Allerleirauh

Allerleirauh

Märchen der Brüder Grimm (Kinder- und Hausmärchen,  KHM 65). Das Märchen ist in manchem dem weitverbreiteten Typus des Aschenputtel-Märchens ähnlich, doch geht es hier nicht um die Behauptung eines Mädchens gegenüber ihren Stiefschwestern und der Stiefmutter, sondern um einen Vater-Tochter-Konflikt. Der Vater begehrt die Tochter, was in manchen Varianten durch die Erklärung verschleiert wird, es ginge um die Sicherstellung der Thronfolge. In anderen Varianten steht das Gewalttätige im Vordergrund (Das Mädchen ohne Hände, Die Manekine), was bei Allerleirauh lediglich angedeutet ist (Stiefel an den Kopf werfen). Ähnliche Märchen sind auch in den Märchensammlungen von Charles Perrault (Eselshaut) und Giambattista Basile (Die Bärin) enthalten.

AT 510B

Inhalt

Catskin, Allerleirauh, Eselshaut. Märchenbilder von Arthur Rackham

Catskin. Allerleirauh. Eselshaut. Illustration von Arthur Rackham

Ein König verspricht seiner im Sterben liegenden Frau, nur dann wieder zu heiraten, wenn die neue Frau ebenso schön ist wie sie. Da die Königin sehr schön war, scheint eine zweite Ehe lange Zeit unmöglich. Doch dann fällt das Auge des Königs auf die eigene Tochter, die ihrer Mutter an Schönheit nicht nachsteht. Zum Entsetzen aller Hofräte begehrt der König seine Tochter zur Frau. Die Königstochter versucht, sich dem Inzest zu entziehen, indem sie allerlei Wünsche an den Vater richtet, die sie für unerfüllbar hält: drei Kleider (silbern wie der Mond, golden wie die Sonne und glänzend wie die Sterne) und schließlich einen Mantel aus tausenderlei Pelz (»Rau(c)hwerk«).

Der Vater lässt nicht von ihr ab und erfüllt alle ihre Wünsche. Deshalb flieht sie aus dem elterlichen Schloss und nimmt außer den Kleidern und dem Mantel drei goldene Gegenstände mit: einen Ring, ein Spinnrädchen und eine Haspelchen (Gerät zum Aufwickeln von Garn). Sie bedeckt ihr Gesicht mit Ruß, hüllt sich in den seltsamen Pelzmantel und versteckt sich in einem hohlen Baum. Sehr bald wird sie von den Jägern ihres Vaters aufgegriffen, bleibt aber unerkannt. Wegen ihres seltsamen Aussehen, mehr Tier als Mensch, nennt man sie nun Allerleirauh. Sie verrichtet in der Schlossküche die niedrigsten Arbeiten — und zieht dem König, ihrem Vater und Bräutigam, die Stiefel aus, die er ihr jedesmal an den Kopf wirft. Als aber auf dem Schloss ein Fest gefeiert wird, bittet sie den Koch, zuschauen zu dürfen. Sie wäscht ihr Gesicht, legt ihr Kleid von der Farbe der Sonne an und tanzt mit dem König. Der ist geblendet von ihrer Schönheit und merkt nicht, dass sie seine Tochter ist. Nach dem Tanz verschwindet sie schnell und hüllt sich wieder in Sack und Asche. Sie kocht dem König eine Suppe, in die sie den Ring fallen lässt, gibt ihm also ein Zeichen. Die Suppe schmeckt dem König so gut, dass er sich nach ihr erkundigt, doch sie antwortet, sie wäre nur dafür gut, dass man ihr die Stiefel an den Kopf wirft. Das Ganze wiederholt sich dreimal (mit den beiden anderen Kleidern und den beiden anderen Pretiosen), bis der König schließlich erkennt, wer sie ist.

Der König aber sprach »du bist meine liebe Braut, und wir scheiden nimmermehr von einander«. Darauf ward die Hochzeit gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihren Tod.

Interpretation

Auch wenn die öffentliche und mediale Erregung oft etwas anderes suggeriert: Inzest und häusliche, sexuell motivierte Gewalt waren schon immer ein Thema und wurden entsprechend auch literarisch verarbeitet. Angesichts der großen Popularität gerade der Grimmschen Märchen scheint es verwunderlich, dass die brisante Geschichte von Allerleirauh nicht diesbezüglich im kollektiven Bewusstsein verankert sein sollte. Freilich enthält die Version der Brüder Grimm einige »beschwichtigende« Elemente, die aus heutiger Sicht geradezu schockierend wirken. Interessant ist der Vergleich zwischen Allerleirauh und ihrer französischen Schwester, der Prinzessin Eselshaut. Zwar wird in beiden Fällen dem Vater Absolution erteilt (verwitwet und durch sein Versprechen gebunden — was soll er also tun?), doch gelingt es Eselshaut im Unterschied zu Allerleirauh, sich vom Vater zu lösen. Auch Eselshaut hat drei Zaubermittel, die sie aber einsetzt, um einen anderen Mann zu gewinnen. Allerleirauh dagegen wird zur Mittäterin erklärt: Sie ziert sich zwar anfangs, doch »eigentlich will sie es auch«, zumindest nachdem sie sich ihres sozialen Abstiegs bewusst geworden ist. Die Figur des Vaters wird als ambivalent gezeichnet, wie es nicht selten die Opfer selbst empfinden: Er will sie zu seiner Königin machen und schenkt ihr die schönsten Kleider, doch gleichzeitig macht er sie durch den Tabubruch zu einem Wesen am Rande der menschlichen Gesellschaft (symbolisiert durch den seltsamen Mantel, der sie fast wie ein Tier erscheinen lässt). Der Erniedrigung und der Gewalt durch den Vater fügt das Mädchen ihre Selbsterniedrigung hinzu, indem sie sagt, sie sei zu nichts anderem gut, als dass man ihr die Stiefel an den Kopf wirft (»ich habe nichts anderes verdient«). Und doch will sie im Grunde ihres Herzens schön sein und sucht die Bestätigung hierfür ausgerechnet bei ihrem Vater.

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