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Fabelwesen: Der Drache

Fabelwesen: Der Drache

Drache Fafnir. Illustration von Arthur Rackham

Der Drache Fafnir, der von Siegfried (Sigurd) getötet wird. Illustration Arthur Rackham

Der Drache ist ein in vielen Mythologien bekanntes Mischwesen aus Vogel und Reptil, häufig auch mit Merkmalen großer Raubtiere (z.B. Löwenpranken) ausgestattet. Dazu kommen oft Ausschmückungen, die kein reales Vorbild im Tierreich haben, so etwa mehrere Köpfe, mehrere Zungen oder die Fähigkeit, Feuer zu speien. Als Mischwesen leben sie, je nachdem, welche Merkmale am stärksten ausgeprägt sind, mal als Flugdrachen in der Luft, mal als schlangen– oder raubtierartige Fabelwesen auf der Erde oder in Höhlen, oder auch als Seeungeheuer im Wasser. In Beschreibung und Darstellung vermischt sich der Drache manchmal mit anderen Fabelwesen wie dem Lindwurm oder dem Greif.

In den Schöpfungsmythen verkörpert der Drache die gottfeindlichen Mächte. Er lässt Bäume verdorren, indem er das Wasser zurückhält, will die Sonne und den Mond verschlingen, bedroht die Mutter des Heil bringenden Helden oder Gottes und muss getötet werden, damit die Welt entstehen oder bestehen kann. Sein dabei verströmtes Blut gilt als Frucht bringend, der Verzehr seines Herzens oder das Trinken von Drachenblut soll überirdische Kräfte verleihen (u.a. in der Siegfriedsage). Spuren der Drachenmythen finden sich auch im Alten Testament. Drachenartige Ungeheur wie Tannin, Leviathan, Rahab und Behemot verkörpern das vor der Schöpfung vorhandene und die erschaffene Weltordnung bedrohende Chaos. Im Neuen Testament (Offenbarung des Johannes) besiegt der Erzengel Michael den Teufel in Gestalt eines Drachens und stößt ihn hinab auf die Erde:

Im Himmel entbrannte ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten, und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satanas heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt, und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.

Mit den Bildern der Johannes-Apokalypse wird der Drache zum personifizierten Bösen, seine Vernichtung bedeutet das Ende der Welt und den Beginn des Reichs Gottes.

Ungeachtet dieser Bedeutung wurde der Drache im Mittelalter und bis in die Neuzeit auch als real existierendes Tier angesehen. So schrieb zum Beispiel Hildegard von Bingen in ihrer Physica (um 1150), in der sie die Heilkräfte der Natur beschreibt, Folgendes über Drachen:

„Mit Ausnahme seines Fettes ist nichts von seinem Fleische und den Knochen für Heilzwecke verwendbar …“

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Großer Drache von der Insel Rhodus (aus Athanasius Kirchers Mundus Subterraneus, 1665)

Conrad Gesner beschrieb Drachen in seinem Schlangenbuch (1587), Athanasius Kircher in seinem Werk Mundus Subterraneus (1640, siehe Abbildung rechts), ebenso Ulisse Aldrovandi in Serpentum et Draconum historia. Spätestens seit Carl von Linné wurden die Drachen von den Naturforschern ins Reich der Fabelwesen verbannt, was aber nur für die wissenschaftliche Community im engeren Sinne galt. So widmete der deutsche Entomologe Samuel Schilling den Drachen noch 1837 in seinem Werk Ausführliche Naturgeschichte des Thier-, Pflanzen- und Mineralreichs ein eigenes Kapitel (zwischen dem Basilisken und dem Leguan), in dem er u.a. schreibt:

Die Drachen sind eidechsenartige Thiere, deren Körper allenthalben mit dachziegelförmig liegenden Schuppen bedeckt ist, von welchen diejenigen am Schwanze und an den Gliedern gekielt [..] sind; die Zunge ist fleischig, aber wenig ausdehnbar. [..] Die Drachen sind kleine, unschädliche Thiere, welche sich auf Bäumen aufhalten und von Insekten leben. Sie finden sich in Ostindien und auf den Inseln der Südsee.

Klar grenzt Schilling die »realen« Drachen von den Fabelwesen ab:

Von dem Drachen, wie wir ihn in der Naturgeschichte kennen lernen, müssen wir den Drachen der Fabelwelt unterscheiden; [..] Da dieser Drache nichts weiter als ein Hirngespinst war, so mußte natürlicherweise die Beschreibung von seiner Gestalt und Lebensart sehr verschieden ausfallen.

Dabei fällt auf, dass der Autor den antiken Vorstellungen von Drachen einen gewissen Wahrheitsgehalt zubilligt:

Wenn man alle die verschiedenen Nachrichten über den fabelhaften Drachen vergleicht, so scheint doch wirklich ein lebendes Thier zu diesen Erzählungen Veranlassung gegeben zu haben; und dieses Thier war ohne Zweifel kein anderes, als die große Abgottschlange (Boa constrictor), welche in Indien und Afrika lebt und 30 bis 40 Fuß lang wird.

jedoch an den Phantasiegeschöpfen des Mittelalters kein gutes Haar lässt:

Der Drache des Mittelalters ist ein von den Drachen der Alten verschiedenes Geschöpf der Einbildungskraft. Man schrieb ihm vier Löwenfüße, einen langen dicken Schlangenschwanz und einen ungeheuern Rachen zu, aus welchem Feuerflammen strömten. In den Ritterzeiten spielten diese Drachen eine Hauptrolle, und sie gehörten mit zu den Ungeheuern, welche die bepanzerten Helden zu besiegen hatten. Die Nachrichten davon, wie sie in den alten Rittergeschichten vorkommen, bilden ein Gewebe des abgeschmacktesten Unsinns.

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Dobrynja Nikititsch: russischer Drachentöter. Illustration Iwan Bilibin

Das »Gewebe des abgeschmacktesten Unsinns« ist freilich der Stoff, aus dem die Märchen sind. Der Drache ist im europäischen Märchen ein häufig auftretendes Fabelwesen, besonders in Ost- und Südosteuropa. Das wiederkehrende Motiv ist dabei der Drachenkampf, in dem der Held den Drachen besiegen muss, um eine Jungfrau zu befreien. Dabei muss der Held dem Drachen meist mit dem Schwert die Köpfe abtrennen, was nicht ganz einfach ist, weil für einen abgetrennten Kopf schnell zwei neue nachwachsen können ;-).Oft wird der Held nach dem erfolgreichen Kampf gegen den Drachen zunächst von einem Konkurrenten um seinen Lohn gebracht; beispielsweise fällt er nach dem Kampf in einen tiefen Schlaf, während dem der Widersacher die abgeschlagenen Köpfe an sich nimmt, um sie als Zeichen vorzuweisen, dass er selbst der Drachentöter sei. Jedoch hat der Held die Drachenzungen abgeschnitten, sodass er den Konkurrenten der Lüge überführen kann. Zu diesem Märchentyp gehören u.a. Die drei Hunde (Ludwig Bechstein), Die zwei Brüder (Brüder Grimm), Der Kaufmann (Basile) und Die dankbaren Tiere (Straparola).

Oder der Drache bewacht einen Schatz (»Drachenhort«), wie in der Siegfriedsage oder im Beowulf. Manchmal kommt der Drache auch in Märchen vom Typ Die Schöne und das Biest vor und muss dann durch seine junge Frau erlöst werden. Von den verschiedenen Fabelwesen des Märchens ist keines so häufig von der modernen Fantasy-Literatur „adoptiert“ worden wie der Drache. Dieses Thema wäre eine eigene Abhandlung wert, ebenso die Drachen der ostasiatischen Mythologien.