Der Wald im Märchen

Der Wald im Märchen

Die Deutschen und der Wald

Der Wald in der deutschen Romatik: Waldinneres bei Mondschein. Gemälde von Caspar David Friedrich

Waldinneres bei Mondschein. Gemälde von Caspar David Friedrich

Was wären »die Deutschen« ohne ihren Wald? In der Romantik wurde der Wald als Sehnsuchtsort überhöht und zum nationalen Symbol stilisiert. Der Wald war von zentraler Bedeutung für die frühe Umwelt- und Naturschutzbewegung, für sozialdemokratisch geprägte Vereinigungen wie die Wandervögel oder die Naturfreunde wie auch für deutschnationale bis rassisistische Strömungen, die in den Helden der germanischen Mythologie ihre Vorbilder suchten. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das befürchtete Waldsterben in Deutschland zu einem der Hauptthemen der Umweltbewegung und zu einem wesentlichen Faktor beim Aufstieg der Grünen. Tatsächlich ist noch immer ein vergleichsweise großer Teil Deutschlands mit (gesundem) Wald bedeckt, doch das spezifisch Deutsche am Wald ist wohl nicht der Wald an sich, sondern die Gleichsetzung von Natur und Wald im Empfinden der Deutschen. 

Der Wald in den Grimmschen Märchen

Angesichts der Bedeutung, die der Wald im deutschen Selbstverständnis einnimmt, verwundert es nicht, dass in sehr vielen deutschen Märchen der Wald als wesentlicher Handlungsort auftritt. Sollte ich eine Weltkarte für den Märchenatlas zeichnen – was ich vielleicht irgendwann versuchen werde – dann wäre das Gebiet der deutschen Märchen mit Wald bedeckt. Doch was bedeutet der Wald im Märchen eigentlich? Einerseits bietet sich die naheliegende Interpretation an, den Wald als das zu nehmen, was er physisch ist: die Landschaft, welche die menschlichen Ansiedlungen umgibt, in der gefährliche, aber auch liebliche Tiere leben, die wichtige Ressourcen (Holz, Nahrung) liefert und die ansonsten vor allem den Gegensatz zur menschlichen Siedlung verkörpert.

Hänsel und Gretel, Märchen der Brüder Grimm. Illustration Alexander Zick

Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald. Illustration von Alexander Zick.

Wenn man sich andererseits das besondere Verhältnis der Deutschen zum Wald vor Augen hält, steht außer Frage, dass dem Wald darüberhinaus symbolische Bedeutung zukommt. Diese erschließt sich, wenn man einen typischen Handlungsverlauf betrachtet: der Märchenheld begibt sich im Laufe der Handlung von einem Ort zu einem anderen und durchquert dabei – im deutschen Märchen fast immer – den Wald.

Auf dieser Interpretationsebene ist der Wald im Märchen der Raum des Wandels. Das kleine, naive Rotkäppchen lernt im Wald durch die Begegnung mit dem Wolf, dass es nicht jedem trauen darf. Die hilflosen, verängstigten Kinder Hänsel und Gretel (besonders sie) besiegen im Wald die böse und mächtige Hexe. Esel, Hund, Katze und Hahn, die altersschwach daheim von ihren Höfen gejagt wurden, müssen auf ihrem Weg nach der Stadt Bremen durch den Wald und entdecken dort notgedrungen in sich  ungeahnte Kräfte. Das junge Schneewittchen ist sich seines Heranwachsens zur schönen Frau nicht bewusst – im Gegensatz zur Stiefmutter, die das nur zu genau weiß, und deshalb muss das Schneewittchen eine zeitlang im Wald bei den sieben Zwergen leben, bevor es mit Glanz und Gloria als junge Königin auf das Schloß ihres Vaters zurückkehrt.

Schneewittchen im Wald, Märchenbilder von Franz Jüttner

Schneewittchen wird in den Wald gebracht. Illustration Franz Jüttner

Diese Aufzählung soll genügen, um das wiederkehrende Muster zu verdeutlichen: im Wald durchlebt der Held eine innere Wandlung oder Reifung, die oft von Prüfungen und Gefahren begleitet ist, während der er sich ängstigt, aber auch Unterstützung findet und die fast immer in irgendeiner Weise »zauberhaft« verläuft. Manchmal sträubt sich die Figur gegen die eigene Wandlung: dann will sie sich im Wald vor der Welt verstecken und muss erst durch einen anderen Menschen von ihren inneren Zwängen befreit werden (typisch: das schöne, junge Mädchen, das im Wald von ihrem Prinzen gefunden und mit auf sein Schloss genommen wird). Als Ort der Wandlung hat der Wald etwas grundsätzlich Ambivalentes, steht er doch für das Ungewisse, das sowohl als bedrohlich als auch als verheißungsvoll empfunden werden kann.

Der Wald im romantischen Kunstmärchen

Genoveva in der Waldeinsamkeit. Ludwig Richter, 1841

Eine ähnlich große Bedeutung wie bei den Brüdern Grimm hat der Wald in den Märchen der deutschen Romantiker. Was auch nicht verwunderlich ist, gehörten die Grimms doch selbst zu den Wortführern der Romantik. Bereits das »Sammeln«, Kategorisieren und Verschriftlichen von Volksmärchen ist Ausdruck einer zentralen Idee der Romantik, nämlich der Rückbesinnung auf die Tradition bis hin zu ihrer Verklärung. Im Zuge der Verschriftlichung haben die Brüder Grimm die Märchen freilich auch bearbeitet und dabei ihre Spuren als Romantiker hinterlassen, die sich unter anderem auch in der Betonung des Waldes als Topos zeigen.

Gleichzeitig wird der Wald mit Gefühlen wie Melancholie assoziert (siehe etwa Das fremde Kind von E.T.A. Hoffmann oder Das kalte Herz von Wilhelm Hauff). Hier ist der Wald nicht mehr, wie im Volksmärchen, der Ort, an dem der Märchenheld eine (innere) Wandlung vollzieht, sondern der Rückzugsort in einer sich wandelnden Gesellschaft, ein Symbol für Dauerhaftigkeit, ein Schautzraum, in dem alte Märchen, Sagen und Werte noch lebendig sind. Charakteristisch ist das Lied des Vogel in Ludwig Tiecks Märchen Der blonde Eckbert:

Waldeinsamkeit
Die mich erfreut,
So morgen wie heut
In ew’ger Zeit
O wie mich freut
Waldeinsamkeit.