Fingerhütchen

Fingerhütchen ist ein Märchen aus der Sammlung Irische Elfenmärchen von Thomas Crofton Croker (Fairy Legends and Traditions of the South of Ireland, 1825), die von den Brüdern Grimm übersetzt wurde (Erstveröffentlichung 1826).

In die 6. Auflage ihrer Kinder- und Hausmärchen nahmen die Grimms eine ähnliche Geschichte auf (Die Geschenke des kleinen Volkes).

Inhalt

Es war eimal ein alter Mann, der lebte in dem fruchtbaren Tale von Ackerlow an dem Fuße des finstern Galti-Berges. Er hatte einen großen Höcker auf dem Rücken …

Der Bucklige ist trotz seines Schicksals ein friedfertiger und argloser Mann, der sein Brot als Korbflechter verdient. Auf seinem Hut trägt er stets einen Zweig vom Fingerhut, weshalb er allgemein unter dem Namen Fingerhütchen bekannt ist. Eines Abends ist er unterwegs zwischen den Städten Cahir und Cappagh. Als ihm der Weg zu beschwerlich wird, lässt er sich an einem Hügelgrab nieder um auszuruhen.

Während der Mond aufsteigt, dringt fremdartige Musik an sein Ohr, entzückender als alles was er je in seinem Leben hörte. Die Musik der Elfen, die unter dem Hügel leben. Der Gesang ist schlicht, er wiederholt immer wieder die Worte „Dia Luaín, Dia Máirt“ (irisch, am Montag, am Dienstag). Fingerhütchen ist verzaubert von der Musik. Nach einer Weile nimmt er die Melodie auf und führt in einer kleinen Pause den Gesang der Elfen fort mit den Worten „agus Dia Céadaoin“ (und am Mittwoch). Dies wiederum entzückt die Elfen, die Musik und Tanz über alle Maßen lieben. Wer so einfühlsam an ihrer Musik teilhat, der ist ihr Freund. Sie holen das musikalische Menschenkind hinab in ihren Hügel

… und er sah, wie gerne ihn die Kleinen hatten; er wurde nicht anders behandelt, als wenn er der erste Mann im Lande gewesen wäre.

Doch besser als die vorzügliche Bewirtung ist das bleibende Geschenk der Elfen: Sie befreien ihn von seinem Buckel! Er bekommt auch schöne neue Kleider, und als er am nächsten Tag in die Stadt kommt, kann er nur mit Mühe glaubhaft machen, dass er Fingerhütchen, der bis vor kurzem Bucklige, ist. Eine so unerhörte Geschichte spricht sich rum. Eine Frau will von ihm wissen, wie dies zugegangen sei, denn der Sohn ihrer Gevatterin hat auch einen Buckel, den er gern loswerden will.

Doch Hans Madden, so sein Name, ist ein boshafter kleiner Kerl. Als er am Hügelgrab die Elfen singen hört „Dia Luaín, Dia Máirt, agus Dia Céadaoin“ unterbricht er ohne Rücksicht auf Takt und Melodie ihren Gesang. Aus vollem Halse schreit er: „agus Dia Diardaoin, agus Dia Haoina“ (und am Donnerstag, und am Freitag). Auch er wird von den Elfen hinab in den Hügel geholt, doch erhält er von ihnen, die ihren Gesang durch sein grobes Geschrei geschändet sehen, ein höchst unerwünschtes Geschenk, nämlich den Buckel von Fingerhütchen zu seinem eigenen dazu. Und bis zum Ende seines (wegen des Kummers nicht mehr lange währenden) Lebens verflucht Hans Madden alle Mitmenschen, die auf den Gesang der Elfen achten.

Anmerkungen

Zum irischen Elfenglauben gehört neben allerlei Schlechtem, das man ihnen zutraut, auch die Vorstellung, dass sie Buckligen ihre Höcker abnehmen, wenn sie freundlich behandelt werden. Die Blütenglocken des Fingerhuts sind die übliche Kopfbedeckung der Elfen. Dass Fingerhütchen sich ebenfalls mit ihnen schmückt, ist also als Hinweis auf seine Wesensverwandtheit mit den Elfen, die sich dann in seinem instiktiven Gefühl für ihre Musik bestätigt. Ganz anders geht die Begegnung mit den Elfen für Hans Madden aus, der kein Gefühl für die Elfen hat und sie für seinen eigenen Vorteil benutzen will.

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