Die Stiefmutter im Märchen

Die böse Stiefmutter ist neben der Hexe eine im europäischen Märchen häufig vorkommende Märchenfigur. Als Gegenspielerin der Heldin (seltener des Helden) treibt sie die Handlung voran, wobei sie nicht selten von magischen Kräften Gebrauch macht und insofern tatsächlich der Hexe ähnelt.

Schneewittchen und Stiefmutter. Illustration Carl Offterdinger
Schneewittchen und Stiefmutter. Illustration Carl Offterdinger

Neben ihr bleibt der (leibliche) Vater eine ausgesprochen blasse Gestalt. Dieser macht — wenn überhaupt — nur zaghafte Einwände gegen die schlechte Behandlung seines Kindes durch die neue Frau geltend. Den bösen Stiefvater als männliches Pendant zur bösen Stiefmutter gibt es im Märchen nicht. Auffällig ist auch, dass häufiger (Stief-)Töchter als (Stief-)Söhne unter der bösen Stiefmutter zu leiden haben. Vieles davon ist nur zu erklären, wenn man von einer matrilinearen Erbfolge (über die mütterliche Linie) ausgeht.

Die Stiefmutter als Konkurrentin

Das wahrscheinlich bekannteste Stiefmutter-Märchen, Schneewittchen, handelt von der direkten Konkurrenz zwischen Stiefmutter und -tochter. Dabei geht es nur auf den ersten Blick um Schönheit und weibliche Eitelkeit. Die Konsequenz, mit der die Stiefmutter Schneewittchen noch bis hinter sieben Berge verfolgt, lässt sich ohne weiteres rational interpretieren. Bei einer matrilinearen Erbfolge wird der zukünftige Ehemann von Schneewittchen König, während die Stiefmutter leer ausgeht. Bei patrilinearer Erbfolge entfiele dieses starke Mordmotiv, denn die noch junge Stiefmutter könnte einen männlichen Thronfolger zur Welt bringen.

Bevorzugung der eigenen Töchter

Zahlreicher sind jedoch die Stiefmutter-Märchen, bei denen nicht die Stiefmutter selbst in Konkurrenz zur Märchenheldin steht, sondern vielmehr ihre Töchter. Hierzu zählt die große Gruppe der Aschenputtel-Märchen. Durch die Heirat eines Witwers mit einer Witwe wird eine Patchwork-Familie gebildet, in der die Frau das Sagen hat. Die Müttertöchter werden verwöhnt, während die Vatertochter unterdrückt und ausgebeutet wird. Auf magische Weise bleibt die Vatertochter mit ihrer toten Mutter verbunden, was ihr schließlich zur Durchsetzung verhilft.

Dass patchworkartige Familienkonstellationen in früheren Jahrhunderten nicht selten waren, ist angesichts der deutlich geringeren Lebenserwartung sowie der vergleichsweise hohen Sterblichkeiten von Müttern bei Geburten plausibel und historisch belegt. Insofern haben die zahlreichen Erzählungen über Stiefverhältnisse einen realen Hintergrund. Umstritten ist hingegen, ob die zweite Ehe des hinterbliebenen Elternteils für die Halbwaisen tatsächlich von Nachteil war. Oder genauer gesagt: ob der Nachteil der problematischen Familienkonstellation größer war als der Vorteil, den ein vollzähliger Hausstand mit zwei arbeitenden Erwachsenen bot. Deshalb ist die Deutung der bösen Stiefmutter als Phantasiegestalt nicht von der Hand zu weisen.

Mütter und Stiefmütter

Um das Bild der guten, fürsorglichen Mutter aufrechtzuerhalten, nimmt das von zwiespältigen Gefühlen geplagte und in seiner Entwicklung gehemmte Kind eine Abspaltung aller bösen Aspekte vor. Diese projiziert es dann auf die Gestalt der Stiefmutter. Auf diese Weise wird die Stiefmutter gleichzeitig zu einem dämonischen Wesen. Der Hexe ähnlich ist sie mit magischen Kräften ausgestattet, und kann etwa ihre Gestalt ändern oder plötzlich aus dem Nichts erscheinen. Für die Interpretation, dass die Stiefmutter eigentlich die Mutter, jedoch ihr böser Anteil ist, spricht auch die in etlichen Märchenversion zu verfolgende Wandlung der Mutter (ältere Version) in eine Stiefmutter (neuere Version).

Dies ist etwa in Hänsel und Gretel der Fall. In der ersten Fassung ist es noch die Mutter, die ihren Mann die Kinder im Wald aussetzen lässt, später dann die Stiefmutter. In Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein entspricht die Familienkonstellation der von Aschenputtel. Eine Frau hat zwei geliebte Töchter und eine ungeliebte (Zweiäuglein), jedoch ist laut Text auch Zweiäuglein eine leibliche Tochter. Einen weiteren Märchentyp, in dem die Stiefmutter als treibende Kraft auftritt, bilden die Märchen von den ungleichen Stiefschwestern, die eine freundlich, die andere garstig. Dazu gehören u.a. Frau Holle (Brüder Grimm), Die Feen (Charles Perrault), Die beiden Kuchen (Giambattista Basile) und Der Frost (Alexander Afanasjew).

Dämoninnen

In einigen Märchen wird die Urangst, gefressen zu werden, auf die Stiefmutter projiziert (Von dem Machandelboom). Manche besonders schauerlichen Exemplare der Stiefmutter überziehen nicht nur ein einzelnes Kind mit ihrem Hass, sondern gleich die gesamte übernommene Nachkommenschaft ihres Ehemanns (Brüderchen und Schwesterchen, Die wilden Schwäne). In diesen Märchen muss eines der Kinder (auch hier oft ein Mädchen) ihre in Tiere verzauberten Geschwister erlösen. In Das Lämmchen und Fischchen verwandelt die Stiefmutter Bruder und Schwester in einen Fisch bzw. ein Lamm. Das Lamm will sie später schlachten lassen und es Gästen vorsetzen, was allerdings der Koch vereitelt.

Schwiegermütter

Als böse Gegenspielerin der Märchenheldin tritt gelegentlich auch die Schwiegermutter auf. Das geschieht jedoch in einer späteren Entwicklungsphase, in der die Heldin schon fast am Ziel ist und ihr das Glück wieder entgleitet. So in Die schlafende Schöne im Wald, einem französischem Märchen, das die Hauptmotive von Schneewittchen und Dornröschen kombiniert. Hier wird die Heldin zuerst von ihrer Stiefmutter malträtiert. Nachdem sie den Prinzen geheiratet hat, übernimmt dessen Mutter diese Rolle. Ähnlich ergeht es der Heldin von Musäus‘ Märchen Die Nymphe des Brunnens. Sie wird zuerst von ihrer Stiefmutter vernachlässigt und gerät dann durch deren Verschwendungssucht in Not. Nachdem sie trotz des sozialen Absturzes einen Grafen geheiratet hat, folgt die Verleumdung durch dessen Mutter.

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