Tiere im Märchen: Der Hund

Tiere im Märchen: Der Hund

Der Hund (biologisch korrekt: der Haushund) begleitet den Menschen seit schätzungsweise 25.000 Jahren; seine wilde Stammform ist der Wolf. Als Hüter von Viehherden und als Wächter des Hauses hatte er von je her größte Bedeutung für das Wohlergehen des Menschen. Geschätzt für seinen Spür- und Orientierungssinn, sein gutes Gehör und allgemein seine Wachsamkeit ist der Hund für den Menschen weit mehr als nur ein Nutztier – vielen gilt er aufgrund seiner Anhänglichkeit und seiner Gelehrigkeit als Freund. Angesichts dieser engen Verbindung ist es wenig erstaunlich, dass er in fast allen Mythologien eine wichtige Rolle spielt. Wie zuvor der Wolf ist der Hund Begleiter antiker Gottheiten, so unter anderem von Artemis (griechische Göttin der Jagd). Da er mit seinen Sinnen Dinge wahrnehmen kann, die dem Menschen zumindest vorerst verborgen bleiben, gilt er als Wächter an der Grenze zum Unbewussten sowie zuweilen als Orakeltier, dessen »Instinkt« der Urteilskraft des rein vernunftgesteuerten Menschen zumal in Gefahrensituationen überlegen ist. Die Verbindung zur »Nachtseite« manifestiert sich besonders in der Vorstellung vom Kerberos (auch Zerberus, dem Höllenhund der griechischen Mythologie)

Mit der patriarchalen Umdeutung matriarchaler Mythen erfuhr der Hund wie beispielsweise auch Kuh und Esel eine Abwertung, die sich unter anderem in der Redewendung »auf den Hund gekommen« widerspiegelt. Vom negativen Image des Haustiers zeugen auch Adjektive wie »hundsgemein« oder »hundsmiserabel« und erst recht Schimpfwörter wie »Schweinehund«, »fauler Hund« und »feiger Hund«. Im Aberglauben tritt der Hund gelegentlich als Begleiter der Hexe auf, und der schwarze Pudel gilt gar als eine Verkörperung des Teufels (am bekanntesten in Goethes Faust; im Märchen zum Beispiel in Die Nelke).

Anhand von Märchen, in denen Hunde vorkommen, lässt sich der sich wandelnde Symbolgehalt des Hundes belegen. Die erste Gruppe von Märchen (drei Märchen der Brüder Grimm sowie ein französisches Märchen) sieht den Hund als ausgestoßenes, elendes oder gar verachtetes Geschöpf.

  • Der alte Sultan (Brüder Grimm): Einem alten, nutzlos gewordenen Hund wird seine jahrelange Treue nicht gedankt – er soll erschossen werden. Sei alter Verwandter, der Wolf, unterstützt ihn bei der Ausführung eines Plans, der ihm einen ehrenvollen Platz bei seinem Herrn sichert. Als der Wolf dafür eine Gegenleistung verlangt, die den Herrn des Hundes schädigen würde, entscheidet sich der Hund gegen den Wolf und für den Menschen.
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Der Hund als Beschützer (Illustration von Otto Ubbelohde zu Der alte Sultan)

  • Die Bremer Stadtmusikanten (Brüder Grimm): Der Hund ist neben der Katze und dem Hahn eines der ausgemusterten Tiere, welche der ebenfalls ausgemusterte Esel um sich schart, um »etwas besseres zu finden als den Tod«. Die Tiere stehen hier stellvertretend für die Ausgenutzen, Gedemütigten und Verachteten.
  • Der Biedermann und sein Hund Armut: Auch in diesem französischen Märchen (ähnlich: Der Schmied von Jüterbog) ist der Hund zusammen mit seinem Herrn buchstäblich auf den Hund gekommen.
  • Der Hund und der Sperling (Brüder Grimm): Der Hund muss bei seinem Herrn Hunger leiden, läuft weg und findet in dem Sperling einen treuen Freund.
  • Die Lebenszeit (Brüder Grimm): In diesem kurzen Schwank wird auf das sprichwörtliche Hundeleben angespielt – Treue wird mit Undank vergolten, und hat der Hund erstmal seine scharfen Zähne verloren, verschwindet auch das letzte bisschen Respekt.

Anders dagegen sind die Hunde in den folgenden Märchen zu deuten.

  • Das Feuerzeug: In diesem Märchen von Hans Christian Andersen wird zunächst die alte mythologische Vorstellung vom Höllenhund mit dem Aberglauben vom Hund als Begleiter der Hexe verbunden. Im weiteren Verlauf werden die drei Hunde zu dienstbaren Geistern des Märchenhelden, ähnlich dem Geist aus der Flasche (Dschinni). Obwohl aus dramaturgischen Gründen nur ein Hund nötig wäre, sind es derer drei – vielleicht eine Reminiszenz an den häufig mit drei Köpfen dargestellten Kerberos.
  • Der Frost (russisches Märchen, auch bekannt als Väterchen Frost): Ein Mädchen wird von ihrer Stiefmutter schlimmer als ein Hund behandelt. Nachdem sie von Väterchen Frost vor dem Erfrieren gerettet wurde, verkündet der Hund unterm Tisch (ihr natürlicher Verbündeter), dass sie bald einen reichen Mann heiraten wird. Der Stiefschwester hingegen weissagt er den baldigen Tod. Beides geht in Erfüllung – der Hund hat hier die ältere Bedeutung des Orakels.
  • Petrosinella (Giambattista Basile): In diesem Märchen, das starke Ähnlichkeit mit Rapunzel hat, versucht ein durch Zauberkraft herbeigerufener Hund, das Mädchen vor der Hexe zu beschützen. Er erweist sich jedoch als nicht stark genug; erst sein wilder Verwandter, der Wolf, kann die Hexe besiegen – indem er sie auffrisst. Der Hund ist hier das Bindeglied zwischen der realen Welt des Mädchens und der »dunklen Seite«, auf der sich Wolf und Hexe begegnen.
  • Die bezauberte Hirschkuh (Giambattista Basile): Hier tritt der Hund als Begleiter des Jägers auf. Indem dieser den Hund an die Kette legt, verliert er seine Kraft und kann von dem übernatürlichen Gegenspieler (in Gestalt der Hirschkuh) gefangen genommen werden.

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