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Melusine

Melusine

Melusine

Raymond entdeckt die wahre Gestalt seiner Frau Melusine

Die »schöne Melusine« ist eine Sagengestalt des Mittelalters. Die ältesten schriftlichen Überlieferungen des Stoffes stammen aus dem 12. Jahrhundert, doch ist das Grundmotiv — die Verbindung zwischen einem überirdischen Wesen (Melusine) und einem Sterblichen  — in vielen Mythologien zu finden (z.B. in der griechischen: Zeus und Semele, siehe auch Amor und Psyche). Melusine (auch Melusina, Merlusigne und ähnlich) wird beschrieben als schöne Frau, die ihrem Gatten (Raymond, Reymund, Raimundus und ähnlich) Reichtum, Glück und viele Kinder schenkt, solange sich dieser an die einzige zwischen ihnen verabredete Bedingung hält: er darf sie zu bestimmten Zeiten, an denen sie ihre wahre (nicht-menschliche) Gestalt annimmt, nicht ansehen. Denn Melusine ist eine Wasserfee, dargestellt meistens mit einem Schlangenleib oder Fischschwanz. Als Raymond das Tabu bricht, verschwindet Melusine für immer, und mit ihr das Ansehen und das Glück des Ritters Raymond.

Nach einer altfranzösischen Geschlechtersage ist Melusine die Ahnfrau des Hauses Lusignan. Die Herren von Lusignan hatten als Teilnehmer an den Kreuzzügen den östlichen Mittelmeerraum bereist (eine zeitlang herrschten sie über Zypern), was eine mögliche Verbindung zwischen den vorderasiatischen Mythen und der »europäischen« Melusine vermuten lässt. Als Ahnin und Begründerin des Geschlechts der Lusignan musste Melusine freilich positivere, weniger heidnische Züge haben und durfte nicht vordergründig als Männer verführende femme fatale erscheinen. Das Dämonische in der Charakterisierung von Melusine wurde ab dem späten Mittelalter immer stärker durch christliche Tugenden ersetzt. Melusine ist nun vor allem Mutter. Die bekanntesten literarischen Fassungen des Melusine-Stoffs stammen aus dem späten Mittelalter und unterscheiden sich deutlich voneinander.

Jean d’Arras verfasste einen Roman in Prosaform (Le livre de Mélusine, 1393), der Heldenepos, historisierende Erzählung, Zaubermärchen und höfischer Roman zugleich ist. Melusines Mutter ist hier eine Schwester der Fee Morgana (Artussage) und hat bereits selbst die Erfahrung der Melusine gemacht: sie war mit Elynas, dem König von Albany verheiratet und hat mit ihm drei Töchter (Melusine, Melior und Palestine). Nach dem ihr Gatte das Tabu, nicht das Zimmer zu betreten, während sie badet, gebrochen hat, entschindet sie mit ihren Töchter ins Reich Avalon. Viele Jahre später wollen sich die Töchter an ihrem Vater rächen und begraben ihn lebendig in einem Berg. Zur Strafe dafür werden sie von ihrer Mutter in einen Sperber, einen Drachen und in ein Schlangenweib (Melusine) verwandelt. Melusine begegnet Raymond und die Geschichte ihrer Mutter wiederholt sich, was in die Ahnengeschichte der Lusignan mündet.

Um 1400 schrieb Couldrette einen Versroman, der weniger fantastisch, sondern stärker historisch ist. Bei ihm geht es vor allem die Begründung der rechtmäßigen Herrschaft der Familie Lusignan. Heldentaten der Ritter werden ausführlich beschrieben und gerühmt, während Melusine selbst in den Hintergrund tritt, da sie nur noch als Mutter und Begründerin des Geschlechts benötigt wird. Auf Couldrettes Versroman fußt auch die erste Melusine-Erzählung in deutscher Sprache, eine stark bearbeitete Übersetzung des Berner Patriziers Thüring von Ringoltingen. Der Berner Stadtadel, dem Thüring angehört, legte großen Wert auf die Erforschung und Dokumentation ihrer Abstammung. Mit dem Melusine-Roman vergewisserte sich der Patrizier also seines Standes als Feudaler, in Abrenzung zum gewöhnlichen Bürger.
In der Neuzeit wurde der Melusine-Stoff auch außerhalb Frankreichs und Deutschlands adaptiert. Bearbeitungen in deutscher Sprache wurden u.a. von Hans Sachs (Drama Die Melusina, 1556), Ludwig Tieck (Sehr wunderbare Historie von der Melusina, 1807), Gustav Schwab sowie Johann Wolfgang von Goethe (Die neue Melusine, 1807) vorgelegt. Im letzteren Fall ist von den Merkmalen der „ursprünglichen Melusine“ fast nichts mehr übrig geblieben. Sehr dicht am Melusine-Typ sind hingegen die verschiedenen Undine-Märchen, besonders in der Fassung von Friedrich de la Motte Fouqué. De la Motte Foques Undine ist ein Wasserweib, das einen Sterblichen liebt, ähnlich wie Melusine; allerdings geht es hier um den Konflikt zwischen der romantischen Liebe und der standesgemäßen Ehe. Im 19. Jahrhundert ließen sich auch mehrere Komponisten der Romantik vom Melusine-Stoff inspirieren.

In der Literatur des 20. Jahrhunderts scheint der Stoff nahezu vergessen. Eines der wenigen (und wenig bekannten) Beispiele ist Irmtraud Morgners Roman Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz, nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura (1974). Die Autorin macht die diversen Wandlungen der Melusine (von der mächtigen, überirdischen Verführerin zur Dämonin zur Mutter zur romantisch-unglücklich Liebenden) kurzerhand ungeschehen, indem sie sie mit dem Selbstbewusstsein der Melusine des 12. Jahrhunderts zusammen mit ihrer Schwägerin Beatriz nach achthundertjährigem Schlaf erwachen lässt (in der DDR um 1974!).