanos Märchen von dem Witzenspitzel: Hier bildet der Löwe zusammen mit Bär, Wolf und Hund die Gefolgschaft des Gegenspielers des Helden (ein dummer, böser Riese), während der Held selbst auf die Hilfe vermeintlich schwacher Tiere setzt. Ein groteskes Gespann mit anderen großen Tieren bildet der Löwe in dem Schwank Von dem Tode des Hühnchen (Brüder Grimm): Alle lassen sie sich vom schwächsten Tier, dem Hahn, ziehen, was klarerweise nicht gut ausgeht.

Ein besonders schönes Märchen, in dem ein Löwe auftritt, ist Das singende, springende Löweneckerchen (ebenfalls Brüder Grimm). Das im Titel erwähnte Löweneckerchen ist ein kleiner Singvogel, der nur am Beginn des Märchens einen kurzen Auftritt hat; bei diesem Auftakt bringt sich ein Kaufmann unvorsichtigerweise in die Lage, seine jüngste Tochter mit einem Löwen zu verheiraten (vgl. Die Schöne und das Biest, Amor und Psyche).