Der Brunnen als Märchenmotiv

Der Brunnen als Märchenmotiv

Das Wort Brunnen kann im Märchen unterschiedliche Dinge bezeichnen: zum einen das Bauwerk, d.h. den gegrabenen und gemauerten (Zieh-)Brunnen, aus dem man Wasser schöpft, zum anderen aber auch das frei sprudelnde Wasser bzw. die Quelle (wie in dem Volkslied Wenn alle Brünnlein fließen). Entsprechend der Mehrdeutigkeit des Begriffs kann der Brunnen im Märchen unterschiedliche Dinge symbolisieren.

Undine. Gemälde von John William Waterhouse

Der Brunnenschacht führt in unauslotbare Tiefe und stellt somit die Verbindung zur Unterwelt dar. Er ist kalt, dunkel und eng. Man kann den Grund nicht sehen, und wer hinein fällt, ist unrettbar verloren (»Ist das Kind erst einmal in den Brunnen gefallen …«). Deshalb ist es besser, den Brunnen abzudecken, nicht nur wegen der Gefahr des Hineinfallens, sondern auch, weil die Geister aus der Unterwelt durch den Brunnen in die Welt der Menschen aufsteigen können. So geschieht es am Ende des Märchens Undine von Friedrich de la Motte Fouque. Nachdem Undine ihren treulosen Gemahl an die Rivalin Bertalda verloren hat und das Verschließen des Schlossbrunnens im entscheidenden Moment versäumt wurde, kommt sie ein letztes Mal zu ihm und gibt ihm den kalten Todeskuss. Hier steht der Brunnen für das Verhängnis, das der Verbindung zwischen dem Mann und der Wasserfrau innewohnt.

In dem Märchen Frau Holle tritt der Brunnen ebenfalls als Verbindung zur Unterwelt auf, doch sind hier die beiden Mädchen, die in den Brunnen fallen, nicht verloren. Für das fleißige Mädchen erweist sich die Unterwelt zunächst als freundlicher Garten, in dem sie dann bei Frau Holle fleißig die Betten ausschüttelt. Für das faule Mädchen ist die gleiche Umgebung ein Ort der Mühsal und Plage. Dieser Brunnen steht in allgemeinerem Sinn für das Schicksal, das (in diesem Fall) die Fleißige belohnt und die Faule straft. In dem französischen Märchen Les Fées, das Frau Holle in großen Teilen ähnelt (zwei ungleiche Schwestern, die fleißige wird belohnt, die faule bestraft), fallen nicht die Mädchen durch den Brunnen in die Unterwelt, sondern eine Fee als Vertreterin der „anderen Welt“ erscheint neben dem Brunnen. Das Mütterliche und Schützende symbolisiert auch die Nymphe des Brunnens im gleichnamigen Märchen von Musäus.

Illustration Paul Meyerheim

In dem Märchen Froschkönig fällt die goldene Kugel der jungen Königstochter in einen Brunnen, der so tief ist, dass sie den Grund nicht sehen kann. Hier steht das Abründige nicht für die Unterwelt, sondern für die unmittelbar bevorstehende Begegnung mit dem anderen Geschlecht. Diese fällt allerdings nicht romantisch aus, denn das andere Geschlecht erscheint in Gestalt eines Frosches – wie eklig. Sein Wohnort, der kalte Brunnen, ist für das Mädchen eine fremde und unheimliche Welt.

Eine ähnliche Bedeutung, nur mit vertauschten Geschlechtern, hat der Brunnen im Märchen Der Eisenhans. Ein junger Königssohn wächst im Wald bei einem wilden Mann, dem Eisenhans, auf und muss einen Brunnen bewachen. Es darf nichts hineinfallen oder eintauchen, sonst ist der Brunnen »entehrt«. Der Königssohn übertritt das Tabu mehrfach (taucht seinen Finger ein, lässt sein langes Haar hineingleiten) und wird deshalb von seinem Ziehvater fortgeschickt. Es beginnt für ihn eine neue Lebensphase, in der er sich bewähren muss und schließlich eine Königstochter heiratet.

In Das Wasser des Lebens erscheint der Brunnen in seiner Eigenschaft als Jungbrunnen oder Quell des Lebens. Ähnlich in De drei Vügelkens, wo ein junges Mädchen ihre verleumdete, zu Unrecht eingekehrter Mutter erlöst und durch den frischen Trunk wieder jung macht.

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