Tiere im Märchen: Die Kuh

Tiere im Märchen: Die Kuh

Die Domestizierung von Rindern war ein wichtiger Faktor für die Sicherung und Stabilisierung der Lebensgrundlagen der Völker. Die Versorgung mit Milch und Fleisch ermöglichte sesshaftes Leben und häusliches Glück, während der Verlust von Rindern (sei es durch Naturgewalten oder durch Raub) nicht selten kriegerische Auseinandersetzungen zur Folge hatte. Als Milchvieh hat das weibliche Rind, also die Kuh, weit größere Bedeutung als der Stier. Während dieser für Kraft – gepaart mit Aggressivität – steht, symbolisiert die Kuh den nährenden Aspekt und steht für Ausgeglichenheit, Mütterlichkeit und andauernde Fruchtbarkeit.

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Hans im Glück: Hans tauscht sein Pferd gegen eine Kuh. Illustration Paul Meyerheim

Da das Wohlergehen der Kühe entscheidende Bedeutung für das Wohlergehen ihrer Halter hatte, verwundert es nicht, dass sie in frühen Mythologien eine große Rolle spielen. In der ägyptischen Mythologie ist Nut die Göttin des Himmels, die als Mutter der Gestirne angesehen wird. Man stellte sich vor, dass sie jeden Abend die Sonne verschlingt und sie am Morgen wieder aus ihrem Schoß entlässt – ein Sinnbild für den ewigen Kreislauf. Die Göttin Nut wurde oft als nackte Frau, teilweise aber auch als »Himmelskuh« dargestellt. In der nordischen Mythologie entsprang die Urkuh Audhumbla dem Eis und leckte innerhalb von drei Tagen den ersten Menschen aus dem salzigen Gestein. Die Verbindung der Kuh mit Schöpfungsmythen verblasst bzw. verschwindet in späteren Kulten, in denen die Kuh auf ihre nährende Funktion reduziert wird. In unserem heutigen Sprachgebrauch lässt sich feststellen, dass der Begriff »heilige Kuh« zunehmend eine abwertende Konotation erfährt: grundsätzlich meint er ein Tabu, jedoch wird durch den Subtext nahegelegt, dass das Festhalten an diesem Tabu einer sachlich-rationalen Grundlage entbehre. Der Tiefpunkt der Degradierung der Kuh vom kosmologischen Urwesen zum willenlos-friedfertigen Herdentier spiegelt sich in dem Schimpfwort »dumme Kuh« wieder, mit dem ausschließlich Frauen belegt werden.

Im europäischen Märchen spielt die Kuh eine im Vergleich zu ihre mythologischen Bedeutung eher geringe Rolle, sowohl quantitativ als auch qualitativ. Wo sie überhaupt auftritt, ist sie eher Requisit als handelnde Figur. Trotzdem lassen sich mythologische Wurzeln teilweise noch erkennen, beispielsweise in verschiedenen Märchen von winzig kleinen Jungen (Daumerlings Wanderschaft, Daumesdick, Tom Thumb), die von einer Kuh verschluckt werden, um auf die eine oder andere Weise wieder aus ihrem Bauch heraus zu kommen. Ein häufiges, wenn auch wenig ausgearbeitetes Motiv ist das Hüten der Kühe durch junge Mädchen (z.B. in De drei Vügelkens), was als Dienst an der Großen Mutter (Vorbereitung auf das Frau werden/sein) interpretiert werden kann. Eine ähnliche Bedeutung hat die Kuh in dem Märchen Das Waldhaus, in dem drei Schwestern nacheinander den Haushalt für einen alten Mann besorgen, wobei nur die jüngste auch an die Tiere des Alten denkt, darunter eine Kuh. Am häufigsten kommen Kühe im Märchen als Symbol für Reichtum bzw. den Mangel an Selbigem vor: ein armer Mann oder eine arme Witwe besitzt nur eine einzige Kuh, die in Zeiten größter Not geschlachtet oder verkauft werden muss, um das nackte Überleben zu sichern (z.B. Das Bürle, Die Flasche, Jack und die Bohnenranke). Bei Hans im Glück steht die Kuh ziemlich genau in der Mitte einer Kette von Besitztümern mit absteigendem Wert: sie ist weniger wert als der Goldklumpen oder das Pferd, aber immerhin mehr als ein Schwein oder eine Gans. Gelegentlich symbolisiert eine große Kuhherde ähnlich wie Gold, Silber und Edelsteine unendlichen Reichtum (z.B. Der Vogel Greif).

Siehe auch: Übersichtsartikel zur Rolle und Funktion von Tieren im Märchen

NEU: Märchenquiz

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