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Die Stiefmutter im Märchen | Märchenatlas

Die Stiefmutter im Märchen

Die Stiefmutter im Märchen

Schneewittchen, Illustration Offterdinger und Leutemann

Schneewittchen und Stiefmutter, Illustration Offterdinger / Leutemann

Die böse Stiefmutter ist neben der Hexe eine im europäischen Märchen häufig vorkommende Märchenfigur. Als Gegenspielerin der Heldin (seltener des Helden) treibt sie die Handlung voran, wobei sie nicht selten von magischen Kräften Gebrauch macht und insofern tatsächlich der Hexe ähnelt. Neben ihr bleibt der (leibliche) Vater eine ausgesprochen blasse Gestalt, die — wenn überhaupt — nur sehr zaghafte Einwände gegen die schlechte Behandlung seines Kindes bzw. seiner Kinder durch die neue Frau geltend macht. Den bösen Stiefvater als männliches Pendant zur bösen Stiefmutter gibt es im Märchen nicht. Auffällig ist auch, dass häufiger (Stief-)Töchter als (Stief-)Söhne unter der bösen Stiefmutter zu leiden haben. Vieles davon ist nur zu erklären, wenn man von einer matrilinearen Erbfolge (über die mütterliche Linie) ausgeht. Das wahrscheinlich bekannteste Stiefmutter-Märchen, Schneewittchen, handelt von der direkten Konkurrenz zwischen Stiefmutter und -tochter, doch geht es dabei nur auf den ersten Blick um Schönheit und weibliche Eitelkeit. Die Konsequenz mit der die Stiefmutter Schneewittchen noch bis hinter sieben Berge verfolgt, lässt sich ohne weiteres rational, geradezu kriminalistisch interpretieren: bei einer matrilinearen Erbfolge wird der zukünftige Ehemann von Schneewittchen König, während die Stiefmutter leer ausgeht. Bei patrilinearer Erbfolge entfiele dieses starke Mordmotiv, denn die noch junge Stiefmutter könnte einen männlichen Thronfolger zur Welt bringen.

Zahlreicher sind jedoch die Stiefmutter-Märchen, bei denen nicht die Stiefmutter selbst in Konkurrenz zur Märchenheldin steht, sondern vielmehr ihre Töchter. Hierzu zählt die große Gruppe der Aschenputtel-Märchen. Durch die Heirat eines Witwers mit einer Witwe wird eine Patchwork-Familie gebildet, in der die Frau das Sagen hat und die Müttertöchter verwöhnt werden, während die Vatertochter unterdrückt und ausgebeutet wird. Auf magische Weise bleibt die Vatertochter mit ihrer toten Mutter verbunden, was ihr schließlich zur Durchsetzung verhilft. Dass patchworkartige Familienkonstellationen in früheren Jahrhunderten nicht selten waren, ist angesichts der deutlich geringeren Lebenserwartung sowie der vergleichsweise hohen Sterblichkeiten von Müttern bei Geburten plausibel und historisch belegt. Insofern haben die zahlreichen Erzählungen über Stiefverhältnisse einen realen Hintergrund. Umstritten ist hingegen, ob die zweite Ehe des hinterbliebenen Elternteils für die Halbwaisen tatsächlich von Nachteil war oder genauer gesagt: ob der Nachteil der problematischen Familienkonstellation größer war als der Vorteil, den ein vollzähliger Hausstand mit zwei arbeitenden Erwachsenen bot. Deshalb ist die Deutung der bösen Stiefmutter als Phantasiegestalt nicht von der Hand zu weisen: um das Bild der guten, fürsorglichen Mutter aufrecht zu erhalten, nimmt das von zwiespältigen Gefühlen geplagte und in seiner Entwicklung gehemmte Kind eine Abspaltung aller bösen Aspekte vor, mit der die Gestalt der Stiefmutter gefüllt wird. Auf diese Weise wird die Stiefmutter gleichzeitig zu einem dämonischen Wesen, der Hexe ähnlich und mit magischen Kräften ausgestattet, etwa ihre Gestalt zu ändern oder plötzlich aus dem Nichts zu erscheinen. Für die Interpretation, dass die Stiefmutter eigentlich die Mutter, jedoch ihr böser Anteil ist, spricht auch die in etlichen Märchenversion zu verfolgende Wandlung der Mutter (ältere Version) in eine Stiefmutter (neuere Version). Dies ist etwa in Hänsel und Gretel der Fall: in der ersten Fassung ist es noch die Mutter, die ihren Mann die Kinder im Wald aussetzen lässt, später dann die Stiefmutter. In Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein entspricht die Familienkonstellation der von Aschenputtel: zwei geliebte Töchter und eine ungeliebte (Zweiäuglein), jedoch ist laut Text auch Zweiäuglein eine leibliche Tochter. Einen weiteren Märchentyp, in dem die Stiefmutter als treibende Kraft auftritt, bilden die Märchen von den ungleichen Stiefschwestern, die eine freundlich, die andere garstig. Dazu gehören u.a. Frau Holle (Brüder Grimm), Die Feen (Charles Perrault), Die beiden Kuchen (Giambattista Basile) und Der Frost (Alexander Afanasjew).

In einigen Märchen wird die Urangst, gefressen zu werden, auf die Stiefmutter projiziert (Von dem Machandelboom). Manche besonders schauerlichen Exemplare der Stiefmutter überziehen nicht nur ein einzelnes Kind mit ihrem Hass, sondern gleich die gesamte übernommene Nachkommenschaft ihres Ehemanns (Brüderchen und Schwesterchen, Die wilden Schwäne). Solche Märchen setzen eine Handlung in Gang, bei der eines der Kinder (auch hier oft ein Mädchen) ihre in Tiere verzauberten Geschwister erlösen muss.

Als böse Gegenspielerin der Märchenheldin tritt gelegentlich auch die Schwiegermutter auf, jedoch in einer späteren Entwicklunsphase, in der die Heldin schon fast am Ziel ist und ihr das Glück wieder aus den Händen gerissen wird. So in Die schlafende Schöne im Wald, einem französischem Märchen, das die Hauptmotive von Schneewittchen und Dornröschen kombiniert: hier wird die Heldin zuerst von ihrer Stiefmutter malträtiert und dann, nachdem sie den Prinzen geheiratet hat, von dessen Mutter. Ähnlich ergeht es der Heldin von Musäus‘ Märchen Die Nymphe des Brunnens, die zuerst von ihrer Stiefmutter vernachlässigt wird, dann durch deren Verschwendungssucht in Not gerät und nachdem sie trotz des sozialen Absturzes einen Grafen geheiratet hat, von dessen Mutter infam verleumdet wird.

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