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Tiere im Märchen: Das Schwein

Tiere im Märchen: Das Schwein

Das Hausschwein ist die domestizierte Form (und eine Unterart) des Wildschweins. Es wurde ähnlich früh domestiziert wie Hunde, Kühe, Schafe und Ziegen, jedoch im Unterschied zu den anderen Haustieren fast ausschließlich als Fleischlieferant gehalten. Ein Tier »durchzufüttern«, welches zu seinen Lebzeiten »zu nichts nütze« ist – im Gegensatz etwa zu Kuh oder Ziege, deren Milch der Mensch schon früh zu nutzen wusste –, war erst möglich, als ein gewisser Überschuss an Ressourcen zur Verfügung stand. Insofern verwundert es nicht, dass Schweine (unter anderem) für Glück und Wohlstand stehen. Von dieser Bedeutung zeugen Redewendungen wie »Schwein haben« oder »das hat ein Schweinegeld gekostet«. Andererseits waren ein paar Hausschweine äußerst praktisch, um Überschüsse der verderblichen Ernte und auch Essensreste zu verwerten. Symbol hierfür ist das Sparschwein, das mit kleinen Geldbeträgen gefüttert wird, die man gerade entbehren kann.

Schweinehaltung

Die Haltung größerer Herden von Schweinen unterschied sich von Anfang an deutlich von derjenigen, die mit Kühen, Schafen und Ziegen praktiziert werden konnte. Zum einen fehlt den Schweinen der natürliche Herdentrieb, sodass sie für eine nomadische Lebensweise ungeeignet sind, bei der die Tiere mit ihren Hirten weite Strecken zurücklegen. Zum anderen benötigen sie mäßige Temperaturen, Schatten und feuchte Böden. Ideale Fleischlieferanten waren Schweine somit für sesshafte Kulturen, in deren Siedlungsgebiet es ausreichend Wälder gab, um die Schweine dorthin zur Mast zu treiben. Dieser Unterschied spiegelt sich auch im Status des Schweinehirten wider. Dieser ist (anders als etwa der Schäfer) nicht Besitzer der Herde, sondern ein Untergebener, eventuell sogar Sklave, eines reichen Herrn, zu dessen Besitz unter anderem die Schweine gehören. Die Figur des Schweinehirten kommt in vielen europäischen Märchen vor, wobei das Hüten der Schweine einen besonders niedrigen Status symbolisiert.

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Ein Mädchen führt ihr Schwein zur Mast in den Wald. Illustration von Warwick Goble zu Die goldene Wurzel.

Besonders reichlich Futter in Form von Eicheln, Bucheckern und anderen Baumfrüchten (auch wildes Obst) boten die Wälder den Schweinen naturgemäß im Herbst. Diese Art der Nutzung von Wäldern war in Mitteleuropa bis ins 19. Jahrhundert weit verbreitet und prägte sowohl das (Haus-)Schwein als auch den so genutzten Wald. Die Sauen wurden häufig von Keilern (den männlichen Wildschweinen) gedeckt, sodass sich das Hausschwein immer wieder mit dem Wildschwein mischte. Für den wirtschaftlichen Wert eines als Weide genutzten Waldes (»Hutewald«) waren Eichen und Buchen entscheidend, also zwei Baumarten, die heute oft als typisch für einen »ursprünglichen« oder »natürlichen« (deutschen) Wald angesehen werden, im Gegensatz zu den für die Holzwirtschaft wichtigen Nadelhölzern. Tatsächlich waren auch die Eichen- und Buchenwälder Nutzwälder, nur war die Form der Nutzung eine andere als in einem primär auf Holzeinschlag ausgerichteten Wald. Dies ist vielen heutigen Waldliebhabern nicht bewusst. Als zum Beispiel im Frühsommer 2018 das Wort »Mastjahr« durch die Medien ging – viele Baumarten, neben Eichen und Buchen auch Nadelbäume, hatten außergewöhnlich viele Samen ausgebildet – war dieses Wort für viele Menschen (auch für die Autorin dieses Textes) erklärungsbedürftig: Hintergrund ist die jahrhundertelang übliche Form der Schweinehaltung, bei der sich die Tiere ihr Futter im Wald suchten. Wie dann im Herbst 2018 nicht zu übersehen war, ist der Tisch in einem Mastjahr überreichlich mit Eicheln und Bucheckern gedeckt.

Schweinefleisch und Schweinefleischtabu

Der traditionellen Form der Schweinehaltung entspricht eine Esskultur, in der das Schweineschnitzel und die Bulette (Frikadelle) weit weniger präsent sind als die teilweise sehr aufgeheizte Debatte über den Verzehr bzw. die Ablehnung von Schweinefleisch vermuten lässt. In der Regel wurden die Schweine nach Ende der »Eichelmast«, also in den Monaten November bis Dezember, geschlachtet, und das Fleisch durch Pökeln, Räuchern und Dörren haltbar gemacht. Frisches Schweinefleisch, wie es für Schweinebraten, Steaks und Schnitzel verwendet wird, war also die absolute Ausnahme, selbst für diejenigen, die überhaupt in den Genuss von Schweinefleisch kamen. Erst mit dem Übergang zur Haus- bzw. Stallmast wurde eine vom jahreszeitlichen Verlauf entkoppelte Versorgung mit frischem Schweinefleisch zumindest ansatzweise möglich. Mit der Nähe zwischen Mensch und Schwein verbunden war allerdings ein Imageverlust des Schweins, das seiner Wühlneigung nun nicht mehr im Waldboden, sondern notgedrungen im (eventuell eigenen) Dreck nachkam. Auch andere Verhaltensweisen wie das Suhlen im Schlamm (Schweine haben keine Schweißdrüsen!) und das wenig wählerische Fressverhalten trugen dem eigentlich reinlichen Tier den Ruf des »Dreckschweins« ein. In diesem Zusammenhang ist auch das Schweinefleischtabu der Juden und Muslime zu sehen. Jahrtausende vor der Entstehung des Judentums gab es im Vorderen Orient die für die Schweinehaltung idealen lockeren Wälder, und Schweine waren entsprechend weit verbreitet. Doch infolge von Abholzung und Desertifikation waren diese günstigen Bedingungen zur Entstehungszeit des Judentums nicht mehr gegeben. Die gelegentlich noch gehaltenen Schweine lebten unter Umständen, die als schmutzig und zum Teil wahrscheinlich ekelerregend wahrgenommen werden konnten. Dieselben ungünstigen Haltungsbedingungen für Schweine gab es, als sehr viel später im Orient der Islam entstand. Im Christentum dagegen, das sich vom Orient aus in Richtung Europa ausbreitete (also in bewaldetes Gebiet), wird das Schwein im Alten Testament zwar noch als unreines Tier genannt, das man nicht essen soll, doch wird im Neuen Testament (Brief des Paulus an die Römer, Römerbrief) das von den Juden übernommene Schweinefleischtabu als nicht mehr bindend erklärt. Paulus rät, das Streiten über Speisevorschriften überhaupt zu vermeiden, denn: »Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, es ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.«

Eber, wildes Schwein und Mensch

Ein bisher noch nicht erwähnter Aspekt, der auch für die Symbolik des Schweins im Märchen eine Rolle spielt, ist die Aggressivität des männlichen Schweins, des Ebers. Die Angriffslust des Ebers kann sich gegen Menschen oder seine Umgebung richten, die er verwüstet. Es ist in der Regel nicht klar auszumachen, ob es sich bei einem so charakterisierten Schwein tatsächlich um einen Eber (männliches Hausschwein), ein Wildschwein (Keiler oder Bache) oder allgemein um ein wild gewordenes / verwildertes Schwein handelt. Da bei der oben beschriebenen Form der Schweinehaltung der Kontakt zwischen Hausschweinen und Wildschweinen in gewissem Umfang bestehen blieb, ist eine solche Unterscheidung auch nebensächlich. Denn egal, ob Wildschweine oder in den Wald getriebene Hausschweine ein Feld oder einen Garten umpflügen, ist das Ergebnis für den Geschädigten in jedem Falle desaströs. Dass ein solcher Angriff, selbst wenn er sich nicht direkt gegen Menschen richtete, in früheren Zeiten existenzbedrohend werden konnte, ist stark anzunehmen. In Jahren mit witterungsbedingten Missernten war es nicht unwahrscheinlich, dass aus dem gleichen Grund die Eichelmast für die Schweine schmal ausfiel. Und wenn die Menschen versuchten, durch Rodungen ihre Ackerfläche zu vergrößern, geschah dies auf Kosten des Weidewalds für die Hausschweine (und des Lebensraums der Wildschweine). Mit anderen Worten: Mensch und Schwein kamen sich ins Gehege. Von daher verwundert es nicht, dass neben den zahlreichen Märchen mit Schweinehirten ein zweites Märchenmotiv mit Schweinen sehr häufig vorkommt, nämlich das wilde Schwein, manchmal auch Eber und manchmal Wildschwein genannt, das alle in Angst und Schrecken versetzt und das der Märchenheld besiegen muss. Dies ist ein sehr altes Motiv, das schon in der griechischen Antike (Herakles besiegt den erymanthischen Eber) und im Nibelungenlied (auch Siegfried tötet einen gefährlichen Eber) vorkommt.

Abschließend sei auf einen Aspekt hingewiesen, den der Kulturwissenschaftler Thomas Macho ins Zentrum seines »Schweineportraits« (Schweine. Ein Portrait; erschienen 2015 in der Reihe Naturkunden bei Matthes & Seitz) stellt. Nach Ansicht des Autors sind Schweine uns »nah und fern zugleich«, was zunächst etwas rätselhaft klingen mag. Gemeint ist mit Nähe, dass uns Schweine in vielerlei Hinsicht ähnlich sind (was physiologisch tatsächlich der Fall ist) und wir daher dazu neigen, sie als Projektionsfläche zu benutzen; gleichzeitig sehen wir in ihnen Eigenschaften bzw. schreiben ihnen welche zu, die uns an uns selbst nicht gefallen (siehe »dummes/faules Schwein« oder das Adjektiv »schweinisch« für sexuell Anstößiges). Auf der anderen Seite hat der Mensch das Schwein wie kaum ein anderes Lebewesen zum Objekt gemacht, dessen einziger Lebenszweck es anscheinend ist, von ihm verspeist zu werden.

Eine sehr ähnliche Vorstellung vom speziellen Verhältnis des Menschen zum Schwein hat offenbar der Illustrator und Buchautor Hans Traxler, der dem Schwein in seinem 2010 erschienen Buch »Ich, Gott und die Welt« ein hinreißend schönes Bildergedicht gewidmet hat. Das Gedicht beginnt so:

Damit sie ihm nicht fehle,
hat jeder Mensch die Seele.
Tiere haben keine.
Ausgenommen: Schweine.

Märchen mit Schweinen

Wie oben bereits erwähnt, gibt es verschiedene Märchen, in denen eine Schweineherde und (vor allem) ein Schweinehirt auftritt. Die Schweine sind in diesem Fall ein Attribut, das den Schweinehirten (oft der Märchenheld) als in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz unten stehend kennzeichnet. Dabei wäre es zu einfach, den niedrigen Status als Übertragung von dem Schwein zugeschriebenen Attributen wie »dreckig« und »vom Abfall lebend« zu interpretieren; vielmehr ergibt dieser sich aus den Besitzverhältnissen in einer sesshaften Gesellschaft. Beispiele sind die folgenden Märchen:

  • Der Schweinehirt (Hans Christian Andersen): Hier handelt es sich um ein Kunstmärchen, in dem das Motiv des am unteren gesellschaftlichen Rand stehenden Schweinehirten eigenwillig umgeformt wurde. Denn der Schweinehirte ist in Wirklichkeit ein armer Prinz, der seiner angebeteten Prinzessin romantische Geschenke macht, die diese aber nicht zu schätzen weiß. Um sich zu rächen, schleicht er sich am Hof als Schweinehirt ein, bringt die Prinzessin in eine peinliche Lage und lässt sie am Ende stehen.
  • Hans mein Igel (Brüder Grimm): In diesem Märchen ist der Held gleich doppelt geschlagen. Er wird wegen unbedachter Worte seines reichen Vaters als Igel geboren und da der Vater sich seinetwegen schämt, muss er im Wald Schweine hüten. Doch er kämpft sich nach oben, gewinnt die Prinzessin, verliert seine Stachelhaut und wird am Ende auch vom Vater anerkannt.
  • Die goldene Wurzel (Giambattista Basile): In diesem Märchen hüten drei Schwestern jeweils ein Schwein, welches ihnen ihr armer Vater als einzige Mitgift gegeben hat. Die beiden Älteren lassen die Jüngste nicht mit auf ihre schöne Wiese, weshalb diese mit ihrem Schwein in den Wald geht (was, wie wir oben gesehen haben, ohnehin die bessere Methode ist). Beim Herumwühlen stößt das Schwein auf eine goldene Wurzel, die den Einstieg in eine zauberhafte unterirdische Welt markiert. Die Episode mit dem Schwein bildet nur den Auftakt des komplexen Märchens, wobei das Schwein eindeutig ein Glückssymbol darstellt.

Die zweite Gruppe von Märchen mit Schweinen bilden diejenigen, in denen es ein wildes Schwein bzw. einen Eber zu besiegen gilt.

  • Das tapfere Schneiderlein (Brüder Grimm): Um die Königstochter zu bekommen, muss der Märchenheld unter anderem ein schreckliches Wildschwein fangen, was ihm durch eine List gelingt: Er reizt das Schwein, sodass es hinter ihm her rennt, läuft in eine einsame Kapelle im Wald – das Schwein ihm nach, dann springt sogleich durch ein Fenster wieder heraus und verschließt von außen die Tür.
  • Der singende Knochen (Brüder Grimm): Das Wildschwein, das einen ganzen Landstrich in Atem hält, indem es Äcker umpflügt und angeblich auch Menschen tötet, bildet in diesem Märchen das Eingangsmotiv. Der König verspricht demjenigen seine Tochter, der das Land von dem Untier befreit. Zwei ungleiche Brüder nehmen die Herausforderung an. Der Jüngere tötet das Schwein, der Ältere aber seinen Bruder, und erst viele Jahre später kommt der Brudermord ans Licht.

Eine kurze Nebenrolle spielt das Schwein in dem Märchen Hans im Glück (Brüder Grimm). Hans hatte ursprünglich von seinem Dienstherrn einen Klumpen Gold als Lohn bekommen und diesen später gegen eine Kuh getauscht. Die Kuh tauscht er gegen ein Schwein, weil ihm dessen Fleisch verlockender scheint. Das ist freilich nicht sein letzter Handel, aber das wichtigste ist, dass sich Hans stets als Glückspilz sieht.

Die Hauptrolle spielt das Schwein in dem Märchen König Schwein, das in der Sammlung von Francesco Straparola enthalten ist. Dieses Märchen ist verwandt mit dem oben schon erwähnten Grimm’schen Märchen Hans mein Igel, in dem Schweine dem Helden als Begleitfiguren zur Seite gestellt sind. Hier dagegen ist das Schwein selbst der Märchenheld, nämlich ein in Tiergestalt (Schwein) geborener junger Mann, der sich ungeachtet seines Äußeren in den Kopf gesetzt hat, eine schöne Frau zu heiraten. In dieser nicht gerade zarten Geschichte zeigt sich stärker als in allen anderen »Schweinemärchen« die Ambivalenz des Schweins, wie sie in Thomas Machos Portrait hervorgehoben wird.

Ebenfalls stark vermenschlichte Züge haben Die drei kleinen Schweinchen in der gleichnamigen englischen Kindergeschichte. Zwei der Schweinchen leben fröhlich in den Tag, sorgen sich nicht vor dem bösen Wolf und begnügen sich mit einfachsten Häuschen aus Stroh bzw. Holz. Das dritte aber ist fleißig und baut ein wehrhaftes Haus aus Stein. Am Ende landet keines der Schweinchen im Bauch des Wolfes, sondern der Wolf im Kochtopf des sorgsamen Schweins.

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