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Die Alte im Wald | Märchenatlas

Die Alte im Wald

Die Alte im Wald

Märchen der Brüder Grimm (Kinder- und Hausmärchen, KHM 123); Märchentyp ATU 442: Vogel ist ein verzauberter Prinz

Inhalt

Ein Dienstmädchen fährt zusammen mit seiner Herrschaft durch den Wald. Sie werden von Räubern überfallen, die alle töten, bis auf das Dienstmädchen. Verzweifelt kauert sie sich unter einen Baum, ohne zu wissen, was sie nun so ganz allein tun soll. Da kommt eine weiße Taube geflogen, die ihr einen kleinen goldenen Schlüssel gibt und ihr einen großen Baum mit einem dazu passenden Schloss zeigt, wo sie zu Essen finden würde. Das Mädchen isst sich satt und spricht dann zu sich selbst, wie schön es wäre, jetzt ein Bett zum Schlafen zu haben. Da kommt wieder die weiße Taube und gibt ihr einen zweiten Schlüssel. In einem zweiten Baum, dessen Schloss sie mit diesem Schlüssel aufschließt, findet sie ein schönes, weiches Bett. Am nächsten Morgen kommt die Taube ein drittes Mal und bringt einen Schlüssel, mit dem das Mädchen wunderschöne Kleider aus einem dritten Baum holen kann.

Auf diese Weise sorgt die Taube eine ganze Zeit lang für alles, was das Mädchen braucht. Eines Tages aber bittet die Taube das Mädchen um einen Gefallen. Sie würde sie zu einem Haus im Wald führen. Dort würde eine alte Frau am Herd sitzen, die dem Mädchen einen guten Tag wünscht, doch sie solle auf keinen Fall antworten, sondern in ein Zimmer gehen, in dem viele kostbare Ringe auf einem Tisch liegen. Sie solle diese nicht weiter beachten, sondern nur nach einem ganz schlichten Ring Ausschau halten, diesen an sich nehmen und ihn der Taube bringen.

Die Alte im Wald, Brüder Grimm, Märchenbilder von Arthur Rackham

Illustration Arthur Rackham. “ … Und auf einmal schlangen sich die Zweige um sie herum, und waren zwei Arme …“

Das Mädchen tut, was ihr die Taube aufgetragen. Doch den beschriebenen schlichten Ring kann sie nicht finden. Da bemerkt sie, wie sich die Alte mit einem Vogelkäfig aus dem Haus schleichen will — und dass der in diesem Käfig gefangene Vogel eben jenen Ring im Schnabel hält. Sie nimmt den Ring und läuft damit aus dem Haus. In der Hoffnung, die Taube würde kommen, lehnt sie sich an einen Baum, um auf sie zu warten. Doch die Taube kommt nicht. Stattdessen spürt sie, wie sich die Zweige des Baumes um sie schmiegen, und es fühlt sich auch an, als würde der Baumstamm weich und biegsam werden. Nun sieht sie, dass sich der Baum in einen schönen jungen Mann verwandelt hat, der sie an sich drückt und küsst. Er ist der Sohn eines Königs, den die Alte in einen Baum verwandelt hatte und der nur ein paar Stunden am Tag als Taube umherfliegen durfte. Das Mädchen hat den Zauber gebrochen, indem sie der Alten den Ring entwendet hat. Die beiden heiraten und werden glücklich.

Motive, ähnliche Märchen

Die Motive des Märchens — alte Frau im Wald, eingesperrter Vogel, Verwandlung — erinnern vor allem an das Märchen von Jorinde und Joringel, mit dem Unterschied, dass hier nicht das Mädchen, sondern der Mann verwandelt wurde und das Mädchen die Rolle der Befreierin übernimmt. Ein weiterer Unterschied ergibt sich aus dem Symbol des Rings (tritt bei Jorinde und Joringel nicht auf), der wegen seiner Schlichtheit für nichts anderes als eine tiefe Bindung steht. Solange der Ring im Besitz der Alten ist, ist der Königssohn an diese gebunden. Entsprechend ist die naheliegendste Interpretation des Märchens die, dass das Mädchen durch das Entwenden des Ringes den Mann aus einer fatalen Mutter-Sohn-Beziehung erlöst. Dieser ist nun frei für eine Beziehung als Mann zu einer Frau, die er zuvor als Taube umsorgt hat.

Auch das Mädchen macht in dem kurzen Märchen eine tiefgreifende Wandlung durch, und der Ort dieser Wandlung ist, wie sehr oft im Märchen, der Wald. Anfangs ist sie ein Dienstmädchen, das nach dem Überfall nicht nur mittellos, sondern auch völlig auf sich allein gestellt ist. Nachdem für ihr leibliches (Essen) und seelisches (Bett) Wohl gesorgt ist, findet sie in dem dritten Baum königliche Kleider (siehe auch Allerleirauh), in denen sie aber in ihrer Zurückgezogenheit niemand anderes sehen kann als die Taube und sie selbst. In der Abgeschiedenheit ihrer freundschaftlichen Beziehung erlebt sie sich selbst als wertvoll. Diese Wertschätzung sich selbst gegenüber gibt ihr das Selbstvertrauen, sich auf das unsichere Abenteuer bei der Alten im Wald einzulassen und auf diese Weise ihren Prinzen zu gewinnen.

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