Märchen der Brüder Grimm

Die Märchen der Brüder Jacob (*1785 Hanau, †1863 Berlin) und Wilhelm Grimm (*1786 Hanau, †1859 Berlin) gehören weltweit zu den bekanntesten Werken der deutschsprachigen Literatur. Außerdem geht das umfassendste Wörterbuch der deutschen Sprache, das Deutsche Wörterbuch, auf die Initiative der beiden Philologen zurück, weshalb es oft auch »der Grimm« genannt wird.

Wilhelm und Jacob Grimm, Porträt von Elisabeth Jerichau-Baumann
Wilhelm (links) und Jacob Grimm, porträtiert von Elisabeth Jerichau-Baumann

Die Märchen der Brüder Grimm

Am 20. Dezember 1812 erschienen die ersten Exemplare des ersten Bandes der Märchensammlung der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Die Kinder- und Hausmärchen prägen unsere Vorstellung von »deutschen Märchen«. Figuren wie Aschenputtel, Dornröschen, Rotkäppchen, Rumpelstilzchen und Schneewittchen sind Kindern seit Generationen und in vielen Ländern vertraut. Die Märchensammlung wurde in mehr als 150 Sprachen übersetzt und einzelne Märchen wurden unzählige Male verfilmt.

Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Titelblatt der Erstausgabe

Entstehung

Die Brüder Jacob und Wilhelm studierten in Marburg Jura, unter anderem bei Friedrich Carl von Savigny, der ihr Interesse für Sprache und Literatur bemerkte und ihnen seine Privatbibliothek öffnete. Jacob arbeitete nach seinem Studium als Bibliothekar in Kassel. Sie hatten Kontakt zu Clemens Brentano (der Savignys Schwager war) und Achim von Arnim, beide Hauptvertreter der Heidelberger Romantik. Auf Anregung von Brentano begannen die Brüder Grimm, Märchen zu »sammeln«. Das heißt, sie suchten nach Märchentexten in alten Büchern und brachten Texte aus mündlichen Quellen zu Papier. 1810 schickten die Grimms etwa 50 Märchentexte an Brentano, die von den Grimms stilistisch überarbeitet worden waren. Bei den mündlichen Quellen handelte es sich zumeist um junge Damen aus dem Kasseler Bürgertum. Diese waren oft hugenottischer Herkunft, was die Verbindung mit der französischen Erzähltradition erklärt. Jedenfalls waren sie keine alten Bauersfrauen, auch wenn dies heute viele glauben.

Brentano verwendete die Märchen, die ihm die Brüder Grimm zusandten, jedoch nicht. Achim von Arnim ermunterte daraufhin die Brüder, selbst als Herausgeber in Erscheinung zu treten. Am 20. Dezember 1812 erschien im Verlag von Georg Andreas Reimer (Berlin) der erste Band der Sammlung unter dem Titel »Kinder- und Hausmärchen«. Enthalten waren 86 Märchen. Der zweite Band mit 72 Märchen folgte 1815.

Dorothea Viehmann, porträtiert von Ludwig Emil Grimm

Dieser zweite Band enthielt erstmals Beiträge der Märchenerzählerin Dorothea Viehmann aus Niederzwehren, heute ein Stadtteil von Kassel. Dorothea Viehmann wurde zu einer der wichtigsten Quellen der Grimms. Auch sie hatte hugenottische Vorfahren und hatte wohl einige französische Märchen bereits als Kind in ihrer Familie gehört. Als Tochter eines Gastwirts dürfte sie außerdem viele Geschichten und Sagen von Durchreisenden gehört haben. Als die Grimms sie kennenlernten, war sie etwa 50 und die Witwe eines Schneiders. Sie brachte sich und ihre Kinder mit dem Verkauf von Gemüse aus ihrem Garten über die Runden. Vermutlich ist dies der Ursprung des Mythos von der märchenerzählenden alten Bäuerin, die allerdings auch Dorothea Viehmann nicht wirklich war.

Editionsgeschichte

Bereits 1819 erschien eine überarbeitete zweite Auflage, in der die Brüder Grimm nicht nur Änderungen am Text vorgenommen, sondern auch ganze Märchen ausgetauscht bzw. hinzugefügt hatten. Insgesamt enthält diese Auflage 170 Märchen. Die in der ersten Auflage als Anhang enthaltenen Anmerkungen wurden in einen separaten dritten Band ausgegliedert.

Auf Grundlage der zweiten Auflage wurde außerdem die sog. Kleine Ausgabe erstellt, eine Auswahl von 50 speziell für Kinder gedachten Märchen, mit der sich erstmals ein kommerzieller Erfolg des Projektes einstellte. Sie erschien 1825 und enthielt erstmals Illustrationen, die der jüngere Bruder Ludwig Emil Grimm besorgte. Weitere Auflagen, in denen immer wieder Texte bearbeitet und Märchen ausgetauscht wurden, erschienen 1837 (dritte Auflage), 1840 (vierte Auflage), 1843 (fünfte Auflage), 1850 (sechste Auflage) und 1857 (siebente Auflage = Auflage letzter Hand).

Bearbeitung

Bei den Textüberarbeitungen sind neben der rein sprachlichen Überarbeitung (u.a. Eliminierung von Fremdwörtern) zwei Tendenzen zu beobachten, nämlich zum einen die Harmonisierung mit den Wertevorstellungen des christlichen Glaubens und zum anderen eine Verniedlichung, die insbesondere eine Entsexualisierung umfasst.

Beispiel 1: Gevatter Tod

Ein Beispiel für Ersteres finden wir in dem Märchen vom Gevatter Tod. Dort weist ein armer Mann Gott persönlich als Paten für seinen jüngsten Sohn zurück, indem er spricht:

„ich will dich nicht zum Gevatter, du giebst den Reichen und läßt die Armen hungern“

In der ersten Auflage steht diese lapidare Zurückweisung einfach für sich, doch ab der zweiten Auflage wird eine Begründung für diese wenig fromme Geisteshaltung nachgeliefert:

So sprach der Mann, weil er nicht wußte, wie weislich Gott Reichthum und Armuth vertheilt;

– der arme, ungebildete Mann weiß es eben nicht besser.

Beispiel 2: Rapunzel

Zu den bekanntesten Märchen, die von den Brüdern Grimm im Zuge der Bearbeitung sexuell entschärft wurden, gehört Rapunzel. In der ersten Fassung kam die Zauberin (Hexe) Rapunzel und ihrem Liebhaber einfach deshalb auf die Schliche, weil Rapunzel schwanger geworden war:

So lebten sie lustig und in Freuden eine geraume Zeit, und die Fee kam nicht dahinter, bis eines Tages das Rapunzel anfing und zu ihr sagte: „sag’ sie mir doch Frau Gothel, meine Kleiderchen werden mir so eng und wollen nicht mehr passen.“ Ach du gottloses Kind, sprach die Fee, was muß ich von dir hören, [..] Darauf verwieß sie Rapunzel in eine Wüstenei, wo es ihr sehr kümmerlich erging und sie nach Verlauf einiger Zeit Zwillinge, einen Knaben und ein Mädchen gebar.

Ab der zweiten Auflage wird das Auffliegen der heimlichen Beziehung damit erklärt, dass sich Rapunzel eines Tages verplappert:

So lebten sie lustig und in Freuden eine geraume Zeit, und hatten sich herzlich lieb, wie Mann und Frau. Die Zauberin aber kam nicht dahinter, bis eines Tages das Rapunzel anfing und zu ihr sagte: sag’ sie mir doch Frau Gothel, sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als der junge König.“

Es ist allerdings zu bedenken, dass die Brüder Grimm ursprünglich nicht in erster Linie an Kinder als Zielgruppe gedacht hatten. Diese Ausrichtung folgte erst später, unter anderem auch auf Betreiben des Verlegers, der sich um die Verkaufszahlen sorgte.

Die Philologen Jacob und Wilhelm Grimm

Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm sind nicht nur als Märchensammler bekannt, sondern vor allem als bedeutende Sprachwissenschaftler. Unter anderem gaben die Brüder gemeinsam 2 Bände Deutsche Sagen sowie die von ihnen übersetzte Sammlung Irischer Elfenmärchen von Thomas Crofton Croker heraus. Das neben den Kinder- und Hausmärchen bedeutendste Werk der Brüder ist jedoch das von ihnen herausgegebene bzw. begonnene Deutsche Wörterbuch (»der Grimm«), das umfassendste Wörterbuch der deutschen Sprache. Es entstand auf Anregung der Leipziger Verleger Karl Reimer (Sohn von Georg Andreas Reimer) und Salomon Hirzel und erläutert Herkunft und Gebrauch jedes deutschen Wortes anhand von Belegstellen (Belegwörterbuch). Im Unterschied zu älteren Wörterbüchern wollten sich die Grimms nicht mit einer Bestandsaufnahme zufrieden geben, sondern auch die geschichtliche Entwicklung der Wörter durch Belege erfassen.

Ursprünglich auf fünf bis sieben Bände veranschlagt, wuchs sich das ehrgeizige Vorhaben bald zu einem Mammutprojekt aus. Die Dimension des Vorhabens hatten die beiden Brüder offenbar unterschätzt. Begonnen hatten sie die Arbeit am Wörterbuch 1838; der erste Band erschien 1854 im ein Jahr zuvor gegründeten S. Hirzel Verlag. Bei der Beschaffung der Belege waren zahlreiche Mitarbeiter behilflich, doch das Verfassen der Texte besorgten Jacob und Wilhelm ausschließlich selbst. Dabei war Jacob der Kopf des Unterfangens. Die Einrichtung einer Redaktion lehnte er zeitlebens ab. Die Arbeitsweise seines Bruders Wilhelm erschien ihm zwar gewissenhaft aber zu langsam. Wilhelm hatte kurz vor seinem Tod im Dezember 1859 den Buchstaben D fertiggestellt. Jacob verfasste die Einträge zu den Buchstaben A, B, C und D. Die Arbeit am Buchstaben F konnte er nicht mehr abschließen. Er verstarb am 20. September 1863 über der Arbeit am Artikel »Frucht«.

Verleger Hirzel hatte vorgesorgt, dass die Arbeit von erfahrenen Nachfolgern fortgesetzt werden konnte. Schon bald nach dem Tod der Grimms wurde das Wörterbuch-Projekt als nationale Aufgabe begriffen und staatlich gefördert. Der 32. und letzte Band erschien 1961, dem Jahr, als mit der Berliner Mauer die deutsche Teilung zementiert wurde. Im Vergleich zu der Zeitdauer, die das Mammutprojekt Deutsches Wörterbuch in Anspruch nahm, erscheinen 40 Jahre deutsche Teilung wie eine Randnotiz der Geschichte.

Weblinks

  • Die Handexemplare der Brüder Grimm befinden sich im Bestand der Universitätsbibliothek Kassel (hier online einsehbar). Sie wurden 2005 zum Weltdokumentenerbe erklärt.
  • Die Originaltexte verschiedener Auflagen der Kinder- und Hausmärchen finden Sie u.a. auch beim Projekt Gutenberg, bei Zeno.org und bei Wikisource, einem Schwesterprojekt von Wikipedia.
  • Viele Institutionen haben anlässlich des 200-jährigen Jubiläums etwas einfallen lassen. Das Land Hessen widmet dem Ereignis ein „Themenjahr“ (–> Grimm 2013) mit zahlreichen Veranstaltung, Ausstellungen und touristischen Angeboten. Auf der Seite finden Sie jede Menge Informationen zu den Brüdern Grimm und ihren Märchen. Naturgemäß steht dabei Nordhessen, die Heimat der Grimms, im Mittelpunkt. Die Uni Kassel richtete anlässlich des Jubiläums vom 17. bis 20. Dezember einen Kongress mit dem Titel Märchen, Mythen und Moderne aus. Das Goethe-Institut betrachtet, seinem Auftrag gemäß, Grimms Märchen (wie auch andere deutsche Märchen) ähnlich wie der Märchenatlas aus einer eher globalen Perspektive.
  • Ausführliche Informationen zur Geschichte des Deutschen Wörterbuches finden Sie hier.

Grimms Märchen auf Märchenatlas

Ein durchnummeriertes Gesamtverzeichnis der Grimm’schen Märchen finden Sie z.B. hier. Des Weiteren finden Sie auf Märchenatlas zahlreiche Inhaltsangaben, oft mit Interpretation, zu bekannten und auch weniger bekannten Märchen. Sie finden diese, wenn Sie den Button ‚Grimms Märchen‘ anklicken, oder auch über den Button ‚Register‘ (dann Grimms Märchen von A bis Z klicken).

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