Zwerg Nase

Zwerg Nase ist ein Kunstmärchen von Wilhelm Hauff, enthalten im Märchenalmanach auf das Jahr 1827. Es erzählt die Geschichte des Jungen Jakob, der von einer Hexe entführt und verwandelt wird. Während der Märchenalmanach auf das Jahr 1826 noch vollständig in der orientalischen Märchenwelt angesiedelt ist, wendet sich Hauff in seinem zweiten Märchenalmanach allmählich davon ab und der europäischen Märchentradition zu. So stecken in der Geschichte vom Zwerg Nase viele typische Elemente von Zaubermärchen (die Hexe mit ihrem Braukessel, sprechende Tiere, Zauberkraut), gleichzeitig aber auch politische Anspielungen (Kleinstaaterei, Namen der Speisen). Von allen Märchen Hauffs ist Zwerg Nase wohl am dichtesten an dem, was gemeinhin als typisches »deutsches Märchen« gilt. Die Rahmengeschichte des dritten Almanachs, »Das Wirtshaus im Spessart«, markiert einen zweiten Wandel. Darin verarbeitet Hauff vor allem Sagenstoffe, unter anderem die Sage vom Glasmännchen, das im Schwarzwald lebt und den Kern der Märchenerzählung Das kalte Herz bildet.

Illustration von Carl Offterdinger zu dem Märchen Zwerg Nase von Wilhelm Hauff
Zwerg Nase. Illustration Carl Offterdinger (Wilhelm Hauff: Mährchen für Söhne und Töchter gebildeter Stände, Rieger‘sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1869)

Inhalt

Ein Schuster und seine Frau haben einen schönen und fleißigen Jungen, der manchmal seinem Vater zur Hand geht, vor allem aber seiner Mutter eine große Hilfe ist, die auf dem Markt Kräuter, Gemüse und Früchte verkauft. Die Kunden kaufen gern bei Hanne, der Schustersfrau, die ihre Ware so hübsch und sauber präsentiert. Oft trägt ihr Sohn Jakob dann gegen ein kleines Extra den Kunden ihren Einkauf nach Hause. Einmal, da ist Jakob etwa zwölf Jahre alt, kommt eine sehr alte, runzlige Frau zum Stand der Schustersfrau, steckt ihre lange Nase und ihre gichtigen Finger überall rein und bringt dabei die schönen Auslagen in Unordnung. Schlimmer aber ist, dass sie allem etwas auszusetzen hat:

Schlechtes Zeug, schlechtes Kraut, nichts von allem, was ich will; war viel besser vor fünfzig Jahren; schlechtes Zeug, schlechtes Zeug!

Das will sich der kleine Jakob nicht gefallen lassen. Er gibt der Alten Widerworte, wobei auch ihre hässliche Nase, ihr dürrer Hals und ihre garstigen Finger nicht unerwähnt bleiben. Schließlich kauft die Alte sechs Kohlköpfe. Jakob, der sonst immer freundlich und fleißig den Einkauf für die Kundschaft getragen hat, versucht sich diesmal zu widersetzen. Doch es hilft nichts: Auf Geheiß seiner Mutter geht er mit der garstigen Alten.

Zwerg Nase, Märchen von Wilhelm Hauff. Illustration C. Offterdinger
Zwerg Nase: In ein Eichhörnchen verwandelt, lernt Jakob bei der Hexe kochen (Illustration C. Offterdinger)

Das Zuhause der Alten ist überaus merkwürdig. Im Kontrast zu ihrer ärmlichen Kleidung ist es prachtvoll ausgestattet: überall Marmor, Gold und Ebenholz, und das Erstaunlichste: der Fußboden ist ganz aus Glas. Meerschweinchen und Eichhörnchen in Kleidern sind offenbar die Bediensteten. Die Alte nötigt Jakob eine Suppe zu essen, wogegen er sich erst sträubt, die ihm dann aber wider Erwarten gut schmeckt. Bald weiß er nicht mehr, ob er träumt oder wacht. Ihm ist, als zöge die Alte ihm die Kleider aus und steckte ihn in ein Eichhörnchenfell. Er träumt, er würde ihr sieben Jahre dienen, angefangen auf der niedrigsten Stufe als Schuhputzer bis er schließlich im siebten Jahr in die Geheimnisse der feinen Küche eingeweiht wird. Als er an einem bestimmten Kräutlein riecht, muss er niesen und erwacht aus seinem Traum. Er verlässt das seltsame Haus der Alten, wobei er sich beim Drehen und Gehen ständig die Nase stößt.

In den Gassen hört er überall Gerede von einem Zwerg, der hier irgendwo sein soll. Als er endlich den Marktstand seiner Mutter erreicht, erkennt diese ihn nicht. Sie schimpft ihn hässlicher Zwerg und Missgeburt, sodass er schließlich meint, sie hätte den Verstand verloren. Doch auch die Nachbarinnen stimmen in das Geschimpfe ein, umso mehr, als er, um sie zu beruhigen, sagt: ich bin doch dein Sohn, Jakob. Zu seinem Entsetzen muss er hören, dass Hannes Sohn vor sieben Jahren entführt und seitdem nicht mehr gesehen wurde. Schon mit Tränen in den Augen geht er zu seinem Vater, und auch der erkennt ihn nicht. Er erzählt ihm die traurige Geschichte von der Entführung seines Sohnes, auch dass man inzwischen vermutet, die Alte sei die böse Fee Kräuterweis gewesen, die alle fünfzig Jahre in die Stadt kommt.

Jakob muss nun erkennen, dass seine Dienstzeit bei der Alten kein Traum war. Und es kommt noch schlimmer: Der Vater bietet ihm an, ein Futteral für seine Nase zu nähen. Bei einem Barbier sieht er in den Spiegel — tatsächlich: die Nase hängt bis übers Kinn und sein Kopf steckt, ganz ohne Hals, tief zwischen den Schultern. Er ist ein hässlicher Zwerg, den weder Mutter noch Vater als ihren schönen Sohn erkennen können.

Auf sich allein gestellt und nicht willens, sich als zur Schau gestellter Freak seinen Lebensunterhalt zu verdienen, besinnt er sich darauf, dass er bei der Alten zumindest hervorragend kochen gelernt hat. Der Herrscher des Landes ist als großer Feinschmecker bekannt, also begibt sich Zwerg Nase an dessen Hof, zum Küchenmeister. Seine Bewerbung als Koch weckt zunächst Spott; doch das geforderte Probekochen bewältigt er mit Bravour. Schnell steigt er zum Unterküchenmeister auf und ist trotz seiner lächerlichen Gestalt ein angesehener Mann bei Hof. Auch auf dem Markt kennt man ihn und hat Respekt vor ihm. Einmal kauft er auf dem Markt drei Gänse, von denen eine merkwürdig still ist anstatt nach Gewohnheit der Gänse laut zu schnattern. Er murmelt vor sich hin, dass sie wohl krank ist und er sie so schnell wie möglich schlachten muss. Da spricht die Gans:

Stichst du mich,
so beiß‘ ich dich.
Drückst du mir die Kehle ab,
bring ich dich ins kühle Grab.

Der Zwerg, der selbst jahrelang ein Eichhörnchen war, vermutet, dass auch die Gans nicht immer eine solche war. Und so ist es. Die Gans erzählt, sie heiße Mimi, sei die Tochter des Zauberers Wetterbock und von einer Fee verzaubert, mit der ihr Vater in Streit geraten ist. Umgekehrt erzählt auch Zwerg Nase der Gans Mimi seine Geschichte, und als Tochter eines Zauberers weiß sie zumindest eines: das Niesen beim Schnuppern an dem Kraut deutet auf einen Kräuterzauber hin, und wenn er das gleiche Kraut findet und daran riecht, kann er seine frühere Gestalt wiedererlangen.

Kurz darauf kommt ein Fürst zu Besuch, der ein noch raffinierterer Feinschmecker ist als der Herzog. Er ist nicht unzufrieden mit dem Zwergenkoch, was auch dem Herzog schmeichelt. Doch zum Schluss fordert er (in der Annahme, dass die Forderung unerfüllbar ist), dass der Zwerg die Pastete Souzeraine bereitet, die köstlichste aller Speisen. Zwerg Nase kennt diese Speise nicht einmal, doch zum Glück weiß Mimi das Rezept, jedenfalls ungefähr. Leider fehlt am Ende eine winzige Zutat: das Kräutlein Niesmitlust. So lautet jedenfalls das Urteil des Herzogs, das einem Todesurteil für Zwerg Nase nahe kommt. Doch er hat noch eine Chance. Entweder er serviert innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden eine perfekte Pastete Souzeraine oder sein Kopf ist fällig.

Mimi hilft ihm das Kräutlein zu finden, das nur am Fuße alter Kastanien wächst. Doch anstatt es für die Pastete zu verarbeiten, riecht Zwerg Nase daran — und ist der schöne, junge Mann, der er als Zwölfjähriger zu werden versprach. Mimi wird von ihrem Vater entzaubert und Jakob freudig von seinen Eltern in die Arme genommen. Ernste Probleme gibt es zwischen dem Herzog und dem Fürsten, denn dieser bezichtigt jenen, seinem Koch Zwerg Nase zur Flucht verholfen zu haben. In der Folge kommt es zwischen beiden Ländern zum Kräuterkrieg, der aber letztlich durch den Pastetenfrieden beendet wird.

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