Zahlen im Märchen: Die Zwölf

Zahlen im Märchen: Die Zwölf

Die Zahl Zwölf ist neben der Drei und der Sieben eine »besondere Zahl« im Märchen. Als Produkt aus der Drei (Symbol für das Göttliche) und der Vier (Symbol für Ordnung und das Rationale) steht sie für Vollkommenheit. Eine ähnliche Rolle spielt manchmal die Sieben, die Summe aus der Drei und der Vier. Im Märchen wird die Handlung dadurch ausgelöst, das jemand oder etwas Dreizehntes hinzu kommt, was die Vollkommenheit, die Harmonie oder das Gleichgewicht stört. Aus der Vollkommenheit der Zwölf ergibt sich der Fluch, der auf der Dreizehn lastet.

Bei Dornröschen ist das Problem vordergründig die dreizehnte Fee, für die kein goldenes Essgeschirr vorhanden ist. Das eigentliche Problem ist natürlich das »schwierige Alter« von Dornröschen, die Zeit der Pubertät, in der die alte Ordnung aus dem Lot gerät, eine neue aber noch nicht hergestellt ist. Das Mädchen Rapunzel wird, nachdem es schon viele Jahre bei der Hexe gelebt hat, von dieser im Alter von zwölf Jahren in den Turm gesperrt. Denn die Hexe ahnt wohl, dass sich nun die gewohnte Ordnung mit ihrem Zögling nicht mehr ohne Zwang aufrecht erhalten lässt, was sich ja dann auch — trotz Zwang — bewahrheitet. Das Mädchen Marienkind, das bei der Jungfrau Maria im Himmel wohnt, wird im kritischen Alter einer Prüfung unterzogen, welche sie nicht besteht: Sie darf in Marias Abwesenheit zwölf Türen im Himmelsschloss öffnen, unter keinen Umständen aber die dreizehnte, die verbotene Tür. Im Märchen Die zertanzten Schuhe tanzen zwölf Prinzessinnen Nacht für Nacht mit zwölf verwunschenen Prinzen in einem geheimnisvollen, unterirdischen Schloss, doch kurz bevor es zur vollkommenen, zwölffachen Erlösung kommt, lüftet ein ehemaliger Soldat das Geheimnis der zertanzten Schuhe und zerstört damit den Zauber. Das Märchen von den Zwölf Jägern handelt von einer Königstochter, die von ihrem Bräutigam vergessen wurde und die zusammen mit elf ihr aufs Haar gleichenden Jungfrauen als Jäger verkleidet in dessen Dienst tritt, bis dieser sie endlich wiedererkennt. In Das Meerhäschen hat die Königstochter dank ihrer zwölf Fenster alles unter Kontrolle; sie soll nach dem Willen ihres Vaters heiraten, wozu sie innerlich jedoch nicht bereit ist, da ihr bisheriges Leben ihr durchaus als vollkommen erscheint. Im Märchen vom Gevatter Tod lässt sich ein armer Mann mit dem Tod ein, als ihm ein dreizehntes Kind geboren wird. Ein Fluch lastet auch auf der Königstochter, die bereits Zwölf Brüder hat, denn ihre Geburt ist nach dem Willen des Vaters das Todesurteil für die Jungen. Dieses Märchen existiert in mehreren Varianten und mit anderen Zahlen. Besonders ähnlich ist das Märchen Die sieben Raben, wobei hier die symbolische Verwandtschaft zwischen Zwölf und Sieben (siehe oben) besonders deutlich zu Tage tritt.

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