Kunstmärchen

Was sind Kunstmärchen?

Kunstmärchen sind im Gegensatz zu den Volksmärchen das Werk eines eindeutig zuzuordnenden Verfassers (siehe auch Übersichtsartikel Märchen). Elemente des Zauberhaften und Fantastischen sind wie bei den Volksmärchen stilprägend, auch sind Motive und Themen häufig dem Volksmärchen entlehnt.

Illustration von Charles Robinson zu dem Märchen Die bedeutsame Rakete von Oscar Wilde
Die bedeutsame Rakete (aus Der Glückliche Prinz und andere Märchen von Oscar Wilde). Illustration Charles Robinson (The happy prince and other tales, Brentano’s, New York, 1920)

Kunstmärchen vs. Volksmärchen

Kunstmärchen weisen jedoch sehr unterschiedliche, teils stark vom traditionellen Märchen abweichende Erzählstrukturen auf. So reicht beispielsweise bei Hans Christian Andersen, einem der bekanntesten und produktivsten Märchendichter, das Spektrum von Märchen, die sehr starke Ähnlichkeit mit traditionellen Märchenstoffen haben (Der Schweinhirt, Die wilden Schwäne), über einfach strukturierte märchenhafte Erzählungen sozialkritischen Inhalts (Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen, Des Kaisers neue Kleider) bis hin zu vielschichtigen, romanartig angelegten Erzählungen (Die Schneekönigin, Die Galoschen des Glücks), in denen das Wesen und die Motive der Protagonisten sehr plastisch herausgearbeitet sind.

Das für Volksmärchen typische schwarz-weiß-Muster von Gut und Böse ist beim Kunstmärchen die Ausnahme. An die Stelle der Märchenfiguren, die als Typen oder Symbole zu betrachten sind, treten realistisch gezeichnete Menschen. In vielen Kunstmärchen ist die Handlung durch einen inneren Konflikt des Haupthelden angetrieben, der sich aus der Diskrepanz zwischen Alltagswelt und unerfüllter Sehnsucht ergibt. Typische Beispiele sind Der goldne Topf von E.T.A. Hoffmann, Peter Schlemihls wundersame Geschichte von Chamisso und Das kalte Herz von Wilhelm Hauff.

Kunstmärchen in der Romantik

Einen Höhepunkt erlebte das Kunstmärchen in der deutschen Romantik. Ludwig Tieck, Novalis, Clemens Brentano, Adalbert von Chamisso, der schon erwähnte E.T.A. Hoffmann … – fast alle Vertreter der Romantik schrieben auch Kunstmärchen oder zumindest phantastische Erzählungen, die Anklänge an das Märchen enthalten. Unter den Kunstmärchen der deutschen Romantik finden sich auch einige bedeutende Klassiker der Schauerliteratur, die heute u.a. unter dem Etikett »Dark Fantasy« fortlebt. Diese Märchen sind weit entfernt von einer heiteren Kinderwelt, in der stets das Gute über das Böse siegt. Vielmehr widmen sie sich den dunklen Seiten der menschlichen Natur wie Melancholie, Wahnvorstellungen und Todessehnsucht (Tieck: Der Runenberg, Der blonde Eckbert, Hoffmann: Der Sandmann). 

Eine gewisse Faszination der Autoren für das Unnatürliche oder Groteske ist ein Charakteristikum der sogenannten Schwarzen Romantik. Dies brachte beispielsweise den Werken von E.T.A. Hoffmann nicht nur Bewunderung, sondern auch starke Ablehnung ein. Ein anderes wichtiges Motiv des romantischen Kunstmärchens ist das Spannungsverhältnis zwischen romantischer Liebe und bürgerlicher Ehe (siehe v.a. Undine von de la Motte Fouqué, aber auch Nebenmotiv im Goldnen Topf).

Spätromantik und Realismus

Zeitlich der Spätromantik zuzuordnen, inhaltlich und stilistisch jedoch sehr eigenständig sind die Märchen von Wilhelm Hauff. Außer von den romantischen Kunstmärchen von Hoffmann, Tieck und anderen sowie den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm sind sie unverkennbar beeinflusst von den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Dies zeigt sich in einigen orientalisch anmutenden Märchen (Der kleine Muck, Kalif Storch), insbesondere aber im Aufbau (Rahmenhandlung, innerhalb der Reisende Geschichten erzählen). Der dritte Märchen-Almanach von Hauff integriert außerdem alte Sagen (die Sage vom Glasmännchen in Das kalte Herz, Die Sage vom Hirschgulden).

Auch in der Literatur des Realismus sind vereinzelt Märchen zu finden. In der deutschsprachigen Literatur zählen Theodor Storm (Die Regentrude) und Gottfried Keller zu den Vertretern. Eine herausragende Stellung nehmen die Märchen des wohl bekanntesten dänischen Dichters Hans Christian Andersen ein. Aus der englischsprachigen Literatur sind v.a. die Märchen von Oscar Wilde zu nennen. Diese weisen deutliche Bezüge zu den Kunstmärchen der deutschen Romantik auf, so zum Beispiel das Märchen Der Fischer und seine Seele, in dem das Motiv der Undine abgewandelt wird.

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