Der Wald im Märchen

Die Deutschen und der Wald

Was wären »die Deutschen« ohne ihren Wald? In der Romantik wurde der Wald als Sehnsuchtsort überhöht und zum nationalen Symbol stilisiert. Der Wald war von zentraler Bedeutung für die frühe Umwelt- und Naturschutzbewegung, für sozialdemokratisch geprägte Vereinigungen wie die Wandervögel oder die Naturfreunde wie auch für deutschnationale bis rassistische Strömungen, die in den Helden der germanischen Mythologie ihre Vorbilder suchten.

Illustration von Viktor Paul Mohn zu dem Märchen Die Sterntaler
Romantische Vorstellung vom Wald: Illustration von Viktor Paul Mohn zu dem Märchen Die Sterntaler. (Märchenstrauß für Kind und Haus, Stilke, Berlin 1882)

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das befürchtete Waldsterben in Deutschland zu einem der Hauptthemen der Umweltbewegung und zu einem wesentlichen Faktor beim Aufstieg der Grünen. Tatsächlich ist noch immer ein vergleichsweise großer Teil Deutschlands mit (gesundem) Wald bedeckt. Doch das spezifisch Deutsche am Wald ist wohl nicht der Wald an sich, sondern die Gleichsetzung von Natur und Wald im Empfinden der Deutschen.

Der Wald in den Grimmschen Märchen

Angesichts der Bedeutung, die der Wald im deutschen Selbstverständnis einnimmt, verwundert es nicht, dass in sehr vielen deutschen Märchen der Wald als wesentlicher Handlungsort auftritt. Sollte ich eine Weltkarte für den Märchenatlas zeichnen – was ich vielleicht irgendwann versuchen werde – dann wäre das Gebiet der deutschen Märchen mit Wald bedeckt. Doch was bedeutet der Wald im Märchen eigentlich? Einerseits bietet sich die naheliegende Interpretation an, den Wald als das zu nehmen, was er physisch ist: die Landschaft, welche die menschlichen Ansiedlungen umgibt, in der gefährliche, aber auch liebliche Tiere leben, die wichtige Ressourcen (Holz, Nahrung) liefert und die ansonsten vor allem den Gegensatz zur menschlichen Siedlung verkörpert.

Wenn man sich andererseits das besondere Verhältnis der Deutschen zum Wald vor Augen hält, steht außer Frage, dass dem Wald darüber hinaus symbolische Bedeutung zukommt. Diese erschließt sich, wenn man einen typischen Handlungsverlauf betrachtet. Der Märchenheld begibt sich im Laufe der Handlung von einem Ort zu einem anderen und durchquert dabei – im deutschen Märchen fast immer – den Wald.

Illustration von Alexander Zick zu dem Märchen Hänsel und Gretel
Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald. Illustration von Alexander Zick (Märchen für Kinder, Verlag Grote Berlin, um 1880)

Auf dieser Interpretationsebene ist der Wald im Märchen der Raum des Wandels. Das kleine, naive Rotkäppchen lernt im Wald durch die Begegnung mit dem Wolf, dass es nicht jedem trauen darf. Die hilflosen, verängstigten Kinder Hänsel und Gretel (besonders sie) besiegen im Wald die böse und mächtige Hexe. Esel, Hund, Katze und Hahn, die altersschwach daheim von ihren Höfen gejagt wurden, müssen auf ihrem Weg nach der Stadt Bremen durch den Wald und entdecken dort notgedrungen in sich ungeahnte Kräfte. Das junge Schneewittchen ist sich seines Heranwachsens zur schönen Frau nicht bewusst. Ihre Stiefmutter dagegen weiß das nur zu genau. Deshalb muss Schneewittchen eine zeitlang im Wald bei den sieben Zwergen leben, bevor es mit Glanz und Gloria als junge Königin auf das Schloss ihres Vaters zurückkehrt.

Illustration von Franz Jüttner zu dem Märchen Schneewittchen
Schneewittchen wird in den Wald gebracht. Illustration Franz Jüttner (Sneewittchen, Scholz‘ Künstler-Bilderbücher Bd. 6, 1906)

Diese Aufzählung soll genügen, um das wiederkehrende Muster zu verdeutlichen. Im Wald durchlebt der Held eine innere Wandlung oder Reifung. Diese ist oft von Prüfungen und Gefahren begleitet. Der Held ängstigt sich, findet aber auch Unterstützung, und fast immer verläuft die Wandlung in irgendeiner Weise »zauberhaft«. Manchmal sträubt sich die Figur gegen die eigene Wandlung. Dann will sie sich im Wald verstecken und muss erst durch einen anderen Menschen von ihren inneren Zwängen befreit werden. (Typisch: das schöne, junge Mädchen, das im Wald von ihrem Prinzen gefunden und mit auf sein Schloss genommen wird.) Als Ort der Wandlung hat der Wald etwas grundsätzlich Ambivalentes, steht er doch für das Ungewisse, das sowohl bedrohlich als auch verheißungsvoll wirken kann.

Der Wald im romantischen Kunstmärchen

Eine ähnlich große Bedeutung wie bei den Brüdern Grimm hat der Wald in den Märchen der deutschen Romantiker. Was auch nicht verwunderlich ist, gehörten die Grimms doch selbst zu den Wortführern der Romantik. Bereits das »Sammeln«, Kategorisieren und Verschriftlichen von Volksmärchen ist Ausdruck einer zentralen Idee der Romantik, nämlich der Rückbesinnung auf die Tradition bis hin zu ihrer Verklärung. Im Zuge der Verschriftlichung haben die Brüder Grimm die Märchen freilich auch bearbeitet und dabei ihre Spuren als Romantiker hinterlassen. Diese zeigen sich unter anderem auch in der Betonung des Waldes als Topos.

Gleichzeitig wird der Wald mit Gefühlen wie Melancholie assoziert (siehe etwa Das fremde Kind von E.T.A. Hoffmann oder Das kalte Herz von Wilhelm Hauff). Hier ist der Wald nicht mehr, wie im Volksmärchen, der Ort, an dem der Märchenheld eine (innere) Wandlung vollzieht, sondern der Rückzugsort in einer sich wandelnden Gesellschaft, ein Symbol für Dauerhaftigkeit, ein Schutzraum, in dem alte Märchen, Sagen und Werte noch lebendig sind. Charakteristisch ist das Lied des Vogel in Ludwig Tiecks Märchen Der blonde Eckbert:

Waldeinsamkeit
Die mich erfreut,
So morgen wie heut
In ew’ger Zeit
O wie mich freut
Waldeinsamkeit.

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