Das Meerhäschen

Das Meerhäschen

oder Von der Königstochter, die von ihrem Schloss alles in ihrem Reiche sah

Märchen aus Josef Haltrichs Sammlung Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen (1856); vermutlich osteuropäische Herkunf. Die Brüder Grimm nahmen das Märchen in die 7. Auflage (1857) ihrer Kinder- und Hausmärchen auf (KHM 191).

Inhalt

Eine Königstochter lebt in einem Schloss mit zwölf hohen Fenster, durch die sie alles in ihrem Reich sehen kann. Die Fenster besitzen Zauberkraft, wobei das erste das schwächste und das zwölfte das stärkste ist. Das Mädchen hat beschlossen, nur einen Mann zu heiraten, der sich vor ihr und ihren Zauberfenstern verbergen kann. Wer sich auf diese Prüfung einlässt und sie nicht besteht, wird enthauptet. Schon 97 Köpfe wurden auf Pfähle gesteckt und die Königstochter richtet sich schon darauf ein, für immer ledig zu bleiben, als drei Brüder ihr Glück versuchen.

Der älteste Bruder versteckt sich in einem Erdloch. Die Königstochter entdeckt ihn schon beim Blick durch das erste und schwächste Fenster. Der mittlere versucht es im Keller des Schlosses, und auch für dieses Versteck genügt das erste Fenster. Beide Brüder werden enthauptet. Der jüngste bittet um drei Versuche, was ihm die Königstochter gewährt. Ratlos, wie er die Prüfung bestehen soll, begibt sich der Junge in den Wald, um sich bei der Jagd zu zerstreuen. Dort begegnen ihm drei Tiere (Rabe, Fisch und Fuchs), die ihm Vergeltung versprechen, wenn er sie am Leben lässt. Bei seinem ersten Versuch bittet der Junge den Raben um Hilfe. Der versteckt ihn in einem seiner Eier und das Ei in seinem Nest. Zum ersten Mal versagen die schwächeren Zauberfenster der Königstochter

… da erschrak sie nicht wenig

— erst am elften Fenster entdeckt sie das Versteck des Jungen. Beim zweiten Versuch bittet dieser den Fisch. Der verschluckt ihn und taucht bis zum Grund des Sees. Diesmal muss die Königstochter das zwölfte und stärkste Fenster bemühen

… und es war ihr nicht ganz recht

Beim dritten und letzten Versuch hilft der Fuchs durch eine List. Er verwandelt den Jungen in ein Meerhäschen (kleines Kaninchen? Meerschweinchen?) und sich selbst in einen Tierhändler. Die Königstochter kauft das süße Tier. Dem Rat des Fuchses entsprechend versteckt sich der Junge unter dem Zopf des Mädchens, als die Suche beginnt. Mit wachsender Angst schaut sie durch ihre Fenster und findet den Jungen selbst im zwölften nicht. Zornig schlägt sie die Fenster zu

… und das Glas zersprang in tausend Stücke

Sie fügt sich in ihr Schicksal und heiratet den jungen Mann, der sich ihr überlegen zeigte, aber klugerweise nie verriet, wem er diese Überlegenheit verdankte.

Herkunft, Interpretation, Motive

In vielen Märchen findet sich das Motiv der »Heirat nach oben«: Ein Mann aus dem Volk bekommt eine Edle zur Frau, wenn er bestimmte schwierige Aufgaben löst. Gelingt es ihm nicht, kostet ihn das (oft im wahrsten Sinne des Wortes) den Kopf, ein Preis, den vor ihm schon viele andere Bewerber zahlen mussten. Bereits in den Gesta Romanorum ist ein solches Märchen enthalten (Von der Habsucht und ihren feinen Versuchungen).

Im »Meerhäschen« tritt zum offensichtlichen Motiv des Standesunterschiedes ein subtiler, innerer Konflikt hinzu. Hier beruht die Überlegenheit der jungen Frau nur vordergründig auf ihren Stand. Nehmen wir die »alles sehenden Fenster« als Symbol für ihre Klugheit, so sehen wir in ihr vor allem eine emanzipierte und gleichzeitig in ihrer Emanzipation gefangene Frau, die nur einen Mann akzeptiert, der noch klüger ist als sie, obwohl sie doch meint, das solches gar nicht möglich ist. Als ihre Überzeugung angesichts der ersten beiden Verstecke ins Wanken gerät, erfüllt sie keineswegs Freude, sondern Angst. Offenbar ist diese Angst, sich aufzugeben, die Eigenständigkeit zu verlieren, sich an den Mann zu verlieren, ihr eigentliches Problem — nicht ihre Klugheit, die sie über die anderen erhebt. Und als beim letzen Versuch auch das mächtigste Fenster versagt, zerpringt das Glas, das sie bis dahin von der Außenwelt trennte. Die Wahrheit ist, dass der Junge ihr durch einen Zauber, in Gestalt des Meerhäschens, nahe gekommen ist, und dies istwohl der Grund für seinen »Sieg«. Oder vielleicht war er einfach nur der Richtige (der Hunderste!). Doch in den Augen des Mädchens ist er als Mann deshalb akzeptabel, weil er klüger ist als sie. Er lässt sie in diesem Glauben, was zeigt, dass er ein wirklich kluger Mann ist — und dass es mit der Emanzipation eben doch nicht so einfach ist.

Die Grimmsche Version des Märchens folgt der hier vorgestellten mit nur einer inhaltlichen Änderung. Der innere Konflikt der jungen Frau wird etwas anders verortet, indem die Gewährung von drei Versuchen (anstatt eines einzigen, wie üblich) mit dem guten Aussehen des Jungen begründet wird. Das Mädchen hat also offenbar von vornherein Gefallen an dem Jungen gefunden und gibt ihm Hilfestellung, d.h., »sie will eigentlich doch« und findet eine Lösung, bei der sie ihr Gesicht wahrt.

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