Cannetella

Cannetella

Cannetella ist ein Märchen aus Giambattista Basiles Märchenzyklus Pentameron (erste Geschichte des dritten Tages). Es handelt von einer Königstochter, die nicht heiraten will und an allen Freiern etwas auszusetzen hat. Zunächst erinnert die Geschichte an das bekannte Grimmsche Märchen vom König Drosselbart, doch gerät Basiles Heldin nicht an einen Mann, der ihr letztlich nur den Hochmut austreiben will, sondern an einen boshaften Zauberer, der ihr Leben bedroht (vgl. Der Blaubart, Der Räuberbräutigam). Der von diesem eingesetzte Schlafzauber tritt ähnlich auch in Dornröschen auf.

AT 312

Inhalt

Ein König wünscht sich so sehr eine Tochter, dass er der Göttin Syrinx gelobt, das Mädchen ihr zu Ehren »Cannetella« (Röhrchen) zu nennen (die Göttin Syrinx hatte sich selber einst in ein Schilfrohr verwandelt). Tatsächlich werden er und seine Frau bald darauf mit einem wunderschönen Mädchen beschenkt, und als es herangewachsen ist, hofft er, nun bald durch sie Enkel zu bekommen. Doch Cannetella hat keine Lust zu heiraten. An allen Freiern, die ihr der Vater präsentiert, hat sie etwas auszusetzen. Einem passiert beim Essen das Missgeschick, dass ihm eine Mandel aus dem Mund fällt. Obwohl er die kleine Ungeschicklichkeit mit äußerster Diskretion behandelt, ist sie für Cannetella Grund genug, den Anwärter in Bausch und Bogen abzulehnen. Ein anderer hätte sich ihrer Ansicht nach vor dem Essen den Umhang abnehmen lassen mässen. Schließlich wird der Vater zornig und drängt Cannetella, genau zu sagen, wie ihr Zukünftiger beschaffen sein soll. Das Mädchen begeht einen großen Fehler, indem sie erwidert, sie würde keinen Lebendigen heiaten, es sei denn einen, dessen Kopf und Zähne aus Gold sind.

Dies kommt dem Erzfeind des Königs zu Ohren, der mit dem Bösen im Bunde steht. Er lässt sich einen Kopf und Zähne aus Gold zaubern und erscheint in dieser Aufmachung vor den Fenstern des Königs. Der König ist erleichtert und auch Cannetella macht keine Ausflüchte mehr, sondern ist bereit, den seltsamen Fremden zu heiraten. Der hat es, was etwas befremdlich wirkt, sehr eilig, mit seiner frisch Angetrauten vom Hof fortzukommen, und es bleibt ihr auch keine Zeit, ein paar Sachen einzupacken – er hätte in seinem Haus selbst von allem genug. Er verlangt nur ein Pferd, das sich und sie tragen kann, und dann reiten sie den ganzen Tag. Als der Abend hereinbricht, halten sie an einem Stall, in dem einige Pferde stehen und der, wie sich zeigen wird, für die nächsten Jahre Cannetellas Heim sein wird. Denn kaum haben sie abgesessen, erklärt Cannetellas Ehemann schroff, dass er auf sieben Jahre fort müsse. Sie solle hier in diesem Stall auf ihn warten und sich ja nicht fortrühren. Als einzige Nahrung dient er der Hafer, den die Pferde übrig gelassen haben.

Cannetella weint bittere Tränen und sehnt sich nach ihrem früheren Leben. Nach einigen Monaten erspäht sie durch eine Ritze zwischen den Brettern, dass draußen vor dem Stall ein herrlicher Garten mit reifen Früchten ist. Die Drohungen ihres Ehemanns missachtend, stiehlt sie sich hinaus und labt sich an einer köstlichen Traube. Dies muss sie jedoch bitter bezahlen, denn kurz darauf und weit vor der angekündigten Zeit kehrt der Unhold zurück und droht, sie zu erdolchen. Auf Knien fleht sie um ihr Leben, und der Böse lässt sich erweichen. Sollte sie es jedoch noch einmal wagen, den Stall zu verlassen, würde er sie in Stücke hauen.

Giambattista Basile, Pentameron (Cannetella, III, 1). Illustration Warwick Goble

Cannetella. Illustration Warwick Goble

Traurig und stets hungrig verfällt Cannetella immer mehr. Von ihrer früheren Schönheit ist nichts mehr geblieben, und selbst ihr Vater würde sie nicht mehr erkennen. Doch eines Tages, nachdem etwa ein weiteres Jahr vergangen ist, bietet sich die Gelegenheit zu fliehen: zufällig kommt der Schmied des Vaters, den Cannetella gut kennt, ganz dicht am Stall vorbei. Obwohl er sie nicht erkennt, kann sie ihn überreden, sie mitzunehmen, und zwar in einem leeren Fass, das auf dem Rücken seines Esels festgebunden ist. Zunächst weist der König die Behauptung weit von sich, dass jenes zerlumpte, ausgemergelte Geschöpf seine Tochter sei, doch als sie ihm ihr Muttermal zeigt, ist er froh und glücklich, sie wieder zu haben. Ein Bad und gutes Essen geben ihr ein wenig von ihrem früheren Strahlen zurück. Währendessen ist der böse Ehemann zurückgekehrt und außer sich vor Zorn, dass Cannetella verschwunden ist. Es dauert nicht lange, bis er unter ihrem Fenster auftaucht, und als sie ihn dort sieht, bittet sie ihren Vater in Panik, ihr Zimmer durch sieben Eisentüren schützen zu lassen. Das tut der Vater umgehend, doch die sieben Eisentüren genügen nicht, da der Unhold über Zauberkräfte verfügt. Er besticht ein altes Weib, seiner Frau ein Döschen Schminke zu verkaufen und bei dieser Gelegenheit einen Zettel zwischen deren Kissen zu schmuggeln. Der Zauber bewirkt, dass alle im Schloss einschlafen und der Zauberer daher müheloss die sieben Eisentüren durchbrechen kann. Doch als er die auf den Kissen liegende Cannetella aufhebt, um sie mit sich zu nehmen, fällt der Zettel auf den Boden. Dadurch wird der Zauber gebrochen, Diener und Wachen stürmen herbei; der Unhold wird ergriffen und gehenkt.

Märchenquiz

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