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Suchwanderung: Mächenhelden auf der Suche nach dem Glück | Märchenatlas

Suchwanderung

Suchwanderung

Märchenhelden auf der Suche nach dem Glück

Die sieben Raben, Brüder Grimm. Märchenbilder von Arthur Rackham

Ein Mädchen sucht ihre Brüder: Die sieben Raben. Illustration Arthur Rackham

In vielen Märchen begibt sich der Held oder die Heldin im Zuge der Handlung auf eine lange Wanderschaft durch unwirtliche, gefährliche Gegenden, um nach irgendetwas oder (häufiger) irgendjemandem zu suchen. Während dieser Suchwanderung muss er Prüfungen bestehen, findet zauberkräftige Unterstützer oder erwirbt Gegenstände, die ihm selbst übernatürliche Kräfte verleihen. Nachdem bereits eine Vielzahl von Schwierigkeiten gemeistert sind und der Held seine körperliche und moralische Festigkeit bewiesen hat, gibt es oft ein retardierendes Moment: der Held hat das Gesuchte zwar gefunden, doch bleibt es für ihn zunächst unerreichbar; erst nach dem Bestehen einer letzten, besonderen Prüfung finden der Suchende und der/die/das Gesuchte schließlich zusammen. Im Märchen Die sieben Raben  muss das Mädchen, nachdem es den Glasberg gefunden und erklommen hat, sich einen Finger abhacken, um die Tür öffnen zu können, hinter der ihre in Raben verwandelten Brüder sind. Die Suchwanderung als Strukturelement tritt auch im Heldenepos, im Ritterroman und in Fantasy-Erzählungen auf.

Der Auslöser einer Suchwanderung ist immer ein Mangel, den entweder der Held selber oder eine für ihn sehr bedeutende Person verspürt. Dementsprechend hat das glückliche Ende den Charakter einer Erlösung: typisch ist, dass nicht nur der/die/das Gesuchte gefunden wird, sondern darüber hinaus die Macht eines bösen Zauberers allgemein gebrochen wird. So begibt sich beispielsweise Joringel auf die Suche nach einer bestimmten Blume, um seine Braut Jorinde zu befreien. Mit dieser Blume befreit er dann nicht nur sie, sondern viele andere von der Hexe in Vögel verwandelte Mädchen. Ähnlich verhält es sich in dem russischen Märchen Die Froschprinzessin, wo der Zarensohn Iwan seine schöne Wassilissa aus den Fängen des bösen Koschtschei befreit, wodurch gleichzeitig viele andere junge Mädchen erlöst werden. In Hans Christian Andersens Kunstmärchen von der Schneekönigin ist es besonders augenfällig, dass der erfolgreiche Ausgang von Gerdas Suche nach Kay der christlichen Vorstellung von der Erlösung entspricht.

Bei diesen Beispielen und auch bei vielen anderen begibt sich der Held aus eigenem Antrieb auf seine Suchwanderung, meistens ist das dann eine Suche nach einem oder mehreren geliebten Menschen. Der Auslöser kann aber auch ein Auftrag sein (z.B. das Wasser des Lebens, den goldenen Vogel oder drei goldene Haare vom Teufel zu holen). In diesem Fall befreit sich der Suchende aus einer gesellschaftlich gering geschätzten Situation (typischerweise der von allen für minderbemittelt gehaltene jüngste von drei Brüdern).

Typischerweise begibt sich der Held auf seiner Wanderung in eine ihm vollkommen unvertraute, andere Welt. Dieser Übergang kann durch ein Element gekennzeichnet sein, dass deutlich als Pforte in die »Anderwelt« zu erkennen ist. Beispielsweise steigt er in einen Brunnen, einen hohlen Baum (Die Regentrude) oder überquert ein gefährliches Wasser. Manche Märchenhelden reisen mit den Winden und besuchen sogar Sonne und Mond, um sie nach Rat zu fragen. In der Anderwelt selbst gibt es merkwürdige Landschaftselemente, die eine Mischung aus Vertrautem und in der realen Welt vollkommen Unmöglichem sind. Ein häufig vorkommendes Element ist zum Beispiel der Glasberg, der nicht nur steil sondern auch spiegelglatt ist. Immer ist der Held allein auf seiner Wanderung, weshalb es naheliegend ist, die Suchwanderung als Reifungsprozess zu deuten.

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Ein Mädchen durchwandert dreimal neun Länder auf der Suche nach ihrem Liebsten. Illustration Iwan Bilibin

Die häufigste Form der Suchwanderung ist die nach dem verlorenen Ehemann bzw. der verlorenen Ehefrau, nachdem die bereits geschlossene, aber nicht offiziell akzeptierte Verbindung durch die Verletzung eines auferlegten Tabus gestört wird und einer der Partner in seine eigene, ferne Welt (eben die »Anderwelt«) verschwindet. Dies ist das Motiv von Amor und Psyche. Ein bekanntes Grimm’sches Märchen von diesem Typ ist Das singende, springende Löweneckerchen. Typisch für diese Märchen ist eine deutliche Zweiteilung: der erste Teil spielt vor dem Tabubruch, der zweite danach. Die Suchwanderung ist bei diesen Märchen oft mit dem Motiv der »falschen Braut« kombiniert (was dann das retardierende Moment liefert): der gesuchte Partner wird zwar gefunden, doch er erkennt seine Partnerin nicht und ist im Begriff eine andere zu heiraten. Manchmal gibt es keinen Tabubruch, sondern die Boshaftigkeit von neidischen Schwestern und Stiefmüttern führt dazu, dass der Tiergatte verschwindet und die Heldin sich auf die Suche begeben muss. Ein sehr schönes Beispiel ist das russische Märchen von Finist, dem Falken (Illustration rechts) sowie das romantische französische Märchen vom blauen Vogel.

Eine zweite häufige Form der Suchwanderung ist die Suche eines Mädchens nach ihren in Vögel verwandelte Brüdern (u.a. Die sieben Raben, Die sechs Schwäne, Die wilden Schwäne). Hier wird die Suchwanderung dadurch ausgelöst, dass ein Mädchen erfährt, dass ihre Brüder verflucht wurden, wofür sie sich die Schuld gibt. Die Wanderung ist also ein regelrechter Bußgang, und meist muss das Mädchen dabei persönliche Opfer bringen (sich einen Finger abhacken, ein Schweigegelübbde ablegen). Hier zeigt sich besonders stark das christliche Thema von (Erb-)Schuld, Sühne und Erlösung, zumal der Vogel das Symbol für die Seele ist. In Giambattista Basiles Märchen Die sieben Tauben muss das Mädchen den Gott der Zeit (Chronos) bzw. dessen Mutter aufsuchen und sogar ganz kurz den Lauf der Zeit anhalten, um ihre Brüder zu erlösen.

Die dritte Form der Suchwanderung ist die, die auf einen Auftrag hin erfolgt. Häufig ist die Variante, dass der Held der jüngste von drei Büdern ist und seine älteren Brüder bereits ganz am Anfang der Suche gescheitert sind, etwa weil sie einen Helfer (Zwerg, alte Frau, Tiere) unfreundlich behandelt haben. Der Held indessen sicher sich durch sein »gutes Herz« die Unterstützung des übernatürlichen Helfers oder bekommt von diesem Zaubergegenstände geschenkt. Damit kann er nun erst wirklich zum »Helden« werden. Zusammen mit dem eigentlich gesuchten Objekt findet er dann meist noch eine schöne Königstochter und wird obendrein mit wertvollen Geschenken belohnt. Als retardierendes Moment kommen auf der Heimreise in einigen Märchen noch einmal die älteren Brüder ins Spiel, die ihm alle Errungenschaften streitig machen.

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