Tiere im Märchen: Der Esel

Tiere im Märchen: Der Esel

Der Esel ist ein Tier, das recht häufig im Märchen vorkommt, was allein schon wegen seiner historisch betrachtet großen Verbreitung als Last- und als Reittier nicht überraschen kann. Als allgegenwärtiges, dem Menschen vertrautes Nutztier ist der Esel daher in etlichen Märchen, in denen er erwähnt wird, wohl nicht auf der Symbolebene zu deuten, etwa wenn Ali Baba seinem Esel die Schätze aus der Räuberhöhle auflädt oder ein Müller seinem zweitältesten Sohn seinen Esel vererbt (Der gestiefelte Kater). In anderen Märchen hat der Esel dagegen sehr wohl symbolische Bedeutung; allerdings ist das Spektrum der möglichen Deutungen gerade beim Esel sehr groß. Typische Eigenschaften, die ihm zugesprochen werden, sind Starrsinn (interpretierbar als Dummheit, aber auch Eigenständigkeit) sowie ausgeprägte sexuelle Kraft (Vitalität). In dem auf sehr alte Quellen zurückgehenden Märchen Das Eselein (Brüder Grimm) zum Beispiel symbolisiert die Gestalt des Esels die niederen Leidenschaften, die der Held im Zuge seiner Selbstfindung überwindet (u.a. durch Musizieren auf der Laute und Lehrjahre in der Fremde).

herrfurth-bremer-stadtmusikanten

Die Bremer Stadtmusikanten, Märchenpostkarte von Oskar Herrfurth

In unserer Kultur gilt der Esel als dumm und störrisch, jedoch spricht Vieles dafür, dass dem aus südlicheren Gefilden stammenden Tier diese negativen Eigenschaften erst in den nördlichen Ländern angedichtet wurden, wo es ein unpassendes Klima vorfand und die Menschen nicht an dem Umgang mit ihm gewohnt waren. Auf die (angebliche) Dummheit des Esels wird etwa in Wilhelm Hauffs Märchen Der kleine Muck angespielt, wo den Dummen Eselsohren wachsen, was sie zum Gespött der Leute macht. In dem Grimm’schen Märchen Die Lebenszeit ist der Esel immerhin nur insofern dumm, als er stoisch die ihm auferlegte Plackerei hin nimmt. Mühsal und Plackerei kennt auch der wohl bekannteste Märchen-Esel, der allerdings alles andere als dumm ist und, im Alter von seinem Herrn vom Hof gejagt, mit Hund, Katze und Hahn die Bremer Stadtmusikanten gründet.

In der christlichen Symbolik steht der Esel für Demut. Zusammen mit dem Ochsen war er bei der Geburt Jesu in der Krippe zugegen (nach der Weissagung, dass der Esel die Krippe seines Herrn erkennt), er diente der Heiligen Familie als Reit- und Lasttier auf der Flucht nach Ägypten und Jesus ritt später auf einem Esel anstatt auf einem stolzen Pferd nach Jerusalem. In diesem Sinne tritt der Esel u.a. in dem Märchen Der Schmied von Jüterbog (Ludwig Bechstein) auf, von dem es viele Varianten gibt. Die Geschichte beginnt damit, dass Gott (in anderen Fassungen Petrus) in Gestalt eines alten Mannes zu einem Schmied kommt, um seinen Esel beschlagen zu lassen. Als Symbol für Demut und das Ertragen von Erniedrigungen tritt der Esel vor allem auch in dem französischen Märchen Eselshaut auf, Charles Perraults Fassung eines weit verbreiteten Märchentyps, zu dem unter anderem das Grimm’sche Märchen Allerleirauh gehört. Nicht so leicht zu deuten ist der Esel in dem Märchen Tischlein deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack; möglich, dass hier der Esel für Fruchtbarkeit und männliche Potenz steht.

Außerdem interessant: Übersichtsartikel zur Rolle und Funktion von Tieren im Märchen

NEU: Märchenquiz

quiz-bild