Die Feder von Finist, dem hellen Falken

Die Feder von Finist, dem hellen Falken ist ein russisches Märchen, enthalten in der Sammlung Narodnye russkie skazki (1855-1863; Russische Volksmärchen) von Alexander Nikolajewitsch Afanassjew

Illustration von Iwan Bilibin zu dem russischen Märchen Finist, der Falke
Die Feder von Finist, dem hellen Falken. Illustration Iwan Bilibin

Inhalt

Ein Vater hat drei Töchter. Die beiden älteren sind eitel und mit sich selbst beschäftigt, während die jüngste bescheiden und fleißig den Haushalt besorgt. Eines Tages fährt er in die Stadt und fragt die Töchter, was er ihnen mitbringen soll. Die beiden älteren wünschen sich Kleiderstoffe. Die jüngste aber wünscht sich eine Feder von Finist, dem hellen Falken. In der Stadt kauft der Vater die schönsten Stoffe, doch eine Feder des Falken findet er nirgends. Es tut ihm leid, kein Geschenk für die jüngste Tochter zu haben. Doch sie macht ihm keine Vorwürfe, sondern tröstet sich und ihn damit, dass es ja vielleicht beim nächsten mal klappt. Als der Mann etwas später wieder in die Stadt fährt, wünschen sich die beiden älteren Töchter Kopftücher. Die jüngste aber wiederholt ihren Wunsch nach der Feder. Doch auch diesmal kann der Vater nirgends eine Feder von Finist, dem hellen Falken finden.

Als der ein drittes Mal in die Stadt fährt, wünschen die älteren Schwestern Ohrringe und die jüngste noch immer die Feder. Auch beim dritten Mal findet der Vater nirgendwo in der Stadt die feder und ist deshalb sehr betrübt. Doch als er die Stadt schon hinter sich gelassen hat, trifft er einen alten Mann, der ein Kästchen trägt und auch Nachfrage antwortet, dass sich in dem Kästchen eine Feder von Finist, dem hellen Falken befindet. Erleichtert kauft der Vater dem Alten das Kästchen mit der Feder für hundert Rubel ab.

Die jüngste Tochter ist überglücklich und verschwindet mit dem Kästchen samt Feder in ihrem Zimmer. Dort öffnet sie das Kästchen und lässt die feder auf den Boden fallen — und vor ihr steht ein schöner Zarensohn. Sie plaudern ein Weilchen, was von den Schwestern nicht unbemerkt bleibt. Der Zarewitsch verwandelt sich wieder in eine Feder und das Mädchen legt die Feder in das Kästchen. Als die misstrauischen Schwestern ins Zimmer kommen, finden sie niemanden. Nachdem sie wieder gegangen sind, öffnet das Mädchen das Fenster. Die Feder verwandelt sich in einen Falken und fliegt davon. In der nächsten Nacht kommt er wieder zurück und wird wieder zum Zarewitsch, um mit dem Mädchen zu plaudern. Die Schwestern hören auch diesmal ihre Stimmen, können aber nichts ausrichten, weil sie niemanden vorfinden. Darum fassen sie für den nächsten Abend einen bösen Plan.

Um dem Geheimnis ihrer Schwester auf die Spur zu kommen, spicken sie deren Fenster mit spitzen Messer und Nadeln. Als der Falke durchs Fenster fliegen will, verletzt er sich schwer. Er kann dem schlafenden Mädchen nur noch zurufen, dass sie hinter dreimal neun Ländern nach ihm suchen soll und dass sie drei paar eiserne Schuhe durchlaufen, drei eiserne Wanderstäbe durchbrechen und drei steinerne Oblaten aufknabbern wird, bevor sie ihn findet. Das Mädchen hört seine Worte im Traum, wacht aber nicht auf. Als sie am Morgen die blutigen Messer sieht, weiß sie, dass ihre Schwestern ihrem Liebsten Böses angetan haben. Eingedenk der Worte aus ihrem Traum lässt sie sich vom Schmied eiserne Schuhe und Wanderstäbe machen und nimmt drei steinerne Oblaten mit auf den Weg.

Sie wandert lange, bis irgendwann das erste paar Schuhe durchgelaufen und der erste Wanderstab gebrochen ist. An einem kleinen Häuschen bittet sie um Nachtquartier und erzählt der Wirtin von Finist, dem Falken. Die Alte meint, ihre mittlere Schwester könnte wohl den Weg wissen, und schenkt dem Mädchen ein goldenes Spinnrad. Auf dem Spinnrad kann das Mädchen einen goldenen Faden spinnen, der ihr den Weg weist. So gelangt sie zu einer zweiten Alten, der sie ebenfalls von ihrer Suche nach Finist erzählt. Die Frau schickt sie zur ältesten Schwester und schenkt ihr eine silberne Schüssel und ein goldenes Ei. Schließlich, nachdem auch das letzte Paar Schuhe durchgelaufen und der letzte Wanderstab gebrochen ist, gelangt sie zur ältesten Alten. Die erzählt, dass Finist in der Stadt lebt und seit kurzem verheiratet ist. Sie solle sich bei der Zarewna als Magd verdingen. Dann schenkt sie ihr einen goldenen Stickrahmen und eine Nadel.

Das Mädchen befolgt den Rat und beginnt, nachdem sie die Hausarbeit erledigt hat, auf dem goldenen Spinnrad zu spinnen. Das gefällt der Zarewna so gut, dass sie es haben will. Das Mädchen verlangt dafür, eine Nacht bei dem Zarewitsch verbringen zu dürfen. Die Frau willigt ein, allerdings verabreicht sie ihrem Mann sicherheitshalber einen Schlaftrunk, sodass er nichts von ihren nächtlichen Erzählungen hört. Die Sache wiederholt sich mit der Schüssel und dem goldenen Ei. In der dritten Nacht, die ihr die Frau gegen den goldenen Stickrahmen gewährt, wird er endlich durch ihre Tränen wach und erkennt sie.

Sie fliehen zusammen zum Elternhaus des Mädchens, wo der Zarewitsch sich wieder in eine Feder verwandelt. Die Eltern sind glücklich, ihre Tochter wiederzusehen, doch noch gibt sie ihren Bräutigam nicht zu erkennen. Als die Familie in die Kirche fährt, bleibt sie zurück, um später mit dem Zarewitsch prächtig gekleidet in einer Kutsche nachzufahren. Das wiederholt sich an drei Tagen, bis der Vater endlich erkennt, dass es sich bei der Zarewna um seine Tochter handelt, woraufhin sie endlich Hochzeit feiern können.

Motivvergleich, ähnliche Märchen

Das Märchen ähnelt am Anfang und am Ende sehr stark dem singenden, klingenden Löweneckerchen aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Wie dort bringt ein Vater seinen drei Töchter von einer Reise Geschenke mit, wobei die Jüngste einen bescheidenen, gleichzeitig aber auch sonderbaren Wunsch äußert. Sehr ähnlich sind auch die lange Wanderung, die die Frau auf sich nimmt, um nach ihrem verlorenen Ehemann bzw. Bräutigam zu suchen, sowie die mit Zaubergegenstände der „falschen Braut“ abgekauften Nächte mit dem Liebsten.

Der mittlere Teil ist hingegen anders als beim Löweneckerchen und ähnlichen Märchen (Die Schöne und das Biest), denn während dort die junge Frau aus Gehorsam gegenüber ihrem Vater einwilligt, mit einem Untier zusammenzuleben, ist im russischen Märchen die Beziehung zwischen ihr und »dem Tier« von Anfang an eine von ihr gewollte. Auch symbolisiert der Falke wie Vögel im Allgemeinen durchaus etwas anderes als die Tiere/Bestien in den Märchen vom Typ Die Schöne und das Biest (siehe auch Tiere im Märchen). Das heimliche nächtliche Zusammensein der jungen Frau mit ihrem Liebsten (Falke) kommt sehr ähnlich in dem französischen Märchen Der blaue Vogel vor.

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