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Tiere im Märchen: Die Gans | Märchenatlas

Tiere im Märchen: Die Gans

Tiere im Märchen: Die Gans

Wenn in Märchen Gänse auftreten, dann in aller Regel als Haustiere. Mit der (Haus-)Gans verbunden sind weiblich-mütterliche Aspekte: sie nährt durch ihr Fleisch und ihre Eier, ihre Federn werden für wärmenden Daunenbetten verwendet und durch ihre Wachsamkeit, gepaart mit Aggressivität, dient sie dem Menschen als Beschützerin. Da Gänse den heidnischen Göttinnen heilig waren, wurden sie im Aberglauben oft mit weisen Frauen und Hexen in Verbindung gebracht, und so wundert es nicht, dass Gänse im Märchen oft als Figuren mit übernatürlichen Fähigkeiten oder als Verbindungsglied zu einem übernatürlichen Wesen auftreten. Die vielleicht bekannteste »Märchengans« ist jene, die der Dummling in dem Grimm’schen Märchen Die goldene Gans unter der Wurzel eines gefällten Baums findet: sie hat goldene Federn und überdies die fantastische Eigenschaft, dass jeder an ihr kleben bleibt, der sie anrührt. Mit der goldenen Gans unterm Arm und einem immer länger werden Gefolge gelingt es dem gering geschätzten Dummling, die Königstochter zum Lachen zu bringen. Eine umgekehrte Variante dieses Märchens, bei der ein junges Mädchen die Besitzerin der Gans ist und mit ihrer Hilfe einen Königssohn erobert, ist in dem wesentllich älteren Märchenzyklus von Giambattista Basile (Pentameron) enthalten; es trägt den schlichten Titel La paparaDie Gans.

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Die Gänsemagd. Illustration Helen Stratton

Ähnlich bekannt wie Die goldene Gans ist das Grimm’sche Märchen Die Gänsemagd, in dem eine Königstochter zur Magd erniedrigt wird und Gänse hüten muss, während ihre Dienerin ihren Platz einnimmt. Die Gänse symbolisieren die Verbindung der Königstochter mit ihrer fernen Mutter – indem sie die Gänse hütet (der Mutter dient und sie ehrt), wird sie gleichzeitig von ihnen behütet. Sinnigerweise fliegt dem Gänsejungen der Hut weg, als er während des gemeinsamen Gänsehütins versucht, ihr Haar zu berühren. Eine besondere Betonung liegt bei diesem Märchen auf dem Stadttor, durch das die Gänsemagd ihre Herde täglich raus und rein führen muss. Die Königstochter ist in der Phase, in der sie die Gänse hütet, sozusagen noch nicht richtig angekommen: nicht in der Stadt, in der sie eigentlich den jungen König heiraten sollte, und nicht bei sich selbst als Frau und künftige Königin.

Als drittes Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm, in dem Gänse eine hervorragende Rolle spielen, soll hier Die Gänsehirtin am Brunnen genannt werden. Auch in diesem Märchen muss eine Königstochter Gänse hüten, allerdings, weil sie von ihrem Vater verstoßen wurde. Außerdem wird hier auf die zwielichtige Natur der Gans als Begleiterin von weisen Frauen (Hexen) Bezug genommen, denn die Gänsehirtin verrichtet ihren Dienst bei einer zauberkräftigen, uralten Frau und hat selbst die Gestalt einer alten Frau (Tochter der Uralten) angenommen. Nur um Mitternacht kann sie für kurze Zeit ihre wahre Gestalt annehmen und sich am Brunnen waschen. Auch von diesem Märchen gibt es einen Vorläufer bei Basile, nämlich Le doie pizzelleDie beiden Kuchen.

Neben Märchen wie diesen, in dem die Gans als Symbol zu interpretieren ist, gibt es natürlich viele weitere, in denen Gänse vorkommen, jedoch eher als gewöhnliches Haustier, das einen gewissen Wohlstand des jeweiligen Besitzers illustriert. So zum Beispiel bei Hans im Glück als eines von mehreren Tauschobjekten, bei Bruder Lustig in Form eines Gänsebratens oder in verschiedenen Tiermärchen, in denen sich der Fuchs in den Gänsestall schleicht. Desweiteren kommen in einigen Märchen Wildgänse vor, deren Flug in den hohen Norden die Menschen aus verschiedenen Gründen fasziniert; die bekannteste literarische Erwähnung von Wildgänsen findet sich allerdings nicht in einem Märchen, sondern Selma Lagerlöfs Kinderbuchklassiker Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen.

Siehe auch: Übersichtsartikel zur Rolle und Funktion von Tieren im Märchen

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