Gustave Doré

Gustave Doré (*1832, †1883) war ein französischer Grafiker, Maler und Bildhauer. Vor allem aber war er einer der bedeutendsten und produktivsten Illustratoren seiner Zeit, dessen Arbeiten Künstler unterschiedlicher Genre beeinflussten. Er illustrierte fast 100 Werke der Weltliteratur, darunter auch die Märchen von Charles Perrault. Seine Illustrationen zur englischen Bibel zählen zu den bedeutendsten Bibel-Illustrationen überhaupt.

Gustave Doré

In vielen Illustrationen von Doré wimmelt es von Fabelwesen und Monstern, häufig finden sich auch apokalyptische Bilder. Zu den Bewunderern von Dorés fantastischer Bilderwelt gehört offenbar auch der deutsche Comic-Zeichner und Autor Walter Moers. Sein Roman »Wilde Reise durch die Nacht« ist eine originelle Abenteuer- oder Fantasy-Story, die er entlang von 21 Illustrationen Dorés aus unterschiedlichen Werken konstruiert hat.

Leben und Werk

Gustave Doré wurde in Straßburg geboren und fiel mit seinem zeichnerischen Talent schon früh als Wunderkind auf. Im Alter von 13 Jahren zog er mit seiner Familie nach Paris. Hier arbeitete er bereits ab 1848 als Karikaturist für das Journal pour rire. Bald schon zeichnete er auch für andere französische und englische Zeitschriften. Ab 1850 veröffentlichte er lithografische Bilderbogen mit Szenen aus dem Pariser Leben. Berühmt wurde er mit Holzstichillustrationen zu François Rabelais‘ »Gargantua und Pantraguel« (1854) und Honore de Balzaces »Contes drolatiques« (1855) — also mit Anfang zwanzig. In den folgenden Jahren illustrierte er unter anderem Dantes »Inferno« (1861), Perraults Märchen (1862), Gottfried August Bürgers »Münchhausen« (1862), Cervantes‘ »Don Quijote« (1863), Jean de la Fontaines Fabeln (1866), John Miltons »Pardise Lost« (1866) und die Bibel (1866).

Der kommerzielle Erfolg seiner Bibel-Illustrationen ermöglichte Gustave Doré eine große Werkschau in London und die anschließende Gründung der Doré-Galerie in der Covelant Bond Street. In London erhielt er auch den gut dotierten Auftrag, ein Porträt der Metropole zu gestalten. Diese Arbeiten erschienen 1872 in einem Buch mit dem Titel London: A pilgrimage. Doré hatte dabei eine durchaus sozialkritische Perspektive eingenommen: Viele Blätter zeigen Szenen aus den Londoner Slums, was nicht jedem gefiel. Wenige Jahre vor seinem frühen Tod illustrierte Doré Ludovico Ariostos Versepos »Orlando furioso« (Der rasende Roland). Die letzte Arbeit, die er noch fertigstellen konnte, waren ausgerechnet die Illustrationen für Edgar Alan Poes Gedicht »The Raven« (Der Rabe), einer melancholisch-düsteren Auseinandersetzung mit dem Thema Tod und Vergänglichkeit.

Gustave Doré und die Märchen Perraults

Im Vergleich zu anderen Märchenillustrationen wirken Dorés Arbeiten eher düster, ja morbide. Einige setzen gerade das Abgründige in Szene, das so manchem Märchen innewohnt, von Illustratoren aber normalerweise gemieden oder kaschiert wird. Ein Beispiel ist die folgende Illustration zu Der Kleine Däumling, auf der ein Menschenfresser gerade dabei ist, ein paar kleinen Kindern (versehentlich seinen eigenen) die Kehlen durchzuschneiden.

Der kleine Däumling. Illustration Gustave Doré (Les Contes de Perrault, Verlag Julius Hetzel, 1862)

Auch die folgende Illustration zu Perraults Rotkäppchen sprengt den Rahmen des Üblichen. Hier liegt Rotkäppchen mit dem Wolf im Bett (ist in Perraults Fassung so), und man ahnt, worauf die Sache hinausläuft.

Little Red-Riding-Hood, Chaperon Rouge
Das kleine Rotkäppchen. Illustration Gustave Doré (Les Contes de Perrault, Verlag Julius Hetzel, 1862)

Das dritte Beispiel zeigt den Frauenmörder Blaubart mit seiner jungen Frau. Diese weiß möglicherweise noch nicht, welcher Horror sie demnächst erwartet. Für den Betrachter, der die Geschichte kennt, wirkt die Szene dagegen sehr gruselig.

La barbe bleue
Blaubart. Illustration Gustave Doré (Les Contes de Perrault, Verlag Julius Hetzel, 1862)