Der Glückliche Prinz

Der Glückliche Prinz

Kunstmärchen von Oscar Wilde, enthalten in Der glückliche Prinz und andere Märchen (1888)
Originaltitel The Happy Prince

Ganz oben über der Stadt auf einer mächtigen Säule stand die Statue des Glücklichen Prinzen. Er war über und über mit dünnen Blättchen puren Goldes bedeckt; statt der Augen hatte er zwei schimmernde Saphire, und auf seinem Schwertknauf leuchtete ein großer, roter Rubin.

Die Menschen lieben und bewundern den Glücklichen Prinzen. Für die Reichen symbolisiert die Statue die Überzeugung, dass die Welt gut ist, so wie sie ist. Für die Armen den Trost, dass ein glückliches Leben zumindest möglich ist. Und nicht wenige berufen sich auf ihn um zu mahnen: Glück ist ein Zustand, in dem man nichts begehrt, was man nicht haben kann.

Der glückliche Prinz, Märchen von Oscar Wilde, Illustration Walter Crane

Der glückliche Prinz, Illustration von Walter Crane (1888)

Zu seinen Lebzeiten war der Glückliche Prinz — glücklich. Er lebte im Palast Ohnesorge, dessen hohe Mauern allen Kummer von ihm fern hielten. Doch nun, von seiner Säule und ohne schützende Mauern, sieht er das ganze Elend in seiner Stadt. Und es geschieht, was seine Bewunderer für unmöglich gehalten hätten: Der Glückliche Prinz weint. Seine Tränen tropfen auf einen Schwälberich, der an einem Herbstabend zu seinen Füßen Schutz vor der Nacht gesucht hat. Der Schwälberich hat wegen einer unvernünftigen Sommerliebe den Anschluss an seine Gefährten verloren und muss sich nun sehr sputen, vor dem nahenden Winter allein nach Ägypten zu kommen.

Der Glückliche Prinz, Märchen von Oscar Wilde, Illustration Heinrich Vogeler

Der Glückliche Prinz, Illustration Heinrich Vogeler (1904)

Der Prinz bittet ihn, wenigstens eine Nacht bei ihm zu bleiben und dann den Rubin aus seinem Schwert zu einer armen Näherin zu bringen. Die näht sich die Finger an einem prachtvollen Ballkleid wund, doch ihrem kranken kleinen Sohn kann sie den Wunsch nach ein paar Orangen nicht erfüllen. Der Schwälberich kann die Bitte des traurigen Prinzen nicht abschlagen; er sieht die vor Erschöpfung eingeschlafene Näherin und er hört ein schönes, reiches Mädchen über die Faulheit der Näherinnen klagen. Und der Prinz sieht noch viel mehr Elend: einen jungen Schriftsteller, der an seinem ersten Auftragswerk arbeitet, aber kein Geld hat, um sein Zimmer zu heizen. Ein kleines Mädchen, das Streichhölzer verkauft und sich vor den Schlägen ihres Vaters fürchtet, weil ihr die Hölzer in den Rinnstein gefallen und dadurch verdorben sind. Er bittet die Schwalbe, ihm die Saphire aus den Augenhöhlen zu picken und zu den Armen zu bringen. Die Schwalbe erfüllt auch diese Bitten und berichtet dem Prinzen von noch viel mehr Elend, das sie in der Stadt gesehen hat. Blatt für Blatt pickt die Schwalbe das Gold von der Oberfläche des Prinzen, um es den Armen zu bringen. Schließlich ist es zu spät, um nach Ägypten zu fliegen.

Die Schwalbe stirbt zu Füßen des Glücklichen Prinzen und wenig später zerspringt diesem in der klirrenden Kälte sein bleiernes Herz. Die Honoratioren befinden nun, dass die Statue allzu schäbig aussehe und deshalb eingeschmolzen werden müsse. Doch das bleierne Herz des Prinzen will nicht schmelzen. Man wirft es auf den Kehrrichthaufen, auf dem schon der tote Vogel liegt.

»Bring mir die beiden kostbarsten Dinge der Stadt«, sprach Gott zu einem seiner Engel; und der Engel brachte ihm das bleierne Herz und den toten Vogel.

Und wenn dem Glücklichen Prinzen sein bleiernes Herz nicht gesprungen wäre, würde er wohl immer noch weinen.

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