Märchenquiz

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Die weiße Katze

Die weiße Katze

La chatte blanche, eines der Feenmärchen von Marie-Catherine d’Aulnoy (* 1650, 1705). Der erste Teil des Märchens ähnelt stark dem Grimm’schen Märchen Der arme Müllersbursche und das Kätzchen: drei Brüder (bei den Grimms: Knechte) konkurrieren um die Nachfolge des Königs bzw. des Müllers, der demjenigen das Erbe verspricht, der bestimmte Aufgaben am besten löst. Der Jüngste macht die Bekanntschaft einer Katze, der er einige Zeit Gesellschaft leistet und die durch Zauberkräfte bewirkt, dass er das Rennen macht. Zugleich wird mit dem Erfolg des Jüngsten auch ihre Verwandlung aufgehoben, denn sie ist in Wirklichkeit eine verzauberte Prinzessin. In d’Aulnoys Märchen von der weißen Katze schließt sich ein zweiter Teil an, in dem die Katze ihrem Erlöser erklärt, wie es zu ihrer Verwandlung gekommen ist. Dieser Teil variiert das aus Rapunzel bekannte Motiv des jungen Mädchens, das von der Außenwelt isoliert von einer Fee erzogen wird.

Inhalt

Ein alter König ist sich dessen bewusst, dass seine drei Söhne von ihm erwarten, dass er seine Nachfolge regelt. Doch er hat noch keine Lust, die Krone abzugeben. Um sie möglichst auf Abstand zu halten, verkündet er, dass sie für ein Jahr in die Welt hinaus ziehen sollen, um für ihn ein Hündchen zu beschaffen, damit er auf seine alten Tage einen Zeitvertreib hat. Wer das zierlichste Hündchen nach Hause bringt, soll König werden. Die drei ziehen zunächst gemeinsam bis zu einem Gasthof, wo sich ihre Wege trennen und wo sie sich ein Jahr später wieder treffen wollen. Der Jüngste gelangt auf seiner Wanderung zu einem porzellanen, mit Gold, Korallen und Perlmutt verzierten Schloss, das scheinbar menschenleer ist. Zwar wird er von vielen Händen bedient, doch diese Hände sind Geisterhände: sie schweben allein, ohne Körper, durch die Luft. Dann wird eine reiche Tafel gedeckt, offenbar für eine zweite Person außer ihm. Diese zweite Person ist, wie sich zeigt, eine wunderschöne weiße Katze, mit der sich der Königssohn aufs Angenehmste unterhält. Erstaunlicherweise trägt die Katze ein Amulett mit dem Bild eines jungen Mannes, der ihm aufs Haar gleicht. Der Königssohn verbringt fast das ganze Jahr bei der Katze, wo die Zeit wie im Flug vergeht. Schließlich erinnert ihn seine Gastgeberin daran, dass sein Vater ihn erwartet. An das Hündchen, dass er beschaffen sollte, hat er gar nicht mehr gedacht. Die Katze sagt, er solle sich keine Sorgen machen, und schenkt ihm zum Abschied eine Eichel: da wäre drin, was er braucht.

Auf dem Weg zum Treffen mit seinen Brüdern liest er noch schnell einen kleinen Straßenköter auf, um nicht ganz ohne Hund dazustehen. Die beiden sind beim Anblick des Köters erleichtert — ein Konkurrent weniger. Doch es kommt anders, denn in der Eichel, welche die Katze dem Jüngsten geschenkt hat, verbirgt sich das zierlichste Hündchen, das die Welt je gesehen hat. Also müsste die Krone eigentlich an den Jüngsten gehen, wenn nicht der König sogleich eine neue Aufgabe ersonnen hätte, um seine Abdankung um ein weiteres Jahr hinauszuzögern. Diesmal sollen ihm die Söhne das feinste Garn bringen, das sie auftreiben können. Der Jüngste verbringt ein weiteres Jahr bei der Katze, in dem er den Auftrag fast vergisst, dann aber von der Katze den gewünschten Faden bekommt, der feiner ist als die Fäden der Brüder. Wieder ziert sich der König und denkt sich eine dritte Aufgabe aus: die Söhne sollen sich jeder eine Braut suchen, und wer die schönste vorzuweisen hat, soll König werden. Der Jüngste verbringt ein drittes Jahr bei der Katze. Bei dem Gedanken an die Aufgabe ist ihm nicht wohl, denn längst ist ihm klar, dass seine Liebe allein der Katze gilt. Als die Katze nach dem Grund für seine Traurigkeit fragt, gesteht er ihr seine Gefühle. Daraufhin eröffnet ihm die Katze, dass sie eine verzauberte Prinzessin ist. Er müsse er nun Kopf und Schwanz abschlagen, um den Fluch zu besiegen, der ihr die Gestalt der weißen Katze auferlegt hat. Der Königssohn bringt es kaum übers Herz, ringt sich letzten Endes aber doch dazu durch — und schon steht vor ihm die schönste Prinzessin, die er je gesehen hat.

Die weiße Katze, Märchen von Madame d'Aulnoy. Illustration Warwick Goble

Die weiße Katze, Illustration Warwick Goble

Der König ist nun bereit, die Krone an den jüngsten Sohn zu übergeben. Vorher aber erzählt die Katze, deren Vater König von sechs Königreichen ist, ihre Geschichte. Ihre Mutter war vor ihrer Geburt in den Garten von Feen eingedrungen und hatte sich an den Früchten bedient. Die Feen sind darüber erzürnt und verlangen als Wiedergutmachung das Kind, das sie bald zur Welt bringen wird. Das Königspaar versucht, die neugeborene Tochter vor den Feen zu verstecken, doch diese lassen sich dank ihrer Zauberkräfte nicht abwehren. In einer Wiege aus Perlmutt, verziert mit Gold und Edelsteinen, holen die Feen die kleine Königstochter in ihr Reich, wo sie wohlbehütet und völlig abgeschottet von der Außenwelt aufwächst. Als sie ein junges Mädchen ist, sieht sie von ihrem Turmfenster zum erstenmal einen Menschen, einen jungen Prinzen, der ihr über die Maßen gefällt. Auch der Prinz wird auf das Mädchen im Turm aufmerksam, und bald treffen sie sich jeden Tag. Schließlich bereitet sie ihre Fluch vor, die jedoch von den Feen vereitelt wird. Der Prinz wird vor ihren Augen getötet und sie zur Strafe in eine weiße Katze verwandelt. Sie kann nur erlöst werden, wenn sich in Mann trotz ihrer Tiergestalt in sie verliebt und überdies bereit ist, ihr Kopf und Pfoten abzuschlagen. Als der junge Königssohn zum erstenmal in ihr Porzellanschloss, hat sie ihn sofort als ihren Erlöser erkannt. Denn er sieht genauso aus wie ihr getöteter Geliebter, dessen Bild sie als Amulett trägt.

Da die Prinzessin Alleinerbin der sechs Königreiche ihres Vaters ist, schlägt sie vor, den beiden älteren Brüdern, die beide eine schöne Braut gefunden haben, eines ihrer Königreiche zu geben. Das Königreich des alten Königs aber solle dieser selbst behalten, da ihm die Abdankung offensichtlich so schwer falle. So sind alle glücklich und zufrieden und feiern eine Dreifachhochzeit.