Richilde

Johann Karl August Musäus veröffentlichte in den Jahren 1782-86 fünf Bände mit Märchen, Legenden und Sagen (Volksmährchen der Deutschen), von denen besonders die im zweiten Band enthaltenen Legenden von Rübezahl noch heute recht bekannt sind. Im ersten Band findet sich unter anderem ein Märchen mit dem Titel Richilde, das dem Leser sofort vertraut vorkommen wird, hat es doch starke Ähnlichkeit mit Schneewittchen, einem der bekanntesten Märchen der Brüder Grimm.

Im Unterschied zu Schneewittchen sind in Richilde vielfältige Ausschmückungen und Abschweifungen, teils ironischer Art, enthalten; so etwa über die widersprüchliche Natur des Weibes, das mal schwach, eitel und boshaft, dann wieder über die Maßen tugendhaft und aufopferungsvoll erscheint. Selbst Personen, die nur eine kurze Nebenrolle spielen, haben eine Geschichte, die ihr Handeln motiviert und sie als Menschen vorstellbar macht. Die romanhafte Handlung ist räumlich verortet (Brabant) und auch zeitlich festgelgt (v.a. durch die Figur des Albertus Magnus, einem im 13. Jahrhundert lebenden Bischof und Gelehrten).

Richilde
Richilde. Illustration Ludwig Richter (Volksmährchen der Deutschen, Verlag Julius Klee, Leipzig, 1842)

Inhalt

Gunderich von Pfaffenfreund, Graf von Brabant, ist ein Mann von größter Frömmigkeit und auch an irdischen Gütern mangelt es ihm nicht. Zu seinem Kummer ist seine Ehe bisher kinderlos geblieben. Dies betrübt ihn nicht allein deshalb, weil er keinen Erben hat, sondern er hält es – in seinem frommen Wahn – für eine Strafe des Himmels. Und da er selbst so überaus gottgefällig lebt, kann es nur an seiner Frau liegen. Nur zu gern würde diese ihren Mann zufriedenstellen, doch nichts hat bisher gefruchtet. Als eines Tages Albertus Magnus durch Brabant reist, lassen sich beide Eheleute eine Messe von ihm lesen; die Frau lässt sich außerdem von ihm die Beichte abnehmen, bei der sie ihm ihre Sorgen wegen ihrer Unfruchtbarkeit anvertraut. Albertus Magnus tröstet sie und prophezeit ihr baldige Mutterschaft.

Die Prophezeiung erfüllt sich zur großen Freude des Paares, wenn auch Gunderich lieber einen männlichen Nachkommen gehabt hätte. Doch die kleine Richilde ist ein so niedliches Geschöpf, dass er endlich seinen Seelenfrieden findet. Das Gerede und Raunen über die Rolle von Albertus Magnus, der einen zweifelhaften Ruf genießt, beachtet er nicht. Auch nicht, als seine Frau von Albertus den Segen für die kleine Tochter erbittet und neben diesem auch noch ein Andenken bekommt, das sie sicher verwahrt.

Gunderich lebt noch einige Jahre glücklich, stiftet etliche Klöster und mehrt den Brautschatz für Richilde. Nach seinem Tod zieht sich die Witwe mit dem Mädchen in ein Kloster zurück, wo Richhilde zu einer Schönheit heranwächst. Als auch die Mutter im Sterben liegt, vertraut sie der Tochter das Kleinod von Albertus an. Die Tochter solle es gut aufbewahren und nur achtsam davon Gebrauch machen. Das geheimnisvolle Andenken ist ein in Gold gefasster Spiegel mit der wundersamen Gabe, Auskunft über das Schicksal zu geben, sofern ein bestimmtes Sprüchlein aufgesagt wird. Andernfalls zeigt er nur das Spiegelbild, wie ein gewöhnlicher Spiegel. Bevor sie die Augen für immer schließt, warnt die Mutter Richilde noch einmal, sich durch den Spiegel nicht zur Eitelkeit verführen zu lassen.

Anfangs liegt Richilde nichts ferner als Eitelkeit. Sie ist nun fünfzehn Jahre alt und wunderschön, doch wenn ihr jemand Komplimente macht, schlägt sie verschämt die Augen nieder. Nach einem Jahr der Trauer verlässt sie das Kloster und richtet sich, vermögend wie sie ist, einen Hofstaat ein. Die Schmeicheleien fallen auf fruchtbaren Boden; schnell wird aus dem sittsamen Mädchen eine berechnende, kokette junge Dame, die Komplimente für etwas hält, was ihr zusteht. Gleichzeitig bewahrt sie sich ein gewisses Misstrauen – vielleicht schmeicheln ihr die Höflinge ja nur, um sich Vorteile zu verschaffen? Sie besinnt sich des Spiegels, den ihr die Mutter auf dem Sterbebett gegeben hat, und sagt den Spruch:

Spiegel, blink, Spiegel blank,
Goldner Spiegel an der Wand,
zeig mir die schönste Dirn in Brabant.

Zufrieden erblickt sie ihr eigenes Bild. Natürlich gibt es jede Menge Bewerber, die Richilde gern heiraten würden. Sie hält sie alle geschickt bei der Stange, ohne jedoch einen ernsthaft ins Auge zu fassen. Irgendwann wird es ihrer Kinderfrau zu bunt; sie sorgt sich um Richildes guten Ruf und rät ihr dringend, binnen drei Tagen einen der Freier auszuwählen. Richilde geht ihre Listen durch, findet aber keinen, für den sie sich erwärmen könnte. Sie überlegt und kommt zu dem Schluss, dass für sie, die Schönste der Schönen, nur der Schönste unter den Männern in Frage kommt. Und um diesen zu finden, befragt sie ihren Zauberspiegel:

Spiegel, blink, Spiegel blank,
Goldner Spiegel an der Wand,
zeig mir den schönsten Mann in Brabant.

Und tatsächlich erblickt sie im Spiegel ein Mannsbild, das ihren Ansprüchen genügt. Allerdings kennt sie nicht seinen Namen, sondern kann ihrem Hofstaat nur sein Aussehen beschreiben. Anhand ihrer Beschreibung wird schnell klar, dass es sich um den Grafen Gombald handeln muss. Doch leider ist der bereits verheiratet, und zwar mit seiner Cousine.

Schnell verbreitet sich das Gerücht, dass die schöne Richilde Gombald auserkoren hat, und irgendwann kommt es auch ihm selbst zu Ohren. Die Eitelkeit vergiftet auch sein Herz, er verstößt seine Frau – unter dem Vorwand, dass die Ehe wegen der nahen Verwandtschaft nicht rechtmäßig sei. Er lässt sich auch nicht erweichen, als sie ihm offenbart, dass sie ein Kind erwartet. Verblendet erwirbt er einen Scheidungsbrief und bringt seine Ex-Frau ins Kloster, wo sie Töchterchen Blanka zur Welt bringt. Schon bald nach der Geburt stirbt die Mutter, woraufhin Gombald das Mädchen in eins seiner Schlösser bringt, wo er sie einer Gouvernante sowie einem aus Zwergen bestehenden Hofstaat anvertraut.

Dann heiratet er Richilde und verbringt mit ihr eine Zeit voller Leidenschaft. Dies hält natürlich nicht ewig, die Eheleute haben oft Streit und begegnen sich zunehmend mit Gleichgültigkeit und Kälte; Gombald plagt überdies das schlechte Gewissen. Schließlich teilt er Richilde mit, dass er eine Wallfahrt nach Jerusalem unternehmen werde, um seine Schuld zu sühnen. Auf der Reise fällt er der Pest zum Opfer, ohne vorher am Heiligen Grab um Vergebung bitten zu können. Richilde beginnt wieder ihr früheres Leben: noch immer außergewöhnlich schön und von Verehrern umschwärmt, die sie bei Laune und gleichzeitig auf Distanz hält. Doch sind seit ihrem Eintritt in die Welt außerhalb der Klostermauern fünfzehn Jahre vergangen, weshalb sie nun immer öfter Bestätigung durch ihren Zauberspiegel sucht.

Währenddessen ist Blanka, ganz ähnlich wie Jahre zuvor Richilde, zu einer Schönheit herangewachsen. Und so erblickt Richilde eines Tages in ihrem Spiegel ein fremdes, madonnenhaftes Gesicht. Von unbändigem Hass erfüllt, lässt sie nachforschen, wer die Fremde ist – und siehe da, es ist ihre eigene Stieftochter. Schnell fasst sie einen Plan, wie sie die unliebsame Konkurrentin ausschalten kann. Scheinheilig gibt sie vor, die Stieftochter endlich in die Arme schließen zu wollen, um gemeinsam den Verlust des Vaters bzw. Ehemann zu betrauern.

Richilde stattet Blanka auf deren Schloss einen Besuch ab, im Gepäck einen auf einer Seite vergifteten Granatapfel. Als Blanka zum Abschluss des Festmahls Obst aus dem Schlossgarten servieren lässt, meint Richilde, die Früchten wären nicht ganz so köstlich wie jene, die sie gewohnt ist. Und dann holt sie den Granatapfel hervor, bricht sich selbst ein Stück heraus und bietet Blanka vom vergifteten Teil an. Die Arglose kostet und sinkt in die Kissen. Richilde vergießt falsche Tränen und verlässt voll heimlicher Freude Blankas Schloss. Zu Hause befragt sie sofort den Spiegel. Zufrieden sieht sie nun wieder ihr eigenes Gesicht, wenn auch auf einmal Rostflecken auf der zuvor so blanken Oberfläche sind.

Doch ein paar Tage später erscheint wieder Blankas liebliches Gesicht, was nur heißen kann, dass sie den Anschlag überlebt hat. Richilde heckt einen neuen Plan aus: ihr Arzt (der für sie schon den Granatapfel vergiftet hat) mischt eine Salbe an, die angeblich das Gesicht ewig jung hält, in Wirklichkeit aber vergiftet ist. Mit dieser Salbe wird die Amme von Richilde bei Blanka vorstellig, die das Döschen kauft, die Salbe probiert und erneut scheinbar tot zu Boden sinkt. Richilde befragt den Spiegel, in dem sie ihr Gesicht gerade noch erkennen kann.

Der Spiegel ist nach all den Jahren, in denen er Richilde treu gedient hat, trüb geworden. Richilde meint, den Verlust verschmerzen zu können, da sie doch die einzige Rivalin erfolgreich ausgeschaltet hat. Umso entsetzter ist sie, als nach einiger Zeit ein Ritter bei einem ihrer Turniere auftaucht, der behauptet, er sei vor Kurzem der Schönsten der Schönen begegnet, dem Fräulein Blanka. Ihre Wut bekommt zunächst der Arzt zu spüren, dem sie unter anderem die Ohren abschneiden lässt, um ihn dann zu zwingen, einen dritten Anschlag auf Blankas Leben vorzubereiten. Diesmal schreibt sie einen Brief, den der Arzt mit einer flüchtigen Essenz vergiften muss, sodass die Empfängerin beim Lesen tot umfällt.

Dieser dritte Anschlag ist wirkungsvoller als die beiden ersten. Die Zwerge halten sie diesmal wirklich für tot und legen sie, um sich noch für kurze Zeit an ihrer lieblichen Gestalt zu erfreuen, in einen Glassarg. So aufgebahrt erblickt sie ein junger Graf, Gottfried von Ardenne, der eine Wallfahrt unternommen hatte, um das Seelenheil seines sündigen Vaters zu retten. Er legt eine Reliquie, die er vom Papst erhalten hat, auf die Brust der schönen Toten, woraufhin diese die Augen aufschlägt. Nachdem sie ihm alles erzählt hat, ist ihm klar, dass nur die Stiefmutter hinter den schlimmen Vorfällen stecken kann. Es ist beschlossene Sache, dass er und Blanka heiraten werden, doch zuvor will er Rache an Richilde nehmen. Er sorgt dafür, dass die Außenwelt nichts von Blankas wundersamer Genesung erfährt; nur die Zwerge wissen Bescheid.

Dazu nutzt er ihre Schwachstelle aus, ihre Koketterie, die mit den Jahren nicht verflogen ist. Er wird an ihrem Hof vorstellig, wirbt um sie und schafft es tatsächlich, ihr den Kopf zu verdrehen. Am Hof seiner Mutter wird alles für die angebliche Hochzeit von Gottfried und Richilde vorbereitet. Richilde wird feierlich empfangen, alle spielen das Spiel der Rache mit. Gottfried erzählt ihr vom traurigen Geschick eines seiner Knappen, dessen Geliebte von ihrer Stiefmutter aus Eifersucht ermordet worden sei. Dann fragt er sie, was wohl die gerechte Strafe für die Mörderin wäre. Richilde spricht ihr eigenes Urteil: in glühenden Eisenschuhe solle die Grausame anstelle der Ermordeten mit deren Bräutigam den Hochzeitsreigen tanzen.

Im nächsten Augenblick tritt Blanka, strahlend schön und im Hochzeitskleid, herein. Richilde begreift schlagartig die Situation. Sie tanzt bis zur Ohnmacht in den glühenden Eisenschuhen, dann wird sie in einen Turm gesperrt. Ihr Arzt, den sie zu drei Mordanschlägen angestiftet hat, erweist ihr einen letzten Dienst, indem er für ihre verbrannten Füße eine Wundsalbe anrührt.

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