Der Fischer und seine Seele

Der Fischer und seine Seele

Kunstmärchen von Oscar Wilde
enthalten in Das Granatapfelhaus (1891)

Oscars Wildes kunstvolle und vielschichtige Erzählung verknüpft das Motiv der unmöglichen (oder eher: verbotenen) Liebe zwischen einem Menschen und einer Meerjungfrau (vgl. Undine, Die kleine Seejungfrau) mit dem der Entfremdung der eigenen Seele (vgl. Der Schatten, Peter Schlemihls wundersame Geschichte). Vielschichtig, sensibel und bitter erfüllt sie nicht wirklich die Kriterien eines Märchens. Aber sie liest sich so.

Inhalt

Ein junger Fischer fängt eines Tages eine Meerjungfrau. Sie hat Angst vor ihm und will nur eins: zurück ins Meer. Der Fischer erfüllt ihr den Wunsch unter der Bedingung, dass sie zu ihm kommt, wenn er sie ruft, und mit ihrem schönen Gesang Fische in sein Netz lockt. Der Fischer hat nun immer reichlichen Fang, doch bald interessieren ihn die Fische nicht mehr. Er hat nur Augen und Ohren für die Meerjungfrau, in die er sich verliebt hat. Er will sie heiraten und bei ihr im Meer leben. Doch die Meerjungfrau sagt ihm, dass dies nur möglich ist, wenn er sich von seiner Seele trennt — denn die Angehörigen des Meervolkes haben keine Seele. Der Fischer fragt sich, was ihm seine Seele überhaupt nützt …

Ich sehe sie nicht. Ich kann sie nicht berühren. Ich kenne sie nicht.

Der Fischer und seine Seele, Märchen von Oscar Wilde, Illustration Heinrich Vogeler

Der Fischer und seine Seele, Illustration Heinrich Vogeler

… und vertraut sich dem Priester an, der wohl wissen wird, wie man seine Seele los wird. Der Priester gibt ihm keinen Segen und — was schlimmer ist — keine Hilfe. Eine vom Meervolk zu lieben, gehört zu den Sünden, die nicht verziehen werden. Die Seele hingegen sei das einzig wichtige für den Menschen. Der Fischer sieht das ganz anders und bringt in Erfahrung, dass unten am Meer in einer einsamen Bucht eine Hexe wohnt, die weiß man seine Seele los wird.

Die Hexe ist jung und schön und möchte den Jüngling gern für sich haben. (»ich bin genau so schön wie sie …«). Sie verspricht ihm ihre Hilfe (»Aber ich habe meinen Preis, hübscher Junge, ich habe meinen Preis«), wenn er bei Sonnenuntergang an einem verschwiegenen Ort mit ihr tanzt. Auf dem Hexensabbat erscheinen allerlei finstre Wesen, die schöne Hexe hält einen Schierlingszweig in der Hand und tanzt mit dem Fischer einen wilden Tanz. Dann wird der Teufelspakt geschlossen. Doch der Hexe gelingt es nicht, den Fischer zu verführen. Er bekommt von ihr die gewünschte Anleitung, wie er sich seiner Seele entledigen kann, womit sie ihn freigibt für ihre Rivalin, die Meerjungfrau.

Am Strand schneidet der Fischer mit dem Messer der Hexe seinen Schatten — seine Seele — von den Füßen. Die Seele fleht ihn an, wenn er sie schon allein in die Welt schickt, so möge er ihr das Herz dazu geben. Doch das Herz braucht der Fischer selbst, um seine Meerjungfrau zu lieben. Er lebt mit ihr glücklich im Meer, doch nach einem Jahr taucht die verlassene Seele am Strand auf und berichtet dem Fischer, wie es ihr in der Welt ergangen ist. Ihre Geschichte klingt wie aus Tausendundeiner Nacht, doch die Quintessenz ist, dass sie den Schlüssel zur Weisheit gefunden hat. Den will sie dem Fischer geben, wenn er sie wieder bei sich einlässt. Der Fischer lehnt ab,denn er müsste die Weisheit gegen seine geliebte Meerjungfrau eintauschen. Ein weiteres Jahr wandert die Seele allein, um dann wieder beim Fischer um Einlass zu bitten. Diesmal hat sie allen Reichtum der Welt zu bieten, doch auch der ist dem Fischer nichts wert gegen seine Liebe. Nach dem dritten Jahr versucht es die Seele mit der Verheißung von Schönheit: sie erzählt dem Fischer von einem Mädchen, dass irgendwo in der Stadt mit nackten, weißen Füßen tanzt. Die Meerjungfrau hat keine Füße, und so scheint es dem Fischer, er habe bei aller Liebe doch etwas verpasst.

Also geht er mit der Seele. Das Mädchen finden sie nicht, vielmehr sieht der Fischer mit Entsetzen, wie unsagbar böse seine herzlose Seele auf ihrer einsamen Wanderung durch die Welt geworden ist. Er hat seine Seele verloren und nun, da er sich von ihr zur Untreue verlocken ließ, auch seine geliebte Seejungfrau. Seine böse Seele wird von nun an nicht mehr von seinen Füßen weichen, das ist seine Strafe. Er geht zurück ans Meer und ruft nach der Meerjungfrau. Doch sie kommt nicht mehr. Nach drei Jahren ist der Fischer bereit, seine Seele wieder bei sich aufzunehmen, denn in ihrer Verlorenheit und Hoffnungslosigkeit sind sie längst eins. Doch die verzweifelte Seele findet keinen Eingang ins sein Herz, und als sie dies sagt, ertönt über dem Meer ein Schmerzensschrei — das Zeichen, das jemand vom Meervolk gestorben ist. Dann findet er seine Meerjungfrau tot am Strand, legt sich zu ihr und stirbt. Als sein Herz bricht, findet die Seele einen Eingang in sein Herz.

Das verfluchte Paar wird auf dem Schindanger begraben, ohne ein Zeichen, dass man sich ihrer erinnern könnte.Als wieder drei Jahre vergangen sind, will der Priester an einem Feiertag seiner Gemeinde vom Zorn Gottes predigen. Doch die Kirche ist mit fremdartigen Blumen geschmückt, die einen betörenden Duft verströmen. Und so spricht der Priester nicht vom Zorn, sondern von der Liebe Gottes. Er geht zum Meer und segnet die dort lebenden Wesen, die — entgegen seiner früheren Meinung — auch Geschöpfe Gottes seien. Eine nutzlose Geste, denn das Meervolk ist in einen anderen Teil des Meeres gezogen. Die Blumen aber sind vom wilden Schierling, der einmal und nie wieder an der Stelle blühte, wo das unseelige Paar verscharrt wurde. Offenbar ein Gruß von der Hexe, die ihrer Rivalin aus dem Wasser den Vortritt lassen musste.

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