Erzähl doch keine Märchen!

Warum eigentlich nicht?

Wenn man jemandem sagt, er solle keine Märchen erzählen, dann wird das Wort Märchen in einem abwertenden Sinne gebraucht. Im Grunde will man zweierlei zum Ausdruck bringen: Erstens, dass der »Märchenerzähler« lügt (oder wenigstens flunkert), und zweitens, dass seine Lügen ziemlich leicht zu durchschauen sind.

Und es stimmt ja: Kein einziges Märchen entspricht von Anfang bis Ende der Wahrheit (sonst könnte es gar nicht funktionieren) und alle Märchen sind in ihrer Struktur simpel. Gut und Böse sind sauber getrennt. Am Ende siegt immer das Gute. Elemente des Phantastischen heben sich deutlich gegen einen realitätskompatiblen Background ab, was das Märchen von anderen Texten der phantastischen Literatur unterscheidet, die zum Teil sehr subtil mit der Grenze zwischen Realität und Fiktion spielen. Trotzdem: Lesen Sie (und wenn Sie können: erzählen Sie) Märchen!

Argumente gibt es viele. Märchen gehören zum Nährboden unserer Literatur, zu den ältesten überlieferten Texten überhaupt. Das ist ein bildungsbürgerliches Argument. Kinder brauchen Märchen — sie lernen daran, Geschichten zu verstehen und schließlich selbst zu lesen. Das ist ein pädagogisches Argument und geht völlig in Ordnung. Vor allem aber ist es ein gutes Zeichen, wenn Märchen einen Platz in unserer Kultur behalten, selbst wenn es vielleicht irgendwann kein Märchenbuch mehr gibt. Märchen leben von der Hoffnung oder dem Glauben, dass das Gute über das Böse, der Schwache über den Starken, der Erniedrigte über den Hochmütigen siegt. Ach ja, und: Märchen sind zutiefst emanzipatorisch (sagt der Märchenforscher Heinz Rölleke im Interview mit Cicero anlässlich des 200. “Geburtstages” der Grimmschen Märchen). Deshalb: Lesen Sie (und wenn Sie können: erzählen Sie) Märchen!

Der Märchenatlas soll Ihnen Orientierung in der verwirrenden Landschaft der Märchen geben. Sie finden hier kurze Inhaltsangaben zu bekannten und weniger bekannten Märchen. Durch Verweise können Sie sich diese Landschaft selbst erwandern. Die Kategorien in der Menüleiste sind der Versuch einer Systematisierung, der gängige »Schubladen« aufgreift, aber keinen Anspruch auf Konsistenz oder gar Wissenschaftlichkeit erhebt. Klicken Sie auf eine der Kategorien, entweder in der Menüleiste oder in der Fußzeile eines Artikels, so erhalten Sie eine Liste mit allen dieser Kategorie zugeordneten Artikeln. In der Kategorie Miszellaneen finden Sie diverse (Übersichts-)Artikel, in denen es nicht um einzelne Märchen, sondern um »Nebensächlichkeiten« wie Autoren, Illustratoren, Märchenfiguren und theoretische Begriffe geht. Haben Sie bitte Verständnis, dass der Märchenatlas nur langsam wächst und aus prinzipiellen Gründen auch immer unvollständig bleiben wird.

Probieren Sie es aus, schauen Sie mal wieder rein und erzählen Sie es weiter.