Die Blume als Märchensymbol

Die Blume steht auch im Märchen für Gefühle. Ihre Zartheit symbolisiert die Verletzlichkeit der Märchenheldin oder des Märchenhelden. Ihre Schönheit in Verbindung mit Vergänglichkeit ist wie eine Parabel für den Lauf des menschlichen Lebens. Die Blume kann aber auch für sich genommen für die Sehnsucht nach dem Ewigen oder Göttlichen stehen. Letzteres finden wir vor allem im Symbol der „blauen Blume“ der Romantik. Manchmal steht auch der Duft der Blüten im Vordergrund. Düfte oder allgemeiner Gerüche können, wie man weiß, ganz unmittelbar, also ohne Umweg über Sprache, Emotionen wecken. Sogar lange zurückliegende, verborgene Erinnerungen können so wieder ins Bewusstsein zurückgeholt werden. Vor allem über ihren Duft können Blumen »Herzen öffnen«, wenn dies auf andere Weise nicht mehr oder noch nicht möglich ist.

Dornröschen, umrankt von der blühenden Rosenhecke. Illustration Thekla Brauer (Fünfzig Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, Otto Spamer, Leipzig, 1895)

Blumen und Jungfrauen

Die Rose ist nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern auch wegen ihres starken und doch als angenehm und edel empfunden Duftes die Königin unter den Blumen. Gleichzeitig ist sie dank ihrer Dornen wehrhaft, vor allem wenn der Falsche sie zu brechen versucht. Davon handelt Dornröschen, eines der bekanntesten Märchen der Brüder Grimm. Die Prinzessin schläft hundert Jahre in ihrem von Rosen umrankten Schloss. Doch als zur richtigen Zeit der Richtige kommt, kann er die Hecke mühelos überwinden und Dornröschen wach küssen. Auch in dem Märchen Schneeweißchen und Rosenrot ist die Verbindung zwischen den beiden Rosenstöcken und den beiden Schwestern offensichtlich.

In Jorinde und Joringel ist die rote Blume, welche Joringel den Weg zu seiner Braut weist, eindeutig das Symbol der Liebe und der Sexualität. Die als Nachtigall in einem Käfig eingesperrte Jorinde erlangt ihre menschliche Gestalt (= Identität als Frau) und ihre Freiheit zurück, nachdem sie Joringel mit der roten Blume berührt. Das Motiv des in eine Blume verwandelten jungen Mädchens, das erst erlöst werden muss, bevor es zur Frau werden kann, finden wir auch in Clemens Brentanos Märchen von dem Myrtenfräulein.

Romantische und unerfüllte Liebe

Hans Christian Andersens Däumelinchen wird in einer Blume geboren, spielt mit Schmetterlingen, Vögeln und Käfern, bevor es einen zu ihr passenden Blumen-Prinzen findet. Oscar Wildes Märchen Die Nachtigall und die Rose erzählt von einem jungen, romantisch veranlagten Mann, der mithilfe einer Rose das Herz eines oberflächlichen Mädchens gewinnen will. Auch in Brentanos Märchen von dem Rosenblättchen wird ein junger, schüchterner Mann von seiner Angebeteten spöttisch zurückgewiesen. Hier aber bleiben beide auf schicksalhafte Weise verbunden, weil sich der Zurückgewiesene in einen Rosenstock in ihrem Garten verwandelt.

Das Üppige, Wuchernde der Blumen steht in Hans Christian Andersens Märchen von der Schneekönigin am Beginn der Geschichte. Auch hier ist es ein Rosenstock, der in einem Blumenkasten vor Kay und Gerdas Fenstern wächst. In diesem Märchen bilden die Blumen als Sinnbild für die Schönheit des Natürlichen den Kontrast zur kalten Schönheit der Schneekönigin. Ganz besondere Blumen, nämlich betörend duftende Schierlingsblüten, kommen in Oscar Wildes Märchen Der Fischer und seine Seele vor. Sie symbolisieren die unmögliche und tragisch endende Liebe zwischen dem Fischer und einer Seejungfrau.

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