Däumelinchen

Däumelinchen ist ein Kunstmärchen von Hans Christian Andersen, veröffentlicht 1835. Es handelt von einem winzig kleinen Mädchen, das aus einer Blume gewachsen ist und nach verschiedenen Abenteuern den zu ihr passenden Prinzen findet.

Inhalt

Eine Frau wünscht sich ein kleines Kind, und da sie keins bekommen kann, sucht den Rat einer Hexe. Die gibt ihr ein Gerstenkorn, das die Frau zuhause in einen Blumentopf steckt. Aus dem Gerstenkorn wächst eine wunderschöne Blume, und in dieser Blume, siehe da, liegt ein niedliches, winzig kleines Mädchen. Weil sie so klein ist, wird sie Däumelinchen genannt. Die Frau macht ihr ein Bett aus einer Walnussschale, mit Veilchenblättern als Matratze und einem Rosenblatt als Deckbett. Tagsüber spielt das kleine Mädchen in einem See, den die Mutter in einem Teller für sie angelegt hat. Blumen sind ihre Teichrosen, und ihr Schiffchen ist ein großes Tulpenblatt.

Illustration von  Eleanor Vere Boyle zu dem Märchen Däumelinchen von Hans Christian Andersen
Däumelinchen. Illustration Eleanor Vere Boyle (Fairy Tales by Hans Christian Andersen, London: Sampson Low, Marston, Low, and Searle, 1872)

Eines Nachts wird Däumelinchen von eine Kröte geraubt, die eine Braut für ihren Sohn sucht. Die beiden setzen Däumelinchen in ihrem Walnussbett auf ein Wasserrosenblatt im Bach, denn sie sind sicher, dass sie von dort nicht fliehen kann. Als Däumelinchen am nächsten Morgen erwacht und ihre Lage erkennt, fängt sie bitterlich an zu weinen. Die alte Kröte hat indessen ihre Stube für die Schwiegertochter hübsch hergerichtet, doch diese will von dem Krötenmann nichts wissen.

Däumelinchen kann gar nicht mehr aufhören mit weinen. Dies hören die kleinen Fische unter ihr im Wasser, die neugierig schauen, wer da so herzzerreißend weint. Sie sind von dem kleinen Mädchen ganz entzückt und beschließen, ihr zu helfen. Sie nagen den Stängel von Däumelinchens Wasserrosenblatt ab, sodass das Mädchen den Bach hinab ins Ausland reißen kann. Den ganzen Sommer erlebt sie Abenteuer, freundet sich mit Schmetterlingen, Käfern und kleinen Vögeln an. Doch als der Winter kommt, ist sie ganz allein auf sich gestellt. Sie findet Unterschlupf bei einer gutmütigen Feldmaus, für die sie als Gegenleistung die Stube fegt und Geschichten erzählt.

Manchmal kommt der Nachbar der Feldmaus zu Besuch, ein Maulwurf, der von all den schönen Dingen über der Erde — Blumen, Schmetterlinge, Vögel — die Däumelinchen so vermisst, überhaupt nichts hält. Däumelinchen mag den Maulwurf nicht und fürchtet sich ein wenig vor ihm, aber weil die gute Feldmaus so großen Respekt vor ihm hat, gibt sie sich Mühe, nett zu ihm zu sein. In einem der Gänge des Maulwurfs liegt eine tote Schwalbe, was Däumelinchen sehr rührt. Sie will den Vogel wenigstens zudecken, damit er warm in der kalten Erde ruhen kann. Dabei stellt sie fest, dass er noch lebt, und pflegt ihn den Winter über gesund.

Im Frühling hält der Maulwurf um Däumelinchens Hand an. Die ist ganz traurig bei dem Gedanken, künftig mit dem Maulwurf unter der Erde zu leben, ohne Blumen, Käfer und all ihre anderen Freunde. Doch weil sie ein braves Mädchen ist und die Feldmaus nicht enttäuschen will, arbeitet sie den ganzen Sommer über an ihrer Aussteuer. Im Herbst soll die Hochzeit sein. Doch bevor es dazu kommt, wird sie von der Schwalbe, die sie im letzten Winter gesund gepflegt hatte, gerettet. Sie fliegt mit ihr in die warmen Länder, wo es Blumen, Schmetterlinge und Vögel in großer Zahl gibt.

Däumelinchens Glück ist perfekt, als sie in einer Blume einen Prinzen in der zu ihr passenden Größe entdeckt. Die kleinen Freunde Däumelinchens bereiten den Beiden eine wunderschöne Hochzeit. Das schönste Geschenk ist ein Paar Flügel von einer großen Fliege, sodass Däumelinchen nun sogar aus eigener Kraft herumfliegen kann. Der Prinz findet aber, dass Däumelinchen gar kein passender Name für seine hübsche Frau ist, und gibt ihr deshalb den Namen »Maja«.

Anmerkungen

Das Märchen ist eine relativ eigenständige Erzählung von Hans Christian Andersen, im Gegensatz zu Andersen-Märchen wie Die wilden Schwäne, Der Schweinehirt oder Die kleine Seejungfrau, die deutlich erkennbare Vorbilder im Volksmärchen haben. Das Motiv des Blumenmädchens findet sich in unterschiedlicher Form auch in der deutschen Romantik (Das Märchen von dem Myrtenfräulein sowie Das Märchen von Rosenblättchen von Clemens Brentano, Hyazinth und Rosenblütchen von Novalis, Prinzessin Brambilla von E.T.A. Hoffmann). Von der Handlung her ist Däumelinchen ein typisches Aschenputtelmärchen: ein vom Schicksal benachteiligtes Mädchen (in diesem Fall ist es die Körpergröße) findet dank ihrer Freundlichkeit, ihrer Schönheit und ihrer demutsvollen Haltung am Ende ihren Prinzen. Dies spiegelt sich auch im Namen des Mädchens wider: Däumelinchen ist die weibliche Form des Däumling (oder Dummlings), der seinerseits die männliche Entsprechung des Aschenputtels ist.

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