Legenden von Rübezahl (III)

Legenden von Rübezahl (III)

Allgemeines zur Sagengestalt Rübezahl finden Sie hier.

In diesem Artikel geht es um die dritte Legende aus der Sammlung von Johann Karl August Musäus, die neben den fünf Geschichten von Rübezahl weitere Märchen enthält (»Volksmärchen der Deutschen«, 1783).

Dritte Legende: Rübezahl als Gläubiger

In dieser Legende zeigt sich Rübezahl von seiner liebenswürdigen Seite, indem er einem verarmten Bauern, Vater von sechs hungrigen Kindern, einen Kredit gewährt. Der Bauer hatte sich in höchster Not an die reichen Vettern seines Weibes gewandt, die eine Tagesreise entfernt von ihm wohnten. Doch statt der erhofften hundert Taler, die er ihnen mit Zinsen zurückzahlen wollte, bekommt er von ihnen nur Hohn und Spott. Verzweifelt macht sich Veit, so sein Name, auf den Heimweg, der ihn durch das Gebirge führt, in dem der Sage nach der Berggeist Rübezahl lebt. Da er nichts mehr zu verlieren hat, kommt er auf die Idee, diesen zu rufen, obwohl er die Geschichte kennt, wie Rübezahl zu seinem Namen kam, und weiß, dass es deshalb besser ist, ihn nicht damit zu reizen.

Dritte Legende von Rübezahl, Illustration Ludwig Richter

Dritte Legende von Rübezahl, Illustration Ludwig Richter

Rübezahl erscheint prompt, bereit den frechen Rufer zu erschlagen. Doch mit dem Mut des Verzweifelten gelingt es Veit, ihn zu stoppen und ihm seine traurige Geschichte zu erzählen. Den Berggeist rührt die Geschichte, und außerdem schmeichelt es ihm, als Kreditgeber aufzutreten, während die Hartherzigkeit von Veits Verwandschaft seine schlechte Meinung über das Wesen der Menschen bestätigt. Also führt er Veit in seine Höhle, dem vor Staunen über die vielen glänzenden Taler fast die Augen herausfallen. Grundehrlich, wie er nunmal ist, zählt er hundert Taler ab. Keinen mehr und keinen weniger. Der Berggeist scheint kaum darauf zu achten, doch er legt Wert darauf, dass ein Schuldschein ausgestellt wird, in dem genau die Zinsen und das Datum der Fälligkeit (in drei Jahren) festgehalten ist. Veit unterschreibt und Rübezahl verschließt den Schuldschein in seiner Schatztruhe. Dann ermahnt er Veit, es mit der Rückzahlung sehr genau zu nehmen, denn er sei ein strenger Gläubiger.

Veits Frau hatte große Zweifel an der Hilfsbereitschaft ihrer Verwandtschaft gehabt und ist umso glücklicher, dass sie sich offenbar geirrt hat. Veit lässt sie in ihrem Glauben, doch als es ihm irgendwann zu bunt wird, sein Weib in den höchsten Tönen über die angebliche Großherzigkeit und Vornehmheit ihrer Sippe reden zu hören, wirft er ihr unwirsch jenen Spruch an den Kopf, mit dem ihn diese in der Not davongejagt hatte: »Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied!«. Fortan schaffen Mann und Frau, soviel ihre Arme hergeben, und tatsächlich scheint an dem Sprichwort etwas dran zu sein. Sie kommen zu Wohlstand, sodass sie keine Sorge haben müssen, das Geld nicht pünktlich zurückzahlen zu können. Dass es mit dem geliehenen Geld etwas Besonderes auf sich haben muss, ahnt nur Veit, denn niemand außer ihm weiß, dass es vom Berggeist stammt. Jedenfalls scheint über allem Wirtschaften von Veit von nun an ein Segen zu liegen, und die Taler von Rübezahl vermehren sich fast wie von selbst.

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Illustration Ludwig Richter

Als der Tag der Fälligkeit gekommen ist, lässt der Bauer anspannen — er hat inzwischen mehrere Bedienstete — und fährt mit Weib und Kindern sowie dem Geld samt Zinsen davon. Zur Verwandtschaft, glaubt die Frau. Doch mitten im Gebirge weist Veit den Kutscher an, langsam allein weiterzufahren und oben auf der Kuppe auf die Familie zu warten. Dann führt er Weib und Kinder in Richtung von Rübezahls Höhle, deren genaue Lage er sich an verschiedenen Erkennungszeichen gemerkt hat. Als sie schon nahe der Höhle sind, erzählt er seiner Frau endlich die Wahrheit über die Knausrigkeit ihrer Verwandten, und dass das Geld in Wirklichkeit vom Berggeist Rübezahl geliehen ist. Weib und Kinder sind entsetzt, zumal auch sie die Schauergeschichten kennen, die man sich in den Spinnstuben der Umgebung vom schrecklichen Rübezahl erzählt. Veit bittet sie, hier auf ihn zu warten, und geht das letzte Stück allein weiter.  Doch so sehr er auch sucht und obwohl er die Merkzeichen alle wiedererkennt, kann er den Höhleneingang nicht finden. Bedrückt kehrt er zu den Wartenden zurück. Wie soll er seine Schuld zurückzahlen, wenn er den Gläubiger nicht findet? Sich einfach so davon stehlen, will er nicht, denn er ist nunmal ein grundehrlicher Mann. Da scheint es ihm schon besser, wenn
auch nicht ungefährlich, den Berggeist noch einmal bei seinem Spottnamen Rübezahl zu rufen. Weib und Kinder ängstigen sich fast zu Tode. Doch alles, was sich auf das Rufen hin regt, ist ein lauer Wind, der die Blätter vor sich her treibt. Der jüngste Sohn sieht zwischen dem Laub ein Blatt Papier, dass er fröhlich einfängt, um es dem Vater zu bringen, der immer alles irgendwie Nützliche aufhebt. Als Veit das Blatt besieht, stellt er fest, dass es der Schuldschein ist. Oben eingerissen und mit einem Vermerk versehen: Dankend erhalten.

Zu Tränen gerührt fährt die Familie doch noch ins Dorf der Verwandtschaft, um die alten Knauser mit ihren Wohlstand zu beschämen. Doch keiner von ihnen wohnt mehr hier. Gestorben, verdorben, weggezogen. Veit und die Seinen aber leben glücklich und ihn wachsendem Wohlstand bis ans Ende ihrer Tage.

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