Tiere im Märchen: Der Esel

Der Esel ist ein Tier, das recht häufig im Märchen vorkommt. Das ist allein schon wegen seiner historisch betrachtet großen Verbreitung als Last- und als Reittier wenig überraschend. Als allgegenwärtiges, dem Menschen vertrautes Nutztier ist der Esel daher in etlichen Märchen, in denen er erwähnt wird, wohl nicht auf der Symbolebene zu deuten, etwa wenn Ali Baba seinem Esel die Schätze aus der Räuberhöhle auflädt oder ein Müller seinem zweitältesten Sohn seinen Esel vererbt (Der gestiefelte Kater).

Die Bremer Stadtmusikanten. Märchenpostkarte von Oskar Herrfurth
Die Bremer Stadtmusikanten. Märchenpostkarte von Oskar Herrfurth (Teil einer sechsteiligen Serie bei der Firma Uvachrom, um 1920)

In anderen Märchen hat der Esel dagegen sehr wohl symbolische Bedeutung; allerdings ist das Spektrum der möglichen Deutungen gerade beim Esel sehr groß. Typische Eigenschaften, die ihm zugesprochen werden, sind Starrsinn (interpretierbar als Dummheit, aber auch Eigenständigkeit) sowie ausgeprägte sexuelle Kraft (Vitalität). In dem auf sehr alte Quellen zurückgehenden Märchen Das Eselein (Brüder Grimm) zum Beispiel symbolisiert der Esel die niederen Leidenschaften. Diese muss der Held im Zuge seiner Selbstfindung überwinden (u.a. durch Musizieren auf der Laute und Lehrjahre in der Fremde).

In unserer Kultur gilt der Esel als dumm und störrisch. Allerdings spricht vieles dafür, dass dem aus südlicheren Gefilden stammenden Tier diese negativen Eigenschaften erst im Norden angedichtet wurden. Denn zum einen traf der Esel dort auf ein unpassendes Klima; zum anderen waren die Menschen nicht an dem Umgang mit ihm gewohnt. Auf die (angebliche) Dummheit des Esels wird etwa in Wilhelm Hauffs Märchen Der kleine Muck angespielt. Dort wachsen den Dummen Eselsohren, was sie zum Gespött der Leute macht. In dem Grimm’schen Märchen Die Lebenszeit ist der Esel nur insofern dumm, als er stoisch die ihm auferlegte Plackerei hinnimmt. Mühsal und Plackerei kennt auch der Esel aus dem Märchen Die Bremer Stadtmusikanten. Der ist alles andere als dumm und gründet, im Alter von seinem Herrn vom Hof gejagt, mit Hund, Katze und Hahn eine schlagkräftige Truppe.

In der christlichen Symbolik steht der Esel für Demut. Zusammen mit dem Ochsen war er bei der Geburt Jesu in der Krippe zugegen. (Nach der Weissagung, dass der Esel die Krippe seines Herrn erkennt.) Er diente der Heiligen Familie als Reit- und Lasttier auf der Flucht nach Ägypten. Jesus ritt später auf einem Esel anstatt auf einem stolzen Pferd nach Jerusalem. In diesem Sinne tritt der Esel u.a. in dem Märchen Der Schmied von Jüterbog auf, von dem es viele Varianten gibt. Die Geschichte beginnt damit, dass Gott in Gestalt eines alten Mannes zum Schmied kommt, um seinen Esel beschlagen zu lassen.

Als Symbol für Demut und das Ertragen von Erniedrigungen tritt der Esel vor allem auch in dem französischen Märchen Eselshaut auf. Dies ist Charles Perraults Fassung eines weit verbreiteten Märchentyps, zu dem unter anderem das Grimm’sche Märchen Allerleirauh gehört. Nicht leicht zu deuten ist der Esel in dem Märchen Tischlein deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack. Möglicherweise steht der Esel hier für Fruchtbarkeit und männliche Potenz.

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