Sagen

Sagen (»das Gesagte«) sind meist kurze, mündlich tradierte volkstümliche Erzählungen. Im Unterschied zu Märchen knüpfen sie an reale Gegebenheiten wie Orte, Personen oder besondere Ereignisse an. Die Nennung solcher realen Elemente soll den Wahrheitsgehalt des Erzählten unterstreichen, d.h., die Sage erhebt im Allgemeinen einen höheren Wirklichkeitsanspruch.

Stilistische Merkmale von Sagen

Mit dem Anspruch, von einer wahren Begebenheit zu berichten, geht ein geringeres Maß an dichterischer Formung der Erzählung einher. Insbesondere fehlen in Sagen formelhafte Wendungen, wörtliche Rede, Wiederholungen und sonstige Elemente, die im Märchen die Aufmerksamkeit des Zuhörers fesseln. Während im Märchen eine Hauptfigur und deren Handeln im Zentrum stehen, hat die Sage in diesem Sinne keine Handlung, sondern berichtet von einem Geschehen.

Magische Elemente in Sagen

Die Berührungspunkte von Märchen und Sagen liegen in den magischen Elementen, die beiden Erzählformen eigen sind. Zudem teilen sie ihre mythologischen Wurzeln. Deshalb kommen beispielsweise typische Märchenfiguren wie Hexen, Riesen, Teufel, Wassergeister oder Zwerge auch in vielen Sagen vor. Diese Figuren werden in Sagen mit konkreten Orten verbunden. Bekannt sind etwa die Brockenhexen, die sich angeblich in der Walpurgisnacht auf dem Blocksberg (Brocken) zum Hexensabbat treffen. Ein anderes Beispiel ist die Loreley, eine den Sirenen verwandte weibliche Sagengestalt, deren Name einen markanten Felsen am Rhein bezeichnet. Der Berggeist Rübezahl lebt im Riesengebirge und vereinigt Merkmale des Riesen (Größe) mit denen des Zwerges (Schatzhüter).

Alltägliches und Übernatürliches am Beispiel der Sage vom Rattenfänger

Der Rattenfänger von Hameln. Teil 3 einer sechsteiligen Postkartenserie von Oskar Herrfurth (Serie 242 bei Uvachrom)

Ebenso haben scheinbar gewöhnliche Menschen in Sagen wie in Märchen mitunter übernatürliche Fähigkeiten. Ein Beispiel hierfür ist der Rattenfänger von Hameln, der in der gleichnamigen Sage mithilfe seiner Flöte alle Ratten und Mäuse in Hameln aus ihren Verstecken lockt, um sie in der Weser zu ertränken. Diese an sich schon bemerkenswerte Fähigkeit steigert sich ins Unheimliche, wie die Sage zu berichten weiß. Denn der um seinen Lohn geprellte Rattenfänger kehrt später noch einmal verkleidet nach Hameln zurück und spielt seine Flöte. Doch diesmal kommen keine Ratten, sondern die Kinder der Stadt gelaufen und folgen dem Rattenfänger auf Nimmerwiedersehen. Beiläufig erwähnt die Sage Zeugen für das Ungeheuerliche, die jedoch über das Offensichtliche hinaus (das Verschwinden der Kinder) nichts zur Aufklärung beitragen können:

Dies hatte ein Kindermädchen gesehen, welches mit einem Kind auf dem Arm von fern nachgezogen war, darnach umkehrte und das Gerücht in die Stadt brachte. [..] Nur zwei Kinder kehrten zurück, weil sie sich verspätet hatten; von ihnen war aber das eine blind, so dass es den Ort nicht zeigen konnte, das andere stumm, so dass es nicht erzählen konnte. Ein Knäblein war umgekehrt, um sein Obergewand zu holen, und so dem Unglück entgangen.

Brüder Grimm, Deutsche Sagen, Nr. 245: Die Kinder zu Hameln

Das Nennen von Gewährsleuten, um die Glaubwürdigkeit der erstaunlichen Erzählung zu betonen, ist ein typisches Merkmal vieler Sagen und ein weiterer Unterschied zum Märchen. Denn dort geschieht Übernatürliches so selbstverständlich, dass der Erzähler es nicht für erklärenswert hält.

Verbreitungsgebiet von Sagen

Wie oben ausgeführt, haben Sagen in der Regel einen klaren regionalen Bezug. Deshalb findet sich im Titel vieler Sagenbände sehr häufig eine geografische Eingrenzung. Die Größe einer solchen Region hängt offenbar von der Intention des jeweiligen Sammlers oder Herausgebers ab. So sind etwa die Sagensammlungen der Brüder Grimm (Deutsche Sagen, 2 Bände, 1816/18) und Ludwig Bechstein (Deutsches Sagenbuch, 1853) im Zusammenhang mit dem »Nation Building« — in diesem Fall der jungen deutschen Nation — zu sehen. Mehr noch als bei den Märchen wird hier das Bestreben erkennbar, durch Bezugnahme auf ein gemeinsames kulturelles Erbe zur Identitätsstiftung beizutragen. Gleichzeitig gibt es sehr viel kleinteiligere regionale Zusammenstellungen wie etwa Der Sagenschatz des Frankenlandes (Ludwig Bechstein, 1842), Badisches Sagenbuch (August Schnezler, 1846), Hessische Sagen (Johann Wilhelm Wolf, 1853), Harzsagen (Heinrich Pröhle, 1854) oder Rheinlands schönste Sagen und Geschichten (Heinrich Pröhle, 1886), um nur eine kleine Auswahl zu nennen.

Wandersagen

Ein thematischer Vergleich dieser Sagen ergibt, dass einige davon in unterschiedlichen Varianten in verschiedenen Regionen verbreitet sind. Solche Sagen nennt man Wandersagen. Manche dieser Typen von Sagen haben eigene Namen, etwa die Sprungsagen. Diese handeln stets von einem waghalsigen Sprung einer (meist) verfolgten Person über einen Abgrund. Auf magische Weise überlebt die Person den Sprung, während der oder die Verfolger in den Abgrund stürzen.

Der im deutschsprachigen Raum wahrscheinlich bekannteste Vertreter der Sprungsage ist die Sage von der Roßtrappe, einem Granitfelsen über dem Flüsschen Bode im Harz. Demnach begehrte der Ritter Bodo von Böhmen die Königstochter Brunhilde zur Frau. Doch die wollte ihn nicht. Als er sie eines Tages verfolgte, floh sie in panischer Angst auf ihrem Pferd (Roß). Plötzlich tat sich vor ihr ein Abgrund auf, denn sie war auf den besagten Felsen geritten. In höchster Not riskierte sie den Sprung über das Bodetal und erreichte tatsächlich den gegenüberliegenden Felsen. Ihr Roß hatte sich dabei so kräftig abgestoßen, dass noch heute sein Hufabdruck (»Roßtrappe«) auf dem Felsen zu sehen ist.

Allein in der mittelgebirgigen »alten Heimat« der Autorin (südliches Sachsen / Erzgebirge) gibt es mehrere weitere Varianten dieser Sage. Eine handelt vom Harrasfelsen, von dem aus der Ritter Harras vor seinen Feinden (den Besitzern der Nachbarburg) samt Pferd über die Zschopau (bei Chemnitz) springen wollte. Zwar gelang der Sprung nicht ganz und das Pferd kam zu Tode, doch der Ritter landete unversehrt im Fluss und konnte sich ans andere Ufer retten. Ein anderer sagenhafter Sprung soll sich weiter südlich, am Nebenfluss Schwarzwasser der Zwickauer Mulde zugetragen haben. In diesem Fall sprang eine Nonne, aus dem Kloster geflohen und von Hunden gehetzt. So jedenfalls wird der Name »Nonnenfelsen« erklärt.

Lokalsagen

Den Gegensatz zur Wandersage stellt die Lokalsage dar, deren Verbreitung auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt ist. Als Beispiel seien die Sagen um Rübezahl genannt, die eindeutig mit dem Riesengebirge verbunden sind. Ähnlich verhält es sich mit den Sagen vom Krabat, einer Figur, die so nur in der sorbischen Oberlausitz vorkommt. (Vielen wird diese Sagenfigur vor allem durch das gleichnamige Jugendbuch von Otfried Preußler bekannt sein.) Nur in Norddeutschland verbreitet sind Sagen vom Klabautermann, denn dieser ist ein Schiffsgeist, der den Kapitän bei Gefahren warnt.

Sagenstoffe

Mythologische Stoffe

Mythologische Sagen erzählen von der Entstehung der Welt, von Göttern und ihren Kämpfen um die Vorherrschaft, von ihren Zuständigkeiten und Beziehungen zu den Elementen der Natur sowie von der Auseinandersetzung der Menschen mit mythologischen Wesen. Ein Merkmal vieler Volkssagen ist es, dass in ihnen trotz des generellen Bekenntnisses zur vorherrschenden Religion (in unserem Kulturraum also zum Christentum) ältere Mythen weiterleben und auf unterschiedliche Weise mit dieser verbunden werden.

Heldensage und Heldendichtung

Mit den mythologischen Sagen verwandt sind die Heldensagen, in denen es um die Heldentaten und Abenteuer berühmter Herrscher geht. Der Begriff der Heldensage ist allerdings insofern umstritten, als es unterschiedliche Auffassungen über das Verhältnis zwischen Heldensage und Heldendichtung gibt. Entstanden die berühmten Heldenlieder und -epen wie das Gilgamesch-Epos, die Odyssee, die Edda oder das Nibelungenlied auf der Basis mündlicher Überlieferung? Diese Auffassung vertrat unter anderem Wilhelm Grimm. Oder war es vielmehr umgekehrt, waren die Dichtungen originäre Schöpfungen, von denen die Sagenbildung ausging? Diese Frage ist nicht abschließend geklärt.

Natursagen

In Natursagen geht es um das Wirken von Geistern und Dämonen in der natürlichen Umwelt des Menschen. Über die hier auftretenden Figuren besteht eine enge Verbindung zum Märchen. Beispielsweise ist die aus dem gleichnamigen Märchen bekannte Frau Holle eine weit verbreitete Sagengestalt, die auch unter dem Namen Frau Perchta verbreitet ist.

Vorchristliche Mythen

Ein Beispiel aus Hessen ist die Sage von Frau Holles Gericht über den Honighof am Hirschberg. Der Honighof war demnach mit außergewöhnlichem wirtschaftlichem Erfolg gesegnet, doch war der ihn bewirtschaftende Bauer ein ebenso außergewöhnlich hartherziger Mann. Seine Söhne waren nach ihm geraten; nur die Tochter hatte Mitgefühl mit den Armen. Eines Tages gab sie heimlich einer zerlumpten Alten Brot und Wurst. Doch das alte Weib wurde mit den freundlichen Gaben erwischt, und der Bauer hetzte seinen Bluthund auf sie. Bevor der Hund sie zerfetzen konnte, löste sie sich in Rauch auf. Kurz darauf ging ein verheerendes Gewitter nieder, bei dem der Hof in Brand gesteckt wurde. Der Bauer und seine Söhne starben in den Trümmern, nur die Tochter blieb unbeschadet. Ihr erschien noch einmal Frau Holle (denn niemand anders war die zerlumpte Alte), diesmal jedoch in Gestalt einer weißen Frau. Bald darauf heiratete sie einen ehrlichen Burschen und wurde glücklich.

Die Wilde Jagd

Andere Natursagen berichten von unheimlichen Phänomenen wie der »Wilden Jagd«, bei der übernatürliche Jäger über den Himmel jagen und von kommendem Unheil künden. Besonders auf die Nächte um den Jahreswechsel (Rauhnächte) wurde diese Spektakel datiert, weshalb es ratsam sei, sich in dieser Zeit im Haus einzuschließen und sicherheitshalber zu beten. Denn die Wilde Jagd reißt ohne Rücksicht Menschen und zuweilen Vieh mit sich. Auch das bloße Beobachten des Geschehens ist nicht zu empfehlen, da es Unglück, ja den baldigen Tod des Beobachters bringen soll.

Eine dieser Sagen ist im oberbayerischen Lengenfeld am Lech angesiedelt. Demnach wurde ein Mann auf seiner Wanderschaft von der Wilden Jagd überrascht. Statt sich flach auf den Boden zu werfen, wie es ratsam gewesen wäre, blickte der Mann gebannt zum Himmel. Daraufhin wurde er von der Wilden Jagd mitgerissen und war viele Wochen lang verschollen. Zwar kehrte er schließlich zurück, konnte aber selbst nicht sagen, wo und wie er die Zeit verbracht hatte. Den Rest seines Lebens verbrachte er in sich gekehrt und lethargisch.

Ätiologische Natursagen

Einen besonders breiten Raum unter den Natursagen nehmen solche Sagen ein, die das Wirken übernatürlicher Wesen mit der Beschaffenheit der Landschaft in Verbindung bringen. Vor allem Riesen werden in diesen Sagen für die Gestaltung von Bergen, Tälern oder Seen verantwortlich gemacht. Eine dieser Sagen handelt von der Entstehung der Kurischen Nehrung. Die fast 100 km lange, schmale Landzunge wurde demnach von einer Riesin aufgeschüttet. In ihrer Schürze schleppte sie Sand herbei und trennte so das Kurische Haff von der Ostsee ab.

Ein anderes Beispiel ist die Sage vom Watzmann. Demnach lebte im Berchtesgadener Land einst ein mächtiger König namens Watzmann, der sehr grausam gewesen sein soll. Seine Frau und seine Kinder waren nicht besser. Einmal ließ der König rücksichtslos seinem Pferd die Zügel schießen, das mit seinen Hufen eine alte Bäuerin traf. Als der Jungbauer und seine Frau die sterbende Alte ins Haus holen wollten, hetzte der König seine Hunde auf sie, sodass sie noch vor der Alten starben. Grausam lächelnd sah die Königsfamilie auf die Bauern herab. Da reckte plötzlich die sterbende Alte den Arm und verfluchte den König und die Seinen: In Felsen sollten sie verwandelt werden! Ein Sturm hob an, die Erde öffnete ihren Schoß. Seitdem erhebt sich im Berchtesgadener Land das Watzmannmassiv. Der Hauptgipfel (von Norden her rechts) ist der Sage nach der König. Links erhebt sich die Watzmannfrau (Kleiner Watzmann) und dazwischen hocken die Watzmannkinder.

Historische Sagen

Historische Sagen berichten von außergewöhnlichen Ereignissen, für die es historische Belege gibt, oder auch von bedeutenden historischen Personen. Dabei vermischen sich Geschichte und Mythos. Die Sagen haben also einen wahren, historischen Kern, während andere Teile dem Bereich der Mythen entstammen. Ein historischer Kern wird zumindest vermutet für die oben erwähnte Sage vom Rattenfänger zu Hameln. Genauer gesagt für den zweiten Teil, also das Verschwinden der Kinder. Dagegen findet sich kein Hinweis in den Ratsbüchern der Stadt Hameln auf den ersten Teil, die Vertreibung der Ratten.

Ein anderes Beispiel sind die Sagen um Heinrich den Löwen. Heinrich der Löwe aus dem Geschlecht der Welfen war eine bedeutende Persönlichkeit des 12. Jahrhunderts, von 1140 bis 1180 Herzog von Sachsen, von 1156 bis 1180 außerdem Herzog von Bayern. Der Sage nach besaß Heinrich einen Löwen, der sein treuer Begleiter war. Davon zeugt der »Braunschweiger Löwe«, ein Bronzedenkmal, das Heinrich in seiner Residenzstadt Braunschweig errichten ließ. Ob der echte Löwe tatsächlich jemals in Braunschweig war, ist unklar.

Der Sage nach jedenfalls brachte Heinrich ihn von einer Pilgerfahrt nach Jerusalem mit. Um die genauen Umstände ranken sich mehrere Sagen. Eine berichtet, dass Heinrich in einer wüsten Gegend den Kampf zwischen dem Löwen und einem Lindwurm beobachtet habe. Es sah danach aus, dass der Löwe unterliegen würde. Heinrich bedachte, dass der Löwe ein edles Tier, der Lindwurm hingegen böses Gezücht sei. Also griff er zugunsten des Löwen in den Kampf ein und besiegte den Lindwurm. Seitdem ist der Löwe sein treuer Begleiter. Als Heinrich schließlich starb, begehrte der Löwe Einlass in die Stiftskirche, um Abschied von seinem Herrn zu nehmen. Das wurde ihm verweigert. Verzweifelt hinterließ er Kratzspuren seiner Tatzen an der Pforte und verstarb vor Kummer an Ort und Stelle.

Religiöse Sagen

Im Zusammenhang mit der Verbreitung des Christentums in Europa ranken sich religiöse Sagen um das Leben und Wirken von Personen, die sich in der einen oder anderen Weise als besonders fest im Glauben erwiesen haben. Ein Beispiel hierfür ist die Sage von Notburga in Hochhausen am Neckar. Notburga war demnach eine Tochter des Frankenkönigs Dagobert, die sich zum Christentum bekehrt hatte. Ihr Vater war, wie die meisten Bewohner der Gegend, Heide geblieben. Als ihr Vater sie mit einem ebenfalls heidnischen Fürstensohn verheiraten wollte, lehnte sie dies aus Glaubensgründen ab. Statt zu heiraten, zog sie sich in eine Klause am Steilufer des Neckar zurück und errichtete dort ein Kreuz.

Zu diesem historische Kern wurden verschiedene Ausschmückungen hinzugefügt, die an Märchenmotive erinnern. So soll etwa eine Hirschkuh Notburga Gesellschaft geleistet und sie sogar mit Nahrung aus der königlichen Küche versorgt haben. Durch die Hirschkuh fand Dagobert das Versteck seiner Tochter und suchte sie auf, um sie zurückzuholen. Als sich Notburga widersetzte, versuchte er es mit Gewalt. Er zog an ihrem Arm, während sie sich mit dem anderen an dem Kreuz festhielt, das sie errichtet hatte. Sein Zorn hatte ihm so starke Kräfte verliehen, dass er ihren Arm abriss (vgl. Das Mädchen ohne Hände). Notburga sank bewusstlos zu Boden, doch ihre Wunde wurde von einer Schlange versorgt (siehe das Motiv der Schlange im Märchen).

Bei anderen religiösen Sagen ist der historische Kern nur vage zu erkennen. Ein Beispiel ist die Volkssage vom Drachenfels im Siebengebirge. Sie erinnert stark an das Märchenmotiv vom Drachen, dem Jungfrauen geopfert werden. Doch während im Märchen ein Held dem Drachen seine Köpfe abschlägt, erledigt die Jungfrau den Drachen selbst mithilfe ihres Kreuzes.

Unterteilung nach Funktion

Die Unterteilung nach Stoffen geht von der Frage aus, von welchem Thema die Sage erzählt. Stattdessen können wir auch fragen, welchen formalen Charakter das Mitgeteilte hat. Ausgehend von dieser Frage unterscheidet man Erlebnissagen und Erklärungssagen (ätiologische Sagen). Beispielsweise berichten manche Natursagen von unheimlichen Begegnungen, Geistererscheinungen oder unerklärlichen Glücks- oder Unglücksfällen. Hier steht das Erlebnis selbst im Mittelpunkt, das so außerordentlich ist, dass es erzählenswert ist. Ein Beispiel für eine Erlebnissage ist die oben erwähnte Sage von der Wilden Jagd.

Dagegen sind Sagen wie die von der Kurischen Nehrung oder vom Watzmann Erklärungssagen. Denn die Intention dieser Geschichten ist es offensichtlich, Erklärungen für markante Landschaftselemente zu liefern, wenn auch keine rationalen.

Sagen und Legenden

Neben dem Märchen ist auch die Legende eine mit der Sage verwandte Textsorte. Ein wesentlicher Unterschied ergibt sich aus der Bedeutung des Wortes Legende, welches aus dem lateinischen legere (lesen) abgeleitet ist. Das heißt, eine Legende ist in jedem Falle etwas, was niedergeschrieben wurde. Im Gegensatz dazu hebt der Begriff Sage gerade darauf ab, dass es sich um eine ursprünglich mündlich tradierte Erzählung handelt.

Inhaltlich wird der Begriff Legende oft einschränkend für Heiligenlegenden verwendet. Damit ist die Legende vor allem den religiösen Sagen (s. oben) ähnlich. Im weiteren Sinne wird der Begriff gelegentlich unscharf gebraucht. So zum Beispiel bei der Sammlung von Sagen um Rübezahl von Musäus, die dort Legenden von Rübezahl heißen.

Moderne Sagen und urbane Legenden

Kaum mehr zu trennen sind die Begriffe Sage und Legende, wenn man sie um moderne Formen erweitert. Ein Grund hierfür ist die Bedeutung der englischen Sprache, aus der viele Begriffe, teilweise direkt, übernommen werden. Der Begriff urban legend wird manchmal mit urbane Legende übersetzt, manchmal auch mit moderne Sage. Allgemein, d.h. ohne Kenntnis des konkretes Textes, ist nicht zu entscheiden, welche Übersetzung die bessere oder gar richtige ist. Denn im Englischen gibt es Sagen und Legenden nicht als separate Begriffe. Ein weiterer, vielleicht noch wichtigerer Grund für das Verschwimmen der Begriffe entstand mit dem Internet. Denn dieses eröffnete völlig neue Möglichkeiten der Veröffentlichung und Verbreitung von Texten. Diese neue Form von Texten hat einerseits Merkmale von geschriebenen und gedruckten Texten, da sie sich einer Schrift bedient. Andererseits hat sie auch Merkmale von mündlich Überliefertem, da Texte praktisch ohne Einschränkung geteilt, modifiziert und kombiniert werden können.

Weblinks

  1. Webseite der Stadt Hameln zur Rattenfänger-Sage
  2. Deutsche Sagen, Brüder Grimm (auf zeno.org)
  3. Deutsches Sagenbuch, Ludwig Bechstein (auf zeno.org)
  4. Der Sagenschatz des Frankenlandes, Ludwig Bechstein (auf literaturnetz.org)
  5. Badisches Sagenbuch, August Schnezler (auf wikisource.org)
  6. Harzsagen, Heinrich Pröhle (auf zeno.org)
  7. Rheinlands schönste Sagen und Geschichten, Heinrich Pröhle (auf zeno.org)
  8. Die Roßtrappe (aus Volcks-Sagen, Johann Karl Christoph Nachtigal; auf wikisource.org)
  9. Harrassage nach Karl Theodor Körner (auf wikisource.org)
  10. Sagenbuch des Erzgebirges, Johann August Ernst Köhler (darin enthalten die Sage vom Nonnenfelsen, Nr. 251)
  11. Die Sage vom König Watzmann auf berchtesgaden.de
  12. Heinrich der Löwe, Deutsche Sagen, Band 2, Brüder Grimm (auf wikisource.org)
  13. Notburga von Hochhausen (aus Die Sagen und Volksmärchen der Deutschen, Friedrich Gottschalck; auf wikisource.org)

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