Das Wasser des Lebens

Das Wasser des Lebens

Märchen der Brüder Grimm (Kinder- und Hausmärchen, KHM 97)

Inhalt

Ein König ist so krank, dass er wohl sterben wird. Seine drei Söhne sind bereits in Trauer, als er ihnen vom Wasser des Lebens erzählt: Wer davon trinkt, wird wieder gesund, aber es ist sehr schwer zu finden. Der älteste Sohn erhält vom Vater die Erlaubnis, nach dem Wasser des Lebens zu suchen. Insgeheim malt er sich schon aus, dass er seines Vaters liebster Sohn sein und darum das Reich erben wird.

Auf der Suche nach dem Wasser des Lebens trifft er einen Zwerg, der ihn nach seinem Wohin fragt. Der Königssohn verärgert den Zwerg, indem er ihm sagt, das ginge ihn nichts an. Bald darauf gerät er in eine Bergschlucht, aus der er nicht mehr herausfindet und die sich immer enger um ihn schließt. Indessen wartet der kranke König vergeblich auf seinen ältesten Sohn. Da bittet der Zweite um die Erlaubnis, nach dem Wasser des Lebens zu suchen. Auch er begegnet dem Zwerg, und er verhält sich nicht anders als sein Bruder:

… und er geriet wie der andere in eine Bergschlucht und konnte nicht vorwärts und rückwärts. So gehts aber den Hochmütigen.

Das Wasser des Lebens, Märchenbilder von Arthur Rackham

Das Wasser des Lebens. Illustration Arthur Rackham

Schließlich geht auch der jüngste Bruder auf die Suche. Auch er trifft den Zwerg, doch im Unterschied zu seinen Brüdern antwortet er höflich und wahrheitsgemäß: er sei auf der Suche nach dem Wasser des Lebens, doch er wüsste nicht, wo es zu finden sei. Zum Dank für sein höfliches Betragen verrät der Zwerg ihm, wo er das Wasser des Lebens findet (nämlich in einem Zauberschloss). Dazu gibt er ihm eine eiserne Rute und zwei Laib Brot mit auf den Weg, Zaubergegenstände, ohne die man nicht bis zu dem Brunnen kommt, aus dem das Wasser des Lebens quillt. Der Königssohn findet alles wie beschrieben, öffnet das Tor zum Zauberschloss mit der eisernen Rute und besänftigt zwei Löwen mit den Broten. Im Schloss findet er ein Schwert und ein Brot, dann trifft er eine schöne Jungfrau, die und küsst und sagt, er hätte sie erlöst; in einem Jahr wolle sie seine Frau werden. Sie sagt, wo er den Brunnen findet und mahnt ihn, sich zu beeilen, weil sich Schlag Zwölf das Tor schließen und er nicht mehr hinauskommen wird. Auf dem Weg zum Brunnen überkommt ihm beim Anblick eines frischgemachten Bettes große Müdigkeit; er legt sich und schläft ein. Wieder aufgewacht, schafft er es gerade noch, einen Becher mit dem Wasser des Lebens zu füllen; dann eilt er zum Schlosstor hinaus, das dicht hinter ihm zuschlägt und ein Stück seiner Ferse abtrennt.

Auf dem Heimweg trifft er wieder den Zwerg. Der lässt auf sein Bitten hin die verzauberten Brüder frei, außerdem verrät ihm, dass es sich bei dem Schwert und dem Brot aus dem Schloss um starke Zaubermittel handelt. Auf dem Weg nach Hause rettet er mithilfe des Zauberschwerts und des Brotes drei Königreiche aus der Not und fährt schließlich mit seinen Brüder über das Meer. Doch auf der Reise überkommt die beiden älteren Brüder der Neid, da nun gewiss der Jüngste der Lieblingssohn des Vaters werden und das Reich erben wird. Deshalb nehmen sie heimlich das Wasser des Lebens an sich und füllen den Becher des Jüngsten mit Meerwasser.

Als er dem Vater von dem vermeintlichen Wasser des Lebens zu trinken gibt, wird der davon nur noch kränker. Die älteren Brüdern klagen ihn an, er hätte den Vater vergiften wollen, und überreichen ihm das echte Wasser des Lebens. Der wird davon tatsächlich gesund und will seinen jüngsten Sohn zur Strafe vom Jäger töten lassen. Doch der Jäger verschont den Sohn und tauscht mit ihm seine Kleider. Bald erfährt der König, dass er seinen Sohn zu Unrecht verdächtigt hat, und ist froh, als vom Jäger erfährt, dass er noch lebt.

Illustration von John Gruelle

Nach einem Jahr lässt die schöne Königstochter eine goldene Straße vor ihrem Schloss bauen und verkündet, wer auf dieser Straße geradewegs zu ihr geritten kommt, der wäre der rechte und solle eingelassen werden. Die beiden älteren Brüder reiten zum Schloss, doch sie wagen es nicht, die goldene Straße zu betreten, aus Angst, sie könnte beschädigt werden. Doch der Jüngste kommt aus dem Wald, wo er sich versteckt hielt, und reitet geradewegs auf der goldenen Straße zu ihr, denn er hat nur Augen für sie und achtet nicht auf die Straße. Alle erkennen ihn als den rechten Bräutigam, die beiden anderen aber reisen hinaus aufs Meer und werden nie mehr gesehen.

Anmerkungen

Mit seiner Fülle von starken Bildern und Motiven, der sprunghaften Erzählweise und der zersplitterten Handlung wirkt dieses Märchen fast so, als würde jemand einen Traum erzählen. Wie im Traum fehlt der rote Faden, die logische Verbindung zwischen den einzelnen Handlungsepisoden.  Um zu verstehen, »was uns dieses Märchen sagen will«, sollten wir nicht versuchen, eine  innere Logik »hineinzuinterpretieren«, sondern ähnlich wie ein Traumdeuter auf die Sprache der Bilder achten.

Als erstes zu nennen ist hier natürlich das Bild des Wassers des Lebens selbst. Wasser ist eines der häufigsten Traumsymbole, das allerdings je nach Lebenssituation des Träumers und je nach Zustand des Wassers (fließendes oder stehendes, klares oder trübes, hell sprudelndes oder dunkel verschlingendes Wasser) ganz unterschiedliche Bedeutungen haben kann. In diesem Märchen haben wir es zunächst ganz offensichtlich mit dem Wasser als Lebensquell (siehe Der Brunnen als Märchenmotiv) zu tun, das den alten Mann wieder gesund machen kann.

Andererseits steht das Wasser als Traumbild allgemein für das Weibliche und Emotionale. Bei Beachtung dieser Doppeldeutigkeit ergibt der erste auffällige Sprung in der Handlung auf einmal einen Sinn: kurz bevor der junge Sohn am Ziel seiner Suche des Lebenswassers für den alten Vater ist, begegnet er der jungen Frau, die er heiraten wird. Das Symbol des Wassers bezieht sich nun nicht mehr (nur) auf den Vater, sondern (auch) auf den Sohn, und hat in diesem Kontext auch eine andere Bedeutung. Hier steht es für die erwachende Sexualität des Sohnes, der nach der kurzen Begegnung – sie haben sich nur geküsst – erst einmal in einen tiefen Schlaf sinkt. Unmittelbar vor seiner Begegnung hat er mit dem Brot die Löwen besänftigt, die hier wohl als Symbol für Mut und Kraft zu sehen sind. Das Brot wiederum steht für die gewöhnlichste Speise und gleichzeitig für die Bereitschaft zum Teilen. Das Hergeben der Brote ist für den jungen Mann der Schlüssel, um zum Wasser des Lebens (für seinen Vater) zu gelangen, gleichzeitig gewinnt er damit aber auch etwas für sich, wonach er gar nicht gesucht hatte, nämlich die junge Frau. Von Bedeutung ist sicher auch, dass das Wasser des Lebens nicht im Übermaß aus dem Brunnen quillt – der junge Mann füllt gerade eben einen Becher. Auch seine eigene Zeit ist knapp, er erreicht das Tor gerade noch, bevor es sich hinter ihm schließt.

Die dabei erlittene Verletzung kündigt wohl an, dass, obwohl das Wasser des Lebens gefunden und die Braut gewonnen ist, etwas noch nicht in Ordnung ist. Die älteren Brüder, die bei der Suche nach dem Wasser des Lebens zu Schaden gekommen sind (durch eigene Schuld) müssen erst noch befreit werden. Dass es die Ferse war, die verletzt wurde, ist von Bedeutung, denn die (Achilles-)Ferse steht für die schwache, verwundbare Stelle des jungen Mannes, nämlich die an Einfalt grenzende Vertrauensseeligkeit gegenüber seinen Brüdern. Als er nach diversen bestandenen Prüfungen (mittels Schwert und nochmals Brot) mit seinen Brüdern nach Hause reist, müssen sie interessanterweise das Meer überqueren, von dem auf der Hinreise nicht die Rede war – ein weiterer Bruch in der Erzählung. Das Meer selbst kündigt Unheil an und das bittere Meerwasser, dass die verkommenen Brüder dem Jüngsten unterjubeln, ist für den Vater nicht heilend, sondern verderblich. Gegen Ende des Märchens verschiebt sich der Fokus der Erzählung wieder stärker vom Vater zum Sohn, der schließlich auf der goldenen Straße geradewegs zu seiner Braut reitet, nachdem die beiden anderen durch ihr abseits-der-Straße-Gehen offenbart haben, dass dies nicht ihr Lebensweg ist.

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