Die bezauberte Hirschkuh

Die bezauberte Hirschkuh (La cerva fatata), auch übersetzt als Die hinterlistige Hirschkuh, ist ein Märchen aus Giambattista Basiles Pentameron (neunte Erzählung des ersten Tages). Es gehört zum Typus des so genannten Brüdermärchens (vgl. Die zwei Brüder, Grimm), wobei die Geschwisterbeziehung hier auf magische Weise begründet wird. Das Motiv des Drachentöters, das oft mit dem Brüdermärchen verbunden ist, fehlt. Stattdessen spielt ein Drachen am Beginn des Märchens eine besondere Rolle: der Vater muss zunächst eine Meerdrachen töten und seiner Frau dessen Herz vorsetzen, damit diese überhaupt schwanger wird. Dieses Episode wurde in dem Märchenfilm »Das Märchen der Märchen« (2015, Regie Matteo Garrone) sehr eindrücklich in Szene gesetzt, jedoch folgt der Film im Weiteren dem Märchen von der bezauberten Hirschkuh nur vage und mischt den Stoff mit Motiven von zwei weiteren Märchen Basiles (Der Floh, Die entdeckte Alte).

Illustration von Warwick Goble zu dem Märchen Die bezauberte Hirschkuh aus dem Pentameron von Giambattista Basile
Die bezauberte Hirschkuh. Illustration Warwick Goble (Stories from the Pentamerone, Macmillan, 1911)

Inhalt

Ein König wünscht sich sehnlichst Kinder, doch seine Frau wird einfach nicht schwanger. Von einem Bettler bekommt er schließlich den Rat, dass er einen Meerdrachen töten und seine Frau dessen Herz Essen muss. Zubereiten solle das Herz eine Jungfrau, die dabei möglichst abgeschieden von den übrigen Bediensteten zu Werke gehen muss. Der König, in seiner Verzweiflung, tut, was der Alte gesagt hat, lässt den Meerdrachen töten, gibt das Herz einem Edelfräulein, das sich in eine Kammer einschließt und das Herz kocht. Beim Einatmen der Dämpfe wird ihr ganz seltsam zu Mute. Die Königin isst begierig die ungewöhnliche Speise, wovon ihr sofort der Bauch anschwillt. Und nicht nur ihr, auch das Edelfräulein ist vom bloßen Zubereiten schwanger geworden. Zeitgleich bekommen sie zwei schöne Knaben, die sich ähnlich sehen, als wären sie Zwillinge.

Von klein auf sind die beiden Jungen unzertrennlich. Der Königin sieht es nicht gern, dass ihr Sohn so eng befreundet mit dem Sohn einer Dienerin ist. Zunehmend mischt sich Eifersucht in ihre aus Standesdünkel geborene Ablehnung – wie kann es sein, dass der Sohn eines Königs den unehelichen Sohn einer Dienerin lieber hat als sie? Einmal kommt sie dazu, als die beiden Halbwüchsigen, die beide die Jagd lieben, beim Bleigießen sind. Als ihr Sohn kurz wegschaut, wirft sie, vom Hass übermannt, dem anderen Jungen eine heiße Bleikugel ins Gesicht. Das Blei hinterlässt eine Narbe, die sich viel später als äußerst wichtig erweisen wird.

Zunächst jedoch bedeutet dieser Zornesausbruch die Trennung der beiden Freunde. Dem Sohn der Dienerin ist klar, dass er nicht länger am Hof bleiben kann, zu tief ist der Hass, den die Königin gegen ihn hegt. Zum Abschied hinterlässt er seinem Freund zwei Andenken. Er wirft einen Degen auf den Boden, woraufhin an dieser Stelle eine Quelle zu sprudeln beginnt. Solange das Wasser hell und klar sei, erklärt er, müsse sich der Freund keine Sorgen um ihn machen, doch sollte sie trübe werden, ist dies ein Zeichen, dass sein Leben bedroht ist. Dann stößt der Scheidende den Degen in den Boden – und an dieser Stelle sprießt plötzlich ein Heidelbeerstrauch. Solange der Strauch grün ist, müsse sich der andere keine Sorgen machen, doch wehe, wenn er verdorrt.

Der Sohn der Dienerin macht der Fremde sein Glück. In einer fernen Stadt lässt der König ein Turnier veranstalten, um dem Sieger seine einzige Tochter zur Frau zu geben. Der Jüngling siegt über alle anderen Ritter, wird Thronfolger und lebt glücklich mit seiner schönen Frau. Das Jagen liebt er immer noch so wie früher, doch der Schwiegervater warnt ihn, einen bestimmten Wald zu meiden, weil dort der Wilde Mann haust. Natürlich kann er nicht widerstehen und reitet eines Tages in eben jenen Wald, um zu jagen. Der wilde Mann lockt ihn in Gestalt einer Hirschkuh ins Dickicht, aus dem er nicht mehr herausfindet; dann gibt es einen Wetterumsturz.

Von Schneeregen durchnässt sucht der Jäger Unterschlupf in einer Höhle, die jedoch die Höhle des Wilden Mannes ist. Er zündet ein Feuer an und macht sich daran, seine Kleider zu trocknen. Da erscheint am Höhleneingang die Hirschkuh und bittet, sich am Feuer aufwärmen zu dürfen. Der Jäger bittet sie freundlich herein, doch die Hirschkuh gibt vor, Angst vor seinen Hunden und seinem Pferd zu haben. Also legt er die Hunde an die Kette (siehe Tiere im Märchen: Der Hund) und fesselt dem Pferd die Beine. Doch das ist der Hirschkuh immer noch nicht genug: er solle doch bitte auch sein Schwert festbinden. Kaum hat der Jäger das getan, verwandelt sich die Hirschkuh in den wilden Mann, der den Jäger in ein tiefes Loch wirft. Bei Gelegenheit will er ihn aufzufressen.

Sein Freund und Bruder hat es sich seit seinem Fortgang zur Gewohnheit gemacht, jeden Morgen nach der Quelle und nach dem Heidelbeerstrauch zu schauen. Als er die Quelle plötzlich trüb und den Strauch welkend vorfindet, macht er sich sofort auf die Suche. Er kommt in die Stadt, in der sein Freund geheiratet hat. Alle sind offensichtlich in großer Trauer, und als man ihn selbst – wegen der Ähnlichkeit – mit großer Freude wie einen alten Bekannten begrüßt, begreift er, um wen die Leute trauern. Er klärt die Verwechslung nicht auf. Als er abends mit seiner Frau (der Frau seines Freundes) zu Bett geht, legt er unter einem Vorwand ein Schwert zwischen sich und sie.

Am nächsten Tag bricht er, ungeachtet aller Warnungen, auf in den Wald, in dem, wie er herausgefunden hat, sein Freund verschwunden ist. Auch er begegnet dem Wilden Mann in Gestalt der Hirschkuh, lässt sich jedoch nicht täuschen. Entschlossen hetzt er die Hunde auf sie, die sie zerfetzen. Dann befreit er seinen Freund und etliche weitere Gefangene des Wilden Mannes aus dem Loch. Zusammen kehren sie an den Hof des Befreiten zurück, wo ihn seine Frau anhand der Narbe über dem Auge als den Richtigen erkennt.

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