Zwerge im Märchen

Nordische Mythologie

Die Zwerge in unseren Märchen haben ihren Ursprung in der nordischen Mythologie. Danach lebten die Zwergenvölker in Höhlen, unter Felsen oder allgemein im Gebirge. Es ist nicht sicher, dass man sie sich ursprünglich als klein vorstellte. Wohl aber werden Zwerge als Wesen beschrieben, die ihre Gestalt ändern und mithilfe einer Tarnkappe (oder eines Tarnmantels) unsichtbar werden können. Schon in der Edda findet sich das Motiv des Zwerges als Hüter unterirdischer bzw. verborgener Schätze. Dem entspricht in der germanischen Mythologie der Zwergenkönig Alberich, dem Hüter des Nibelungenhorts. Bekannt ist dieser vor allem in der Version Richard Wagners (Der Ring des Nibelungen).

Rheingold: Zwergenkönig Alberich. Illustration Arthur Rackham
Der Zwergenkönig Alberich. Illustration Arthur Rackham (The Rhinegold and the Valkyrie, William Heinemann Ltd., 1910)

Das Wesen der Zwerge wird meist als freundlich und hilfsbereit beschrieben, sie sind darüber hinaus listig, geschickte, fleißige Handwerker (v.a. Schmiede) und teils zauberkundig. Als Hüter von Schätzen sind sie gegebenenfalls misstrauisch und habgierig. Zuweilen treiben sie auch mit den Menschen Schabernack oder verhalten sich gar tückisch (»Giftzwerg«).

Christentum und Aberglaube

Unter Einfluss des Christentums setzte im Mittelalter eine Dämonisierung bzw. Diabolisierung des Zwerges ein, was sich etwa in Sagen niederschlug, nach denen das Volk der Zwerge einen angestammtem Wohnsitz in der Nähe einer menschlichen Siedlung verlassen hat, weil den Zwergen das Glockengeläut zuwider war. Der Aberglaube sah in Kleinwüchsigen »Wechselbälger«: Missgeburten, die der Wöchnerin vom Teufel (oder einer Hexe) im Tausch gegen den echten Säugling untergeschoben wurden. Mit der Vorstellung von Wechselbälgern verwandt sind Märchengestalten wie Tom Thumb oder Daumesdick: kleine, übermütige Kerlchen, die einer schon älteren Frau mit unerfülltem Kinderwunsch von einem gutartigen zauberkräftigen Wesen (also nicht dem Teufel) »geschenkt« werden und vor allem durch ihre Streiche auffallen.

Der Märchenheld trifft einen freundlichen Zwerg. Illustration von Arthur Rackham zu dem Märchen Das Wasser des Lebens
Zwerg aus dem Märchen Das Wasser des Lebens (Illustration Arthur Rackham). Er wird zum freundlichen Helfer, sofern auch er freundlich behandelt wird. (The Fairy Tales of the Brothers Grimm, Constable, 1909)

Zwerge und Märchen

In den Märchen, die seit dem 18. Jahrhundert verschriftlicht und gesammelt wurden, sind die Motive der ursprünglichen Mythologie vermengt mit Vorstellungen des christlichen Aberglaubens. Vor allem durch die Grimm’schen Märchen nimmt der Zwerg die Gestalt an, die wir heute als typisch ansehen: ein altes, kleines Männlein mit langem Bart und Zipfelmütze. Vermischungen mit Kobolden, Hausgeistern, Elfen, Heinzelmännchen und Wichteln sind häufig und vielfältig, wobei oft eine gewisse Verniedlichung zu beobachten ist. Grundsätzlich können Zwerge wegen ihrer Ambivalenz zwei unterschiedliche Rollen im Märchen besetzen. Entweder sind sie freundlich gesinnte Helfer des Heldens / der Heldin oder aber boshafte Gegenspieler (siehe auch Märchenfiguren, Übersicht). Das bekannteste Zwergen-Märchen ist wohl Schneewittchen. Die sieben Zwerge sind wie ihre Vorfahren aus der Mythologie Bergleute. Ihr Tun und Streben bleibt ansonsten im Dunkeln. Jedenfalls sind sie sanftmütig im Wesen und freundliche Helfer für das liebenswerte und schöne, von ihrer Stiefmutter verfolgte Mädchen.

Schneewittchen und die sieben Zwerge. Illustration von Arthur Rackham zu dem
Schneewittchen und die sieben Zwerge. Illustration von Arthur Rackham (The Fairy Tales of the Brothers Grimm, Constable, 1909)

Von ganz anderem Charakter ist der von der Gestalt her ähnlich beschriebene Zwerg in Schneeweißchen und Rosenrot. Dieser ist misstrauisch, gehässig und den hilfsbereiten Mädchen gegenüber in jeder Weise undankbar. Dieser Zwerg spielt hier die Rolle des Zauberers, der den Königssohn und künftigen Gemahl von Schneeweißchen verwunschen hat. Im Märchen Rumpelstilzchen sind zwei Zwergenmotive kombiniert. Zum einen verfügt Rumpelstilzchen über Zauberkräfte, die es ihm erlauben, Schätze anzuhäufen (kann Stroh zu Gold spinnen). Zum anderen stiehlt er das Kind der jungen Königin. In Märchen wie Die Wichtelmänner und Die Geschenke des kleinen Volkes treten Zwerge in großen Gemeinschaften auf und erinnern stark an Elfen.

Zwerge im Kunstmärchen

Auch im Kunstmärchen tritt der Zwerg in unterschiedlichen Rollen auf, in der Regel allein und nicht, wie es seiner mythologischen Herkunft entsprechen würde, als Angehöriger eines Zwergenvolkes. In dem französischen Märchen Der gelbe Zwerg (Marie-Catherine d’Aulnoy) ist der Zwerg ein hinterlistiger Unhold, und Klein-Zaches, genannt Zinnober (E.T.A. Hoffmann) ist der Prototyp des Giftzwergs. Er bringt es trotz seiner Missgestalt und Boshaftigkeit zu höchsten Ehren, was er seinem außergewöhnlichen Talent zum Blenden verdankt.

Das ursprüngliche Motiv des Zwerges als Schatzhüter findet sich u.a. in Wilhelm Hauffs Märchen Das kalte Herz. Das Glasmännchen, auch Schatzhauser genannt, ist hier der Gegenspieler des bösen Holländer-Michel, der seiner Beschreibung nach als Riese durchgehen kann. In Zwerg Nase entfernt sich Hauff dagegen weit von der mythologigschen Gestalt des Zwerges. Zwerg Nase ist vor allem klein (ein Junge, der von einer Hexe aus purer Bosheit verzaubert wurde), hat sonst aber keine typischen Zwergeneigenschaften. Der kleine Muck (ebenfalls von Hauff) ist ein von Natur aus kleinwüchsiger Junge, der es aufgrund seines körperlichen »Makels« im Leben schwer hat, sich aber durch Mut und Glück Zauberdinge aneignet, die ihm einen beachtlichen sozialen Aufstieg ermöglichen.

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