Melusine

Die »schöne Melusine« ist eine Sagengestalt des Mittelalters. Die ältesten schriftlichen Überlieferungen des Stoffes stammen aus dem 12. Jahrhundert. Das Grundmotiv — die Verbindung zwischen einem überirdischen Wesen und einem Sterblichen — ist jedoch in vielen Mythologien zu finden (z.B. in der griechischen: Zeus und Semele, siehe auch Amor und Psyche).

Die schöne Melusine. Aus einem Triptychon von Heinrich Vogeler

Betrachtungstabu

Melusine (auch Melusina, Merlusigne und ähnlich) wird beschrieben als schöne Frau, die ihrem Gatten (Raymond, Reymund, Raimundus und ähnlich) Reichtum, Glück und viele Kinder schenkt, solange sich dieser an die einzige zwischen ihnen verabredete Bedingung hält. Dieses besagt, dass er sie zu bestimmten Zeiten, an denen sie ihre wahre (nicht-menschliche) Gestalt annimmt, nicht ansehen darf. Denn sie ist eine Wasserfee, dargestellt meistens mit einem Schlangenleib oder Fischschwanz. Als Raymond das Tabu bricht, verschwindet Melusine für immer, und mit ihr das Ansehen und das Glück des Ritters Raymond.

Das Geschlecht der Lusignan

Nach einer altfranzösischen Geschlechtersage ist Melusine die Ahnfrau des Hauses Lusignan. Die Herren von Lusignan hatten als Teilnehmer an den Kreuzzügen den östlichen Mittelmeerraum bereist und eine Zeitlang über Zypern geherrscht. Dies lässt eine mögliche Verbindung zwischen den vorderasiatischen Mythen und der »europäischen« Melusine vermuten. Als Ahnin und Begründerin des Geschlechts der Lusignan musste Melusine allerdings positivere, weniger heidnische Züge haben und durfte nicht vordergründig als Männer verführende femme fatale erscheinen. Das Dämonische wurde ab dem späten Mittelalter immer stärker durch christliche Tugenden ersetzt. Melusine ist nun vor allem Mutter. Die bekanntesten literarischen Fassungen des Stoffs stammen aus dem späten Mittelalter und unterscheiden sich deutlich voneinander.

Erzählungen des Mittelalters

Jean d’Arras verfasste einen Roman in Prosaform (Le livre de Mélusine, 1393). Dieser ist Heldenepos, historisierende Erzählung, Zaubermärchen und höfischer Roman in einem. Melusines Mutter ist in dieser Version eine Schwester der Fee Morgana (Artussage) und hat Melusines Erfahrung bereits selbst gemacht. Sie war mit Elynas, dem König von Albany verheiratet und hat mit ihm drei Töchter (Melusine, Melior und Palestine). Eines Tages hatte ihr Gatte das Zimmer betreten, während sie badete, und damit das Tabu gebrochen. Daraufhin entschwand sie mit ihren Töchtern ins Reich Avalon. Viele Jahre später wollen sich die Töchter an ihrem Vater rächen und begraben ihn lebendig in einem Berg. Zur Strafe dafür werden sie von ihrer Mutter in einen Sperber, einen Drachen und in ein Schlangenweib verwandelt. Melusine begegnet Raymond und die Geschichte ihrer Mutter wiederholt sich. Dies mündet schließlich in die Ahnengeschichte der Lusignan.

Um 1400 schrieb Couldrette einen Versroman, der weniger fantastisch, sondern stärker historisch ist. Bei ihm geht es vor allem um die Begründung der rechtmäßigen Herrschaft der Familie Lusignan. Entsprechend werden die Heldentaten der Ritter ausführlich beschrieben und gerühmt. Melusine selbst tritt dagegen in den Hintergrund, da sie nur noch als Mutter und Begründerin des Geschlechts benötigt wird. Auf Couldrettes Versroman fußt auch die erste Melusine-Erzählung in deutscher Sprache. Dabei handelt es sich um eine stark bearbeitete Übersetzung des Berner Patriziers Thüring von Ringoltingen. Der Berner Stadtadel, dem Thüring angehört, legte großen Wert auf die Erforschung und Dokumentation ihrer Abstammung. Mit dem Melusine-Roman vergewisserte sich der Patrizier also seines Standes als Feudaler, in Abgrenzung zum gewöhnlichen Bürger.

Neuere Erzählungen

In der Neuzeit wurde der Melusine-Stoff auch außerhalb Frankreichs und Deutschlands adaptiert. Bearbeitungen in deutscher Sprache wurden u.a. von Hans Sachs (Drama Die Melusina, 1556), Ludwig Tieck (Sehr wunderbare Historie von der Melusina, 1807), Gustav Schwab sowie Johann Wolfgang von Goethe (Die neue Melusine, 1807) vorgelegt. Im letzteren Fall ist von den Merkmalen der „ursprünglichen Melusine“ fast nichts mehr übrig geblieben. Sehr dicht am Melusine-Typ sind hingegen die verschiedenen Undine-Märchen, besonders in der Fassung von Friedrich de la Motte Fouqué. De la Motte Foques Undine ist ein Wasserweib, das einen Sterblichen liebt. Allerdings geht es hier um den Konflikt zwischen der romantischen Liebe und der standesgemäßen Ehe. Im 19. Jahrhundert ließen sich auch mehrere Komponisten der Romantik vom Melusine-Stoff inspirieren.

In der Literatur des 20. Jahrhunderts scheint der Stoff dagegen nahezu vergessen. Eines der wenigen Beispiele ist Irmtraud Morgners Roman Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz, nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura (1974). Die Autorin macht die diversen Wandlungen der Melusine (von der mächtigen, überirdischen Verführerin zur Dämonin zur Mutter zur romantisch-unglücklich Liebenden) kurzerhand ungeschehen, indem sie sie mit dem Selbstbewusstsein der Melusine des 12. Jahrhunderts zusammen mit ihrer Schwägerin Beatriz nach achthundertjährigem Schlaf erwachen lässt (in der DDR um 1974!).

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