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Tiere im Märchen: Die Schlange

Tiere im Märchen: Die Schlange

Viele Redensarten künden davon, dass Schlangen in unserer Kultur ein ziemlich schlechtes Image haben. So ist die »falsche Schlange« eine Person (meist tatsächlich eine Frau), die freundlich tut, aber hinter dem Rücken des oder der Arglosen an dessen bzw. deren Verderben arbeitet. Bei der »Giftschlange« ist zumindest von vornherein klar, dass man ihr besser nicht zu nah kommen sollte. Doch selbst wer erkannt hat, dass eine Person gefährlich ist, kann sich wegen deren hypnotischer Kraft eventuell weder wehren noch fliehen; paralysiert starrt er sie an »wie das Kaninchen die Schlange«. Die gespaltene Zunge der Schlangen symbolisiert die »Doppelzüngigkeit« von Menschen, die je nach Situation ihre Worte so anpassen, dass sie vor der jeweiligen Hörerschaft immer gut dastehen, wobei die heute geäußerte Meinung in direktem Widerspruch zu der von gestern stehen kann. Wer eine »Schlange am Busen genährt« hat (nicht notwendigerweise an einem weiblichen), will damit sagen, dass er von einer Person zutiefst enttäuscht ist, die er durch die eigene Hilfsbereitschaft erst in die Lage versetzt hat, anderen zu schaden. Und wer gar in eine »Schlangengrube« gerät, dem sind lange Qualen vor seinem sicheren Tod gewiss; unsicher ist höchstens die Art des Todes, denn töten können Schlangen ihr Opfer durch Biss (Gift), durch Umschlingen (Würgen, Zerdrücken) oder durch Verschlingen.

Es scheint naheliegend, bei so viel Schlechtem, das der Schlange nachgesagt wird, an deren Rolle beim Sündenfall und der darauf folgenden Austreibung aus dem Paradies zu denken (Genesis, 1. Buch Mose). Denn die Schlange war es, die Eva eingeflüstert hat, eine Frucht des verbotenen Baumes zu kosten; Evas anfängliche Bedenken zerstreute sie mit dem Hinweis, Gott hätte diesen einen Baum nur deshalb verboten, weil er »weiß, daß, welches Tages ihr davon eßt, so werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.« Die Schlange, die in der Bibel im Allgemeinen für den Teufel steht, wird hier verbunden mit dem Weiblichen und gleichzeitig mit dem Streben nach Erkenntnis. Die (vermutete) Klugheit der Schlangen gibt Jesus im Evangelium nach Matthäus seinen Jüngern zum Vorbild, indem er fordert: »Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben.« Gleichzeitig ist in dieser Forderung die Warnung vor der mit der Klugheit verbundenen Falschheit und Bosheit enthalten, da im zweiten Teil die arglosen Tauben als Gegengewicht genannt werden.

Während die Schlange im Christentum ein eindeutig negatives Symbol ist, zeigt sich in älteren Mythologien, aber auch im Volks- und Aberglauben, ein ambivalentes Bild. Im antiken Griechenland galt die Schlange als heilig. Die Beobachtung, dass die Schlange sich häutet, sich also sozusagen selbst erneuert, weckte die Vorstellung, dass sie unsterblich sei. Aus der griechischen Mythologie stammt auch der Äskulapstab, ein von einer Schlange umwundener Stab, der als Symbol der Heilkunst (Ärzte, Apotheker) weit verbreitet ist. Im nördlichen Europa, besonders im Baltikum, waren Ringelnattern gern gesehene Hausgäste, die sorgsam mit Milch gefüttert wurden. Die Vorstellung vom Milch trinkenden und Glück bringenden Schlangen hat sich in vielen Regionen Europas in der Sagenwelt niedergeschlagen. Auch die Eigenheit der Schlangen, elegant schlängelnd aus Fels- und sonstigen Ritzen aufzutauchen und ebenso wieder zu verschwinden, hat die Fantasie der Menschen angeregt: offenbar sind Schlangen Geschöpfe, die zwischen der sichtbaren, über dem Erdboden gelegen Welt und der darunter liegenden, verborgenen Welt zu wandeln, was etwa die Vorstellung der Schlange als Schatzhüterin weckte.

Bei Überlieferungen und mythologischen Schlangenwesen ist stets zu beachten, dass der Begriff »Schlange« keinesfalls deckungsgleich mit dem heute üblichen zoologischen Begriff ist, der Schlangen als eine Unterordnung der Reptilien definiert. Vielmehr kann jedes echsenartige Wesen gemeint sein, eventuell auch Kröten, vor allem aber eine Vielzahl von Fabelwesen mit Schuppenhaut: ganz besonders der Drachen, ebenso der Basilisk oder der Lindwurm. Auch weibliche Mischwesen mit Schlangenleib (siehe Melusine) sind an dieser Stelle zu nennen.

Im Märchen spielen Schlangen häufiger eine positive als eine negative Rolle. Besonders die Aspekte Weisheit und Heilkraft kommen des öfteren vor (siehe die Beispiele unten). Wo die Schlange gefährlich ist, ähnelt sie nicht selten dem Drachen, wo sie symbolisch für abscheuliche, abstoßende Kreaturen steht, zeigt sie mitunter Verwandtschaft mit Kröten. Die folgende Liste umfasst Märchen mit Schlangen, die auf Märchenatlas ausführlich besprochen sind; selbstverständlich gibt es viele weitere Märchen, die hier gut aufgehoben wären und von denn des eine oder andere hoffentlich demnächst hinzukommen wird.

Beispiele

  • Die weiße Schlange (Brüder Grimm): Der Märchenheld versteht die Sprachen der Tiere, nachdem er heimlich von dem Fleisch einer weißen Schlange gekostet hat. (Aspekt der Weisheit, vgl. Siegfriedsage: Siegfried versteht die Sprachen der Tiere, nachdem er vom Blut des Drachens Fafnir getrunken hat.) Diese Fähigkeit ermöglicht es ihm, schwierige Aufgaben zu lösen und die Hand einer Königstochter zu gewinnen.
  • Der König vom goldenen Berg (Brüder Grimm): Der Märchenheld trifft in einem verwunschenen Schloss auf eine Schlange, die eine verzauberte Prinzessin ist und die es zu erlösen gilt. (Aspekt des Weiblichen und der Verwandlung/Häutung)
  • Die Schlange (Basile): Ein Bauer und eine Bäuerin, die keine eigenen Kindern haben, ziehen einen Schlangenjungen groß. Als dieser ins heiratsfähige Alter kommt, begehrt er keine Schlange, sondern die Tochter des Königs zur Frau. Was ihm dank seiner Klugheit gelingt. Nach der Hochzeit wirft er seine Schlangenhaut ab und ist ein schöner junger Mann.
  • Die drei Schlangenblätter (Brüder Grimm): In diesem Märchen tritt die Schlange als Heilerin auf. Sie heilt ihre getötete Gefährtin (Motiv der Erneuerung und des ewigen Lebens) und überlässt ihr Zaubermittel, die Schlangenblätter, dem Märchenhelden, der es für die »Heilung« (Wiederbelebung) seiner verstorbenen Frau verwendet.
  • Das Natternkrönlein (Ludwig Bechstein): In diesem Märchen werden zwei Sagenmotive über Schlangen kombiniert: erstens das Motiv von der Glück bringenden Hausschlange, die man mit Milch füttern sollte, zweitens das Motiv der Schlange als Schatzhüterin, die demjenigen, der sie gut behandelt, von ihren Schätzen abgibt.
  • Les Fées (Charles Perrault): Das Märchen dem von Frau Holle (Brüder Grimm). Das faule, garstige Mädchen wird für ihre Lügen damit bestraft, dass ihr bei jedem Wort eine Kröte und Schlange aus dem Mund entweicht. (negative Aspekte; Falschheit, Bosheit, Widerwärtigkeit)
  • Sindbad der Seefahrer (Tausendundeine Nacht): In Sindbads zweiter Reise klingt das Bild von der Schlangengrube an. Der Abenteurer wird vom Vogel Roc in ein Tal geflogen, das von Diamanten übersät ist. Doch wie er schnell feststellt, wimmelt es in dem Tal außerdem vor Schlangen. Von oben werfen Männer Kadaver ins Tal, von denen sich die Schlangen ernähren, aber auch Adler, die zusammen mit Fleischfetzen Diamanten herauspicken. Sindbad gelingt es mit einer Liste, der Schlangengrube zu entkommen.
  • Der goldne Topf (E.T.A. Hoffmann): Der melancholische Student Anselmus verliebt sich am Himmelfahrtstag in Serpentina, eine kleine grüne Schlange mit dunkelblauen Augen. Die Schlange steht hier zum einen für das Weibliche, zum anderen ist sie die »Botschafterin« aus der jenseitigen Welt, die Anselmus der realen mehr und mehr vorzieht.

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