Tiere im Märchen: Raben und Krähen

Tiere im Märchen: Raben und Krähen

Zur Taxonomie

Raben und Krähen (Corvus) bilden eine Gattung innerhalb der Familie der Rabenvögel (Corvidae). Die Begriffe Rabe und Krähe sind dabei keine taxonomischen Bezeichnungen (insbesondere keine Artbezeichnungen), sondern werden teilweise überlappend verwendet, wobei die Faustregel gilt, dass größere Arten als Raben und die kleineren als Krähen bezeichnet werden. Mit Abstand die größte in Europa vertretene Art der Gattung ist der Kolkrabe[1]Mit 54 bis 67 cm Körperlänge und 115 bis 130 cm Flügelspannweite ist der Kolkrabe größer als der Mäusebussard., der nicht nur durch seine Größe beeindruckt, sondern auch durch sein metallisch-schwarz glänzendes (»rabenschwarzes«) Gefieder und seinen kräfigen, nach unten gebogenen Schnabel. Ebenfalls schwarz glänzend sind die Rabenkrähe und die Saatkrähe, die beide mit 45 cm Körperlänge immer noch groß, aber deutlich kleiner als der Kolkrabe sind. Der Gefiederglanz ist bei der Rabenkrähe weniger stark ausgeprägt als bei der Saatkrähe, die außerdem an ihrem hellen, unbefiederten Schnabelansatz recht gut zu erkennen ist. Saatkrähen bilden in Deutschland zum Teil riesige Überwinterungskolonien (aus Osten kommend), sind aber auch als Standvögel bei uns vertreten. Die Rabenkrähe ist eine Unterart[2]Biologen sprechen von einer Morphe, ein Begriff der einen bestimmten Phänotyp einer Art bezeichnet. der Aaskrähe; eine zweite Unterart[3]bzw. Morphe ist die Nebelkrähe, die sich durch ihr grau-schwarzes Gefieder auf den ersten Blick von den anderen Raben und Krähen unterscheidet. Das von Rabenkrähen und Nebelkrähen besiedelte Territorium ist in West und Ost geteilt – im Westen leben die Rabenkrähen, im Osten die Nebelkrähen –, wobei die Trennlinie etwa entlang der Elbe verläuft. Natürlich ist diese Trennlinie keine Linie, sondern ein breiter Korridor, in dem beide Unterarten leben. Seit langem ist bekannt, dass sie sich dort, wo sie sich begegnen, untereinander verpaaren und auch fortpflanzungsfähige Nachkommen haben. DNA-Untersuchungen haben inzwischen ergeben, dass es tatsächlich keine genetische Trennung zwischen beiden gibt und deshalb der Begriff Morphe (siehe Anmerkung 2) dem der Unterart vorzuziehen ist.

Der Vollständigkeit halber ist noch die Dohle zu nennen, mit ca. 35 cm Körperlänge die kleinste heimische Art aus der Gattung Corvus. Ihr Gefieder ist schwarz-grau, wobei ein metallischer Glanz nur bei der schwarzen Kopfplatte auftritt, die mit dem helleren Hinterkopf kontrastiert.

Allen Arten der Gattung Corvus sind die typischen Lautäußerungen (heiseres »Gekrächze«) gemeinsam. Sowohl das Wort Rabe als auch Krähe sind lautmalerische Namen, die aus dem rah-rah und kra-kra der Vögel abgeleitet sind. Da überrascht es den einen oder anderen, wenn er liest, dass die Rabenvögel, somit also auch die Gattung der Raben und Krähen, zu den Singvögeln gehören.

Galgenvögel und Unglücksraben

The seven ravens

Die sieben Raben, Illustration von Arthur Rackham

Raben und Krähen sind ausgeprägte Kulturfolger, d.h., sie haben sich den vom Menschen geschaffenen bzw. hinterlassenen Kulturraum als Lebensraum erschlossen und sich an ein Leben in der Nähe des Menschen angepasst, ohne dass es je zur Domestizierung gekommen wäre (im Unterschied zu Enten, Gänsen und Hühnern, aber auch zum Wolf, aus dem durch Domestizierung der Hund hervorgegangen ist). Als Aasfresser wurden sie – besonders die schwarzen Arten – seit jeher mit dem Tod assoziert, was einer der Gründe für ihr eher schlechtes Image ist. Besonders ihr vermehrtes Auftreten nach Schlachten, wenn die Leichen der Gefallenen ihnen reiche Nahrung lieferten, machte sie zu einem Symbol des Unglücks (»Unglücksrabe«). Sehr eindrucksvoll im negativen Sinne muss auch der Anblick der großen, schwarzen Vögel an öffentlichen Hinrichtungsstätten gewesen sein, wo sie sich an den sterblichen Überresten bedienten, die zur Abschreckung liegen bzw. hängen gelassen wurden. Auf diese Praxis geht das Wort »Galgenvogel« zurück, mit dem zum Ausdruck gebracht werden soll, dass die so bezeichnete Person (oft ein Kleinkrimineller) an den Galgen gehöre.

Umgekehrt übertrug sich aber auch das Vergehen und die Schuld der Hingerichteten auf die Rabenvögel, deren tiefschwarzes Gefieder eine ideale Projektsfläche bot.[4]Der griechischen Mythologie zufolge waren Krähen ursprünglich weiß. Der Gott Apollon warb um Koronis, Mutter von Asklepios (Äskulap), und schickte ihr zur Bewachung eine weiße Krähe. Doch Koronis ließ sich mit einem anderen ein, weshalb Apollon die Krähe, die nicht aufgepasst hatte, dazu verdammte, fortan schwarz zu sein. »Rabenschwarz« ist im allgemeinen Sprachgebrauch weniger eine Farbbezeichnung als vielmehr ein mentales Attribut: ein rabenschwarzer Tag ist einer, an dem ein großes Unglück passiert oder alles schiefgegangen ist; ein rabenschwarzes Herz hat jemand, dem jegliches Mitgefühl fremd ist. Dagegen wird das schwarze Haar von Schneewittchen im gleichnamigen Märchen nicht mit einem Raben assoziert, obwohl die Verbindung Schnee (weiß) und Rabe (schwarz) sehr nahe gelegen hätte. Stattdessen muss ein schwarzer Fensterrahmen als Vorlage für den Wunsch der Mutter nach einer Tochter »weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie…« herhalten – »schwarz wie ein Rabe« kam offensichtlich nicht in Frage, da dieser Vogel einfach ein zu schlechtes Image hatte. Das deutlich ältere Märchen Der Rabe von Giambattista Basile (näheres siehe unten) verwendet als zentrales Symbol ebenfalls die starke Farbkombination weiß-rot-schwarz, wobei für schwarz tatsächlich das Gefieder eines Raben steht.

Die klauen wie die Raben!

Die Aversion gegen Raben und Krähen rührt zum Teil auch daher, dass sie als intelligente Kulturfolger sehr geschickt darin sind, sich ihren Teil von dem zu holen, von dem der Mensch meint, dass es von Rechts wegen ihm alleine zusteht: Getreidehalme, Eier, Küken, junge Hasen und sogar Weidetiere … die Vertreter der Gattung Corvus »klauen wie die Raben«. Heißt es. Wie stark diese Ansicht in der Bevölkerung verankert war und teilweise noch ist, zeigt auch der alte Kinderreim Hoppe, hoppe, Reiter. Dort heißt es über den Reiter (bzw. das kleine Kind, dass man beim Aufsagen des Reims auf den Knien wippt): »… wenn er fällt, dann schreit er. Fällt er in den Graben, fressen ihn die Raben …«. Wer in den Graben gefallene Reiter und sogar kleine Kinder frisst, ist natürlich vogelfrei, und so hat die Jagd auf Rabenvögel, zu denen neben Corvus u.a. auch Elstern und Eichelhäher zählen, eine lange Tradition. Vor allem der Kolkrabe – der Galgenvogel schlechthin – wurde so intensiv bejagt, dass er in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in weiten Teilen West- und Mitteleuropas ausgestorben war. Mittlerweile haben sich die Bestände dank Wiederbesiedlung und maßvollerer Verfolgung erholt. Was Raben und Krähen betrifft, gehen die Ansichten von Artenschützern und Jägern dennoch stark auseinander, wobei das Argument der Jäger heute nicht mehr so sehr der von den Vögeln angerichtete wirtschaftliche Schaden ist. Vielmehr sehen sich die Jäger selbst als Umweltschützer, die die unkontrollierte Ausbreitung bestimmter Arten (in diesem Fall der Raben und Krähen) eindämmen, weil diese ansonsten andere Arten bedrohen würden.

Pech haben auch die beiden (Kolk-)Raben, die in einer Voliere im Hof des Merseburger Schlosses (südl. Sachsen-Anhalt) eingesperrt sind. Sie verbüßen eine Haftstrafe für ein Vergehen, das einer ihrer Vorfahren vor langer, langer Zeit der Legende nach begangen hat. Der Bischof Thilo von Throta (*1443, †1514) hatte einen Siegelring besessen, der eines Tages verschwunden war. Der Verdacht fiel auf seinen Diener, der bis zum Schluss seine Unschuld beteuerte, aber trotzdem hingerichtet wurde. Doch später wurde der Ring in einem Rabennest gefunden. Zur Mahnung, keine vorschnellen Urteile zu fällen, wurde ein Rabe eingesperrt – eine Argumentation, die nicht nur Vogelschützern nicht ganz schlüssig erscheint, aber immerhin: die heutige Voliere ist deutlich größer als der ursprüngliche Käfig, und der Kolkrabe sitzt nicht mehr in Einzelhaft, sondern hat eine Partnerin bekommen.

Rabeneltern und die übrige Verwandschaft

Zum negativen Image der Raben und Krähen trug neben ihrer Ernährungsweise und der Farbe Schwarz auch das (tatsächliche oder vermutete) Sozialverhalten der Tiere bei. Die Wörter »Rabenmutter« und »Rabeneltern«, herabwürdigend gebraucht für Personen, die sich vermeintlich nicht mit der angemessenen Hingabe um ihren Nachwuchs kümmern, fußt offensichtlich auf der Vorstellung, dass Raben wenig fürsorgliche Eltern sind. Tatsächlich ist dies nicht der Fall. Vermutlich geht die Vorstellung auf die Beobachtung junger, hilflos auf dem Boden herum staksender und nach Futter bettelnder Raben zurück. Die Beobachtung ist richtig, ihre Interpretation dagegen falsch: die Jungvögel werden von ihren Eltern weiterhin versorgt, nur ist es bei Raben und Krähen üblich, dass die Jungen das Nest verlassen, bevor sie wirklich fliegen können.

Die Tatsache, dass Raben und Krähen große Gesellschaften mit komplexen Sozialstrukturen bilden, wurde und wird ihnen auch nicht unbedingt zum Vorteil ausgelegt. Das einzelne Tier mag düster und unheimlich wirken, wird aber nicht als Bedrohung wahrgenommen – bei einem ganzen Schwarm der großen, dunklen und vor allem lauten Vögel sieht die Sache schon anders aus. Zur Hysterie gesteigert ist diese Angst in Alfred Hitchcocks Horror-Klassiker Die Vögel. Auch spiegelt das Sprichwort Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus die Überzeugung wider, dass die Gemeinschaft der Krähen eine Gemeinschaft der Räuber und Gauner ist.

… aber schlau sind sie!

Dass Raben und Krähen sehr intelligente Tiere sind, ist heute durch wissenschaftliche Studien zweifelsfrei belegt. Man weiß zum Beispiel, dass sie Werkzeuge nicht nur benutzen, sondern auch herstellen. Sie zeigen beim Verstecken von Futter beträchtliche Merkleistungen und sind offenbar in der Lage, dabei planvoll vorzugehen. Es gibt Hinweise, dass sie sogar in der Lage sind, erlernte Fähigkeiten an Artgenossen weiterzugeben[5]Es wurde eine Krähe beobachtet, die zufällig herausgefunden hatte, wie man besonders effizient Nüsse knacken kann – nämlich indem man sie an einer roten Ampel vor die haltenden Autos wirft und einfach wartet. Kurze Zeit später beherrschten Krähen im Umkreis von einigen Kilometern diese Technik..

Obwohl diese Forschungsergebnisse größtenteils relativ neu sind, ist das Wissen um die Intelligenz (oder »Weisheit«) der Raben alles andere als neu. Mythologische Bedeutung haben Raben vor allem in Gestalt der beiden (Kolk-)Raben Hugin und Munin, die der nordische Gott Odin (Wotan) auf seinen Schultern trägt und die ihm sagen, was auf der Welt vor sich geht. Die Namen der Raben sind beide aus Wörtern für denken abgeleitet, wobei huga denken im Sinne von schlussfolgern, den Sinn finden meint, und muna denken an, sich erinnern. Auch im Alten Testament (1. Buch Mose) kommt der Rabe als »Kundschafter« vor, und zwar sendet Noah zuerst einen Raben von seiner Arche aus, um zu erfahren, wie viel Wasser noch auf der Erde ist. Aber zufrieden scheint Noah mit der Leistung des Raben nicht gewesen zu sein, denn bekanntlich hat er später eine Taube ausgesandt, die mit einem Ölzweig und dann gar nicht mehr zurückkam.

Rabenmärchen

Unter den weniger bekannten Märchen der Brüder Grimm gibt es eines, das den Titel Die Krähen trägt und in dem die Ambivalenz der Krähe deutlicher hervortritt, als in jedem anderen Märchen. Die Krähen tauchen zunächst als »Galgenvögel« auf, indem sie sich auf einem Galgen niederlassen, unter dem ein von seinen Kameraden übel zugerichteter Soldat liegt (Todessymbol). Sie führen dann eine Unterhaltung, die an die Raben des Gottes Odin denken lässt – jede von weiß von Dingen, die Menschen nicht wissen, die aber von außerordentlichem Wert für sie wären.

Das bekannste Märchen, in dem Raben vorkommen, ist vermutlich Die sieben Raben von den Brüdern Grimm. Es gehört zu einem in vielen Fassungen verbreiteten Märchentyp, in dem ein junges Mädchen ihre in Vögel verwandelten und von zu Hause fortgezogenen Brüder erlöst. In Die zwölf Brüder sind diese Vögel ebenfalls Raben, wobei dort die Todessymbolik noch gesteigert wird durch weiße Lilien, die ebenfalls starke Todessymbole sind. In anderen Fassungen handelt es sich bei den Vögeln um Schwäne (Die sechs Schwäne, Brüder Grimm) oder auch Tauben (Die sieben Tauben, Basile). Immer sind es die Eltern (mal die Mutter, mal der Vater), die durch unbedachte Flüche oder Hartherzigkeit das Unglück heraufbeschworen haben. Als Unglücksvogel ist der Rabe bestens geeignet, um die seelische Not des Mädchens zu symbolisieren, das unwirtlichste Gegenden durchstreift, um nach etwas zu suchen, was sie gar nicht kennt (ihre Brüder), wonach sie sich aber sehnt.

Die gleiche Symbolik hat der Rabe in dem Grimm’schen Märchen Die Rabe. Dort verflucht eine Mutter ihre quengelige kleine Tochter, die sich daraufhin in eine(n) Rabe(n) verwandelt und viele Jahre im dunklen Wald lebt. Hier wird noch etwas deutlicher, dass der schwarze Vogel nicht nur für Unglück, sondern auch für die damit oft einhergehende Einsamkeit, Melancholie und Depression steht.

In Giambattista Basiles Märchen Der Rabe ist die Bedeutung eine andere. Die Handlung kommt dadurch in Gang, dass der zuvor fröhlich in den Tag hinein lebende Held auf der Jagd einen frisch getöten, noch blutenden Raben auf einem weißen Marmorstein liegen sieht. Diese Farbkombination, die aus dem Märchen Schneewittchen bekannt ist, löst in ihm die Sehnsucht nach einer Frau aus – weiß wie Schnee, rot wie blut und hier tatsächlich: mit rabenschwarzem Haar. Sie steht für den Zyklus aus Geburt (weiß), Leben (rot) und Tod (schwarz), sodass zwar auch in diesem Märchen der Rabe den Tod symbolisiert, doch wird der Tod nicht als das Ende, sondern als Teil eines Zyklus verstanden. Dem jungen Helden wird beim Anblick des toten Raben klar, dass auch er Teil dieses Zyklus‘ ist.

Das Märchen Der treue Johannes von den Brüdern Grimm ist Basiles Märchen Der Rabe sehr ähnlich. Allerdings spielt ausgerechnet der Rabe hier eine andere Rolle. Der Anfang mit seiner starken Symbolik fehlt (stattdessen verliebt sie sich der Held in das Bild einer Frau), doch tauchen dann im weiteren Verlauf drei Raben auf, deren Gespräch der Diener des Helden (der treue Johannes) belauscht. Die Raben haben auf ihren weiten Reisen Dinge erfahren, die sich für die Zukunft des Helden als äußerst wichtig erweisen – ein Motiv, das stark an Odins Raben Hugin und Munin erinnert. Andererseits erinnert dies Szene aber auch vage an Noahs Raben, da sich das Ganze auf einem Schiff abspielt.

Eine Mischung aus nordischer Mythologie und Todessymbolik hat sich in der Kyffhäuser-Sage niedergeschlagen. Nach dieser Sage, auf die besonders im Zusammenhang mit der deutschen Reichsgründung (1871) Bezug genommen wurde, schläft der Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, zusammen mit seinen Getreuen in einer Höhle des Kyffhäuserbergs. Währenddessen kreisen die Raben um den Berg. Alle hundert Jahre wacht der Kaiser auf, um zu sehen, ob die Raben noch fliegen. Ist dies der Fall, schläft er ein weiteres Jahrhundert, andernfalls steht er auf und schlägt in einer letzten Schlacht ein für allemal das Böse. Auch hier stehen die Raben für Tod (Todesschlaf) und Depression (Unterdrückung des Guten), gleichzeitig erinnert die direkte Verbindung zwischen Barbarossa und den Raben ein wenig an Odin und seine Raben. Ludwig Bechstein hat in seinem Märchen Der Schmied von Jüterbog die Kyffhäusersage aufgegriffen und mit einem weit verbreiteten Märchenstoff kombiniert: ein Schmied wird nach einem höchst abenteuerlichen Leben weder im Himmel noch in der Hölle aufgenommen. Die Lösung besteht in Bechsteins Fassung darin, dass er in die Höhle des Barabarossa steigt, um – wenn die Raben eines Tages nicht mehr kreisen – gemeinsam mit ihm die letzte Schlacht zu schlagen

In dem Märchen Die weiße Schlange (Brüder Grimm) ist das Motiv der wissenden Raben mit der Alltagsbeobachtung von unbeholfenen Rabenjungen verbunden. Das Hauptmotiv des Märchens ist das der helfenden Tiere: der Held zieht in die Welt hinaus und erweist sich, bevor er eine Reihe schwieriger Prüfungen bestehen muss, als aufmerksam und gütig gegenüber mehreren schwachen Tieren, die ihm dann später als Helfer mit außerordentlichen Fähigkeiten zur Seite stehen. In diesem Falle sind dies unter anderem zwei junge Raben, die von ihren Rabeneltern aus dem Nest geworfen wurden. (Wobei die Sache mit den Rabeneltern nicht stimmt, da das unbeholfene Herumhüpfen von Rabenjungen andere Ursachen hat. Siehe oben.) Der Held opfert sein Pferd, damit die Raben nicht verhungern müssen, was an die Beobachtung anknüpft, dass Raben vermehrt auftraten, wenn es nach einer Schlacht für sie reichlich Nahrung gab, wozu ganz sicher auch unzählige tote Pferde gehörten. Später holen die wissenden Raben für den Helden einen Apfel vom Baum des Lebens, von dem der Held nicht einmal weiß wo er wächst. Auch in dem Märchen Das Meerhäschen tritt der Rabe als eines von mehreren dankbaren Tieren auf. Der Held hatte zunächst beabsichtigt, den Raben zu schießen, was auf die Gepflogenheit verweist, Raben und Krähen als Schädlinge zu bejagen. Doch er verschont ihn, weil der Rabe ihn anspricht. Später hilft der kluge Rabe dem Helden, die Rätsel einer Prinzessin zu lösen, die nur einen ganz besonders schlauen Mann heiraten will.

Zum Schluss ein Beispiel für ein »Rabenmärchen«, in dem die komische Seite der schwarzen Gesellen zum Tragen kommt. In dem Schwank Das Bürle[6]Der Schwank ist bekannter in der Fassung von Hans Christian Andersen, der ihn unter dem Titel Der kleine Klaus und der große Klaus veröffentlicht hat. Dort fehlt allerdings der Rabe., ebenfalls aus der Sammlung der Brüder Grimm, liest ein armer Bauer einen Raben mit gebrochenem Flügel auf und wickelt ihn in das Kuhfell, dass er notgedrungen auf dem Markt verkaufen muss. Später behauptet er, in seinem Beutel säße ein Wahrsager, wobei es ihm gelingt, das Gekrächze des Raben als Stimme des Orakels auszugeben.

Außerdem interessant: Übersichtsartikel zur Rolle und Funktion von Tieren im Märchen

Anmerkungen   [ + ]

1. Mit 54 bis 67 cm Körperlänge und 115 bis 130 cm Flügelspannweite ist der Kolkrabe größer als der Mäusebussard.
2. Biologen sprechen von einer Morphe, ein Begriff der einen bestimmten Phänotyp einer Art bezeichnet.
3. bzw. Morphe
4. Der griechischen Mythologie zufolge waren Krähen ursprünglich weiß. Der Gott Apollon warb um Koronis, Mutter von Asklepios (Äskulap), und schickte ihr zur Bewachung eine weiße Krähe. Doch Koronis ließ sich mit einem anderen ein, weshalb Apollon die Krähe, die nicht aufgepasst hatte, dazu verdammte, fortan schwarz zu sein.
5. Es wurde eine Krähe beobachtet, die zufällig herausgefunden hatte, wie man besonders effizient Nüsse knacken kann – nämlich indem man sie an einer roten Ampel vor die haltenden Autos wirft und einfach wartet. Kurze Zeit später beherrschten Krähen im Umkreis von einigen Kilometern diese Technik.
6. Der Schwank ist bekannter in der Fassung von Hans Christian Andersen, der ihn unter dem Titel Der kleine Klaus und der große Klaus veröffentlicht hat. Dort fehlt allerdings der Rabe.

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