Contes de ma mère l’Oye — Charles Perrault

Contes de ma mère l’Oye — Charles Perrault

Der französische Beamte und Schriftsteller Charles Perrault (*1628, †1703) ist der Nachwelt vor allem durch seine Märchensammlung bekannt: Contes de ma mère l’Oye — Märchen meiner Mutter Gans.

Gemeint ist mit diesem etwas merkwürdigen Titel, dass die Märchen so alt sind wie Bertha (Bertrada), die Mutter Karls des Großen, die der Sage nach einen großen Fuß (Gänsefuß) hatte. Wie alt die Märchen tatsächlich sind, wo ihre Wurzeln liegen und wer wann was hinzugefügt oder verändert hat, lässt sich natürlich nicht feststellen. Größtenteils wurden sie wohl mündlich überliefert, einige finden sich auch schon in schriftlicher Form bei früheren Märchenautoren oder -sammlern. Giambattista Basiles Pentameron beispielsweise enthält bereits Fassungen der Märchen Cendrillon (Cinderella, Aschenbrödel, Aschenputtel) und Le chat botté (Der gestiefelte Kater).

Perrault wählte acht Märchen aus unterschiedlichen Quellen aus, passte sie dem Zeitgeschmack an und fügte eine in Versform gebrachte »Moral der Geschichte« hinzu. Im einzelnen:

Die schlafende Schöne, Märchen von Charles Perrault, Märchenbilder von Harry Clarke

Harry Clarke. Die schlafende Schöne

Der kleine Däumling, Märchen von Charles Perrault, Märchenbilder von Alexander Zick

Alexander Zick. Der kleine Däumling

Ritter Blaubart, Märchen von Charles Perrault, Märchenbilder von Walter Crane

Walter Crane. Blaubart

Ohne Autorenangabe erschien diese Sammlung 1697 unter dem vollständigen Titel Histoires ou contes du temps passé, avec des moralités: contes de ma mère l’Oye. Die »alten Zeiten« (temps passé) waren wohl auch keine wirklich guten. Immerhin geht es in etlichen Märchen Perraults noch martialischer zu als bei den Brüdern Grimm. Für Perraults Dornröschen fangen die Probleme so richtig erst nach dem hundertjährigen Schlaf an, denn der Königsohn hat eine Menschenfresserin als Mutter. Auch der kleine Däumling und seine Brüder geraten an einen Menschenfresser, der in seiner Gier nach Menschenfleisch versehentlich seine eigenen Töchter ermordet. Und das Märchen vom Ritter Blaubart ist sowieso ein Klassiker der Horrorliteratur. Kein Wunder also, dass Perrault seine Märchen nicht völlig unkommentiert lassen wollte und ihnen sicherheitshalber seine »moralités« hinzufügte — vor allem da er sie Charlotte von Orleans, der Herzogin von Lothringen, widmete.

Schon vor seiner Sammlung veröffentlichte Perrault drei Märchen in Versform: Griselidis (1691), Les souhaits ridiculus (Die lächerlichen Wünsche; 1694) und Peau d`âne (Eselshaut; 1694). Sie wurden später in angeglichener Prosaform oft zusammen mit denen der Sammlung veröffentlicht.

In Frankreich wurden Märchen(-bücher) mit Perrault zu einer Art Salonlektüre, wovon unter anderem Marie-Catherin d’Aulnoy profitierte (Les Contes des Fées; 1697) und was den Begriff der »französischen Feenmärchen« prägte. In Deutschland hingegen setzte das literarische Interesse an Märchen erst im Zusammenhang mit der Romantik ein. Viele Vertreter der Romantik schrieben Kunstmärchen, doch im Zusammenhang mit Charles Perrault ist vor allem Ludwig Tieck zu nennen, der zwei Märchen Perraults (Blaubart, Der gestiefelte Kater) übersetzte und zusammen mit anderen, teils selbst verfassten (Der blonde Eckbert), in dem Band Volksmährchen veröffentlichte. Das Interesse der Brüder Grimm wiederum wurde durch Gespräche mit Vertretern der Romantik (Clemens Brentano, Achim von Arnim) auf Märchen gelenkt. Ihre Märchensammlung wurde schließlich die umfänglichste ihrer Art und steht heute nahezu als Synonym für das Märchenbuch. Auch Perraults Märchen fanden in kleineren oder größeren Abwandlungen Eingang in die berühmten Kinder- und Hausmärchen (Ausnahme: Riquet à la houppe) und gehören in dieser Form zu den bekanntesten Märchen des deutschsprachigen Raums. Näheres zu den Verwandschaftsbeziehungen zwischen Perraults Märchen und ihren deutschen Varianten finden Sie bei den Inhaltsangaben der jeweiligen Märchen.

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