Tiere im Märchen: Das Pferd

Das Pferd tritt in vielen Märchen als Begleiter des Helden auf. Manchmal besitzt es selbst magische Fähigkeiten, manchmal ist es einfach ein Attribut, das den Status(gewinn) des Helden unterstreicht. In Märchen, die im bäuerlichen Milieu spielen und oftmals schwankartigen Charakter haben, steht das Pferd in erster Linie für Wohlstand.

Das Pferd als magischer Helfer

In vielen Märchen hat das Pferd die Rolle des Helfers des Märchenhelden (siehe auch Märchenfiguren). Seine natürlichen Fähigkeiten wie Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit werden dabei nicht selten ins Übernatürliche gesteigert. So gibt es beispielsweise fliegende Pferde, die den Helden in Windeseile an schwer zugängliche Orte bringen. Beispiele hierfür sind das Märchen Das Ebenholzpferd (Tausendundeine Nacht) oder das russische Märchen Iwan Zarewitsch, der Feuervogel und der graue Wolf.

Die Gänsemagd. Illustration Hermann Vogel (Kinder- und Hausmärchen, Verlag Braun & Schneider, 1894)

Mit sicherem Instinkt wittern Pferde Gefahren und finden — allein oder mit verwirrtem Reiter — zurück zu ihren Stall. Dies legt die Vorstellung nahe, dass Pferde über Wissen verfügen, zu dem Menschen keinen direkten Zugang haben. In der Welt der Märchen zeigt sich diese Vorstellung am deutlichsten in der Figur des sprechenden Pferdes, in der sich das Unterbewusstsein des Helden bzw. der Heldin manifestiert. Das berühmteste dieser Märchen ist Die Gänsemagd aus der Sammlung der Brüder Grimm. Dort erinnert der abgeschlagene Kopf des Pferdes Falada das Mädchen täglich daran, dass sie eine Königstochter ist. In Ferenand Getrü un Ferenand Ungetrü (ebenfalls Brüder Grimm) verrät das Pferd dem Helden, wie er eine schwierige Prüfung bestehen kann.

Das Pferd als Symbol des Aufstiegs

In dem zuletzt genannten Märchen beginnt die Beziehung zwischen Held und Pferd mit einem weit verbreiteten Motiv: Der Held — Sohn armer Eltern — bekommt ein Pferd geschenkt, was seinen sozialen Aufstieg markiert. Das Pferd ist hier kein reines Statussymbol, sondern steht vor allem für die Freiheit, von zu Hause wegzugehen und sich einen Platz in der Welt zu suchen. Auch ermöglicht es, im wörtlichen wie im übertragene Sinne, eine Erweiterung des eigenen Horizonts.

In dem norwegischen Märchen Die Jungfrau auf dem Glasberg ist der mit Pferden verbundene Aufstieg des Helden das Hauptmotiv. Dort bewacht ein armer, gering geschätzter Junge, der Aschenper, in drei Gewitternächten die Wiese seines Vaters. Am Morgen steht jedesmal ein edles Pferd nebst Rüstung und Schwert auf der Wiese. Mit seinen Pferden gelingt es Aschenper, den Glasberg zu erklimmen und die Gunst der dort sitzenden Prinzessin zu gewinnen. Auch der Aufstieg des Helden in dem Märchen Der arme Müllersbursch und das Kätzchen ist eng mit einem Pferd verbunden. Denn sein Dienstherr, ein kinderloser Müller, will seine Mühle demjenigen seiner Knechte vererben, der ihm das beste Pferd bringt.

Dominanz und Männlichkeit

Als Herdentiere verfügen Pferde über ausgeprägte Sozialstrukturen, die von einem Leithengst dominiert werden (bei größeren Gruppen auch von mehreren). Auch in der Beziehung des Menschen zum Pferd spielen Vorstellungen von Dominanz (Wildheit) und Unterordnung (Zähmung) eine wichtige Rolle. Die Fähigkeit ein so großes, starkes und schnelles Tier führen zu können, steigert verständlicherweise das Selbstbewusstsein des Reiters. Besonders wenn das Pferd noch jung und wild ist, gibt es dem Reiter die Gelegenheit, sein Können und seinen Mut unter Beweis zu stellen. Kulturell bedingt werden diese Fähigkeiten mit »Männlichkeit« assoziiert.

In der Anfangsszene der Sage von dem Hirschgulden (Wilhelm Hauff) besteht der kleine Sohn eines Grafen diese Probe nicht. Sein Pferd geht mit ihm durch und wirft ihn ab; der Vater findet ihn weinend auf dem Schoß einer alten Frau. Damit ist der Junge für den Vater erledigt. Auch in dem Märchen Der Knoblauchgarten (Giambattista Basile) wird die Fähigkeit, ein wildes Pferd zu reiten, als Beweis für Männlichkeit verwendet. In diesem Fall ist es allerdings eine junge Frau, die den Test bestehen muss. Denn sie hat sich als Mann verkleidet, weil es ihrem Vater peinlich war zuzugeben, dass er nur Töchter hat. In dieser Verkleidung arbeitet sie in einem reichen Haushalt, wo allerdings bald Zweifel bezüglich ihrer Männlichkeit aufkommen. Daher soll sie (unter anderem) ein wildes Pferd reiten — was ihr gelingt.

Das Pferd als wertvoller Besitz

Zahlreich sind auch die Märchen, in denen das Pferd als gewöhnliches Last- und Arbeitstier vorkommt. Hier geht es nicht um bestimmte Eigenschaften des Pferdes, die symbolisch auf den Besitzer oder Reiter übertragen werden. Vielmehr macht der Besitz von Pferden ganz einfach den Unterschied zwischen arm und (relativ) wohlhabend aus. So ist es beispielsweise in dem Märchen Der kleine Klaus und der große Klaus (Hans Christian Andersen). Beide Kläuse sind Bauern und leben im gleichen Dorf. Der kleine besitzt nur ein einziges Pferd, der große dagegen fünf. Der kleine muss sechs Tage die Woche für den großen arbeiten und hat für seine eigene Wirtschaft nur sonntags Zeit. Und dann erschlägt der große Klaus aus Jähzorn das einzige Pferd des kleinen…

In Hans im Glück, einem der bekanntesten Grimm’schen Märchen, tauscht der Märchenheld am Anfang einen Goldklumpen gegen ein Pferd. Zwar hat man gleich den Verdacht, dass dies für ihn ein nachteiliges Geschäft ist, doch ist der Wert des Pferdes immerhin näher an dem des Goldklumpens als der aller anderen Tiere (Kuh, Schwein Gans), die er sukzessive ertauscht.

Dass Pferde von hohem Wert sind, ist auch die Grundlage für ein eigenständiges Märchenmotiv, nämlich das Stehlen von Pferden als Mutprobe oder Beleg außerordentlicher Meisterschaft. In dem Märchen Der Meisterdieb stiehlt der Held ein edles Pferd aus einem gut bewachten Stall, und zwar während einer der Aufpasser auf dem Pferd sitzt. Der junge Höfling Corvetto muss in dem gleichnamigen Märchen von Giambattista Basile das Pferd des gefährlichen wilden Mannes stehlen. Seine Neider am Königshof hoffen, ihn bei dieser Gelegenheit loszuwerden, doch auch Corvetto weiß sich trickreich zu helfen. Von diesem Märchen existiert auch eine Fassung von Clemens Brentano (Das Märchen vom Witzenspitzel).

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