Ernst Wiechert

Ernst Wiechert war ein deutschsprachiger Schriftsteller. Er wurde am 18. Mai 1887 in Kleinort im Kreis Sensburg (Masuren, Ostpreußen) geboren und er starb am 24. August 1950 in Uerikon im Kanton Zürich in der Schweiz. Sein Vater war der Förster Emil Martin Wiechert, seine Mutter Henriette Wiechert geb. Andreae; die Familie bewohnte das Forsthaus Kleinort bei Peitschendorf (Sensburg). Nach dem Abitur studierte Wiechert an der Albertus-Universität in Königsberg Deutsch, Englisch, Erdkunde und Philosophie. Anschließend trat er zunächst eine Stelle als Hauslehrer an, war aber ab 1911 Studienrat am Königlichen Hufengymnasium in Königsberg. Im Jahr darauf heiratete er Meta Mittelstädt.

Wiechert meldete sich 1914 zwar freiwillig zum Kriegsdienst, wurde aber schon nach kurzer Zeit wegen Krankheit entlassen. Nach seiner Genesung wurde er 1915 an die Front beordert und ab 1916 zum Offizier ausgebildet. In diesen Jahren begann er seine schriftstellerische Tätigkeit. Nach dem Tod seiner Frau 1929 wechselte Wiechert nach Berlin und unterrichtete am Kaiserin-Augusta-Gymnasium. 1932 heiratete er Paula Marie Junker (geb. Schlenthner) und fasste 1933 den Entschluss, hauptberuflich als Schriftsteller zu arbeiten.

Schon ab 1934 beobachtete die Gestapo den Schriftsteller. 1937 schließlich wurde ihm verboten, Deutschland zu verlassen. Als er sich 1938 für Martin Niemöller einsetzte und auch die Teilnahme an der Wahl zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich verweigerte, verhaftete ihn die Gestapo. Zunächst wurde er in ein Gefängnis in München gebracht, wo er mehrere Monate festgehalten wurde. Dann wurde er in das Konzentrationslager Buchenwald verlegt. Zwar wurde er auf öffentlichen Druck aus der Haft entlassen, und erhielt auch kein Publikationsverbot, doch durfte er sich zu bestimmten Themen nicht äußern. Auch durfte etwa sein Name von seinem Verlag nicht genannt werden — er wurde totgeschwiegen. Der Roman „Das einfache Leben“ von 1939 war das einzige Buch, das er während des Krieges veröffentlichen konnte.

Immerhin aber war Wiechert im Laufe der 1930er-Jahre zu einem populären Schriftsteller geworden, dessen Bücher viele Leser fanden. Daher konnte die nationalsozialistische Diktatur ihn zwar mundtot machen und einschüchtern, nicht aber weiter strafrechtlich verfolgen oder gar umbringen. Nach dem Krieg allerdings geriet er schnell in die Position eines Außenseiters und schon bald, da seine Themen als nicht kompatibel zum Wiederaufbau angesehen wurden, in Vergessenheit. Er siedelte in die Schweiz über, wo er 1950 starb.

Das Zentrum des Werkes von Ernst Wiechert, das 1957 in zehn Bänden herausgegeben wurde, bilden seine Romane, außerdem seine Erzählungen, die in diversen Sammelbänden vorliegen. Einzelne seiner Bücher, etwa „Die Jeromin-Kinder,“ wurden bis in jüngste Zeit hin und wieder erneut aufgelegt. Die „Märchen“, während des Krieges geschrieben, wurden in den Jahren 1946 und 1947 in zwei Bänden veröffentlicht. Einige davon wurden immer wieder auch in Einzelbänden gesammelt herausgegeben. Mitunter wurde die komplette Sammlung auch unter dem Titel „Der alte Zauberer“ veröffentlicht. Wiechert widmete sein Buch dem „Gedächtnis des Freiherrn Leo von König“, Maler der Berliner Secession.

Die Märchen von Ernst Wiechert

Insgesamt schrieb Wiechert 40 Märchen. Fast immer beschwört er in ihnen die Landschaft seiner masurischen Heimat mit ihren Seen, Sümpfen, Mooren und dunklen Wäldern herauf. Diese Landschaften werden von nur wenigen Menschen bewohnt, etwa von Fischern, Schäfern, Köhlern und armen Bauern mit ihren Kindern. Daneben gibt es aber auch Könige und Königinnen, deren Töchter und Söhne sowie Zauberer und Hexen. Die Märchen folgen denen aus der Sammlung der Brüder Grimm, und auch die Motive schöpfen aus dem Fundus der Grimmschen Märchen: Es gibt Wettkämpfe und Verzauberungen, die Zahl drei spielt eine Rolle –– drei Söhne, drei Töchter, drei Ringe –– aber auch die Konstellation von Bruder und Schwester. Die Bosheit und der Hass sind nicht immer Sache der Herrschenden, diese sind sogar häufig melancholisch, beinahe resignativ. Die Natur wirkt in Wiecherts Beschreibungen dabei immer auch beseelt, meist erhaben und mitunter auch gleichgültig.

In den Figuren der Märchen tritt nicht selten der „alte, gütige Mann“ auf, stets ein Hinweis Wiecherts auf seinen Vater, mit dem er eng verbunden war. Dieses zwar schweigsame, aber unverbrüchliche Verhältnis zu seinem Vater zeigt sich gerade in den letzten Monaten des II. Weltkriegs entstandenen Märchen, die in fast allen Fällen verklausuliert Wiecherts Denken über seine Zeit widerspiegeln, dabei aber auch weiten Raum für Interpretationen lassen. Die Märchen sind, anders als Wiecherts Präambel zu ihnen angibt, keineswegs „für alle armen Kinder aller armen Völker geschrieben worden und für das eigene Herz, dass es seinen Glauben an Wahrheit und Gerechtigkeit nicht verlor. Denn die Welt, wie sie im Märchen aufgerichtet ist, ist nicht die Welt der Wunder und der Zauberer, sondern die der großen und letzten Gerechtigkeit, von der die Kinder und Völker aller Zeitalter geträumt haben.“

Vielmehr gibt es gleich mehrere Hindernisse für Kinder, diese Märchen ohne weiteres zu verstehen. Da ist zu einem die Sprache Wiecherts, in der es einige Wörter aus dem ostpreußischen Platt gibt, Wörter, die heutige deutsche Wörterbücher nicht mehr enthalten, es gibt Beschreibungen von seelischen Zuständen, die heutige Leser wenigstens als altertümlich, vielleicht auch als pastorenhaft, romantisch und nicht selten wohl als „kitschig“ empfinden. Dazu gehört auch, dass in Wiecherts Texten die Natur nicht als „hilfsbedürftig“ betrachtet wird. Wiecherts Natur benötigt den Menschen nicht. Auch gibt es in Wiecherts Märchen Materielles nicht um seiner selbst zu gewinnen, es gibt keine ganzen oder halben Königreiche zu gewinnen. Am Schluss gewinnt immer der dies alles nicht Benötigende, der Ehrliche, der Bescheidene, der die Natur Achtende; nicht der Reiche, sondern der Arme. Und häufig ist es der als Abschluss des Lebenskreises unumgängliche Tod, der ein Märchen beschließt.

Zwar wurden Wiecherts Märchen schon kurz nach dem Krieg veröffentlicht, doch in ihrem Anachronismus von den Lesern kaum wahrgenommen und ihr Urheber geriet bald in Vergessenheit.

Ernst Wiechert: Märchen (1946/1947)

  • Der arme und der reiche Bruder
  • Das Mutterherz
  • Das Totenbrot
  • Dreibast
  • Die Königsmühle
  • Der Vogel „Niemalsmehr“
  • Der Knabe und der Wassermann
  • Die steinerne Hand
  • Bruder und Schwester
  • Der armen Kinder Weihnacht
  • Sieben Söhne
  • Der Moormann
  • Das ruhelose Herz
  • Der goldene Vogel
  • Die drei Ringe
  • Die arme Magd
  • Die Zauberkugel
  • Die Wölfe
  • Der ungerechte Richter
  • Die Schwestern
  • Das Liebste auf der Weltkriegs
  • Der gute Schäfer
  • Das verlorene Brot
  • Das Mädchen Namenlos
  • Der goldene Fisch
  • Das erfrorene Glück
  • Dummbart
  • Das Zauberlaken
  • Die blaue Blume
  • Die Brüder
  • Das Hexenkind
  • Der schwarze Peter
  • Der Todweber
  • Die Kinder und der Wichtelmann
  • Der bezwungene Tod
  • Der Nesträuber
  • Das ewige Brot
  • Weißhand
  • Die Weizenähre
  • Der alte Zauberer oder das Ende vom Lied

Romane (Auswahl)

  • Die Magd des Jürgen Doskocil (1932)
  • Die Majorin (1934)
  • Hirtennovelle (1935)
  • Das einfache Leben (1939)
  • Die Jerominkinder (1945)
  • Der Totenwald (1946)
  • Der weiße Büffel oder Von der großen Gerechtigkeit (1946; verfasst 1937)
  • Missa sine nomine (1950)

Reden (Auswahl)

  • Der Dichter und die Jugend (München 16. 7. 1933)
  • Der Dichter und die Zeit (München 16. 4. 1935)Rede an die deutsche Jugend (München 11. 11. 1945)
  • Gedenken der Toten (Rede bei der ersten Dachau-Gedächtnis Kundgebung 17. 5. 1947)

Weblinks

Sekundärliteratur (Auswahl)

  • Bärbel Beutner, Hans-Martin Pleßke (Hg.): Von bleibenden Dingen. Über Ernst Wiechert und sein Werk; Frankfurt/Main 2002)
  • Franke, Manfred: Jenseits der Wälder. Der Schriftsteller Ernst Wiechert als politischer Redner und Autor; Köln 2003
  • Krenzlin, Leonore/Weigelt, Klaus (Hg.): Ernst Wiechert im Gespräch. Begegnungen und Einblicke in sein Werk; Berlin 2020)

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