Die Nymphe des Brunnens

Die Nymphe des Brunnens

Märchen von Johann Karl August Musäus (»Volksmährchen der Deutschen«, 1782–86). Anders als der Titel vermuten lässt, ist die Heldin dieses Märchens keine Nymphe (Nixe, Undine oder Wasserfrau), sondern eine junge Adlige, deren Mutter früh verstorben ist. Die Nymphe spielt in dem Märchen die (Neben-)Rolle der guten Fee, die ihre schützende Hand über das junge Mädchen hält. Das Hauptmotiv ist das des Aschenputtels: das glückliche Ende ist der Lohn für Demut und Treue, gepaart mit Schönheit und tugendhaftem Wesen. Daneben enthält das Märchen Motive aus Allerleirauh, Die schlafende Schöne im Wald (Perrault) und der Sage von der schönen Melusine.

Inhalt

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Illustration Rudolf Jordan

Die Gemahlin eines Raubritters aus der Umgebung von Dinkelsbühl liebt es, eine Felsenquelle (siehe Symbol Brunnen) aufzusuchen, wo sie Ruhe findet und Almosen an die Armen verteilt, was im Schloss nicht gern gesehen ist. Von den Raubzügen des Schlossherrn hält sie gar nichts, dennoch ist sie ihm treu ergeben, zumal er in ihrer Gegenwart wie ausgewechselt ist. Eines Tages sucht die edle Dame in Verzweiflung aufgelöst den Brunnen auf, weil der Ritter seit mehreren Tagen überfällig ist und sie das Schlimmste fürchtet. Da erscheint aus der Quelle eine weiße Frau: die Nymphe des Brunnens. Sie tröstet die Edelfrau: ihr Mann sei am Leben. Außerdem weissagt sie ihr, dass sie eine dritte Tochter zur Welt bringen und kurz darauf sterben werde. Doch sie müsse um die mutterlose Tochter nicht fürchten, sie selbst würde gern ihre Taufpatin werden und sich später an Mutterstelle um das Mädchen kümmern.

So geschieht es. Die Nymphe erscheint in kostbare Kleider gehüllt, allerdings mit nassem Schleier, bei der Taufe, wo die auffällige Unbekannte von allen bestaunt wird. Jedoch herrscht allgemeine Enttäuschung über ihr armseliges Geschenk, einen hölzernen Apfel (Bisamapfel, eine Salb- oder Riechdose). Trickreich bringt es die Wöchnerin fertig, sich allen Nachfragen zu entziehen, wer die schöne Frau ist und was sie mit ihr verbindet. Kurz nach der Taufe stirbt sie. Die Nymphe kümmert sich, wie versprochen, um die kleine Mathilde und wird ihre mütterliche Freundin. Sie ermahnt sie, gut auf den Bisamapfel acht zu geben; er würde ihr zu gegebener Zeit drei Wünsche erfüllen, doch solle sie ihre Wünsche gut bedenken.

Mathildes Vater ist in großer Trauer, jedoch nicht allzu lange. Seine neue Gemahlin ist das ganze Gegenteil von Mathildes Mutter: herrschsüchtig, verschwenderisch und herzlos. Mathilde und ihre beiden älteren Schwestern fristen ein kümmerliches, unbeachtetes Dasein, während die finanzielle Lage des Ritters angesichts der Prunksucht seiner Frau immer schwieriger wird. Deshalb geht er bei seinen Raubzügen immer rücksichtsloser vor, was ihm schließlich zum Verhängnis wird. Seine Burg wird vom Schwäbischen Bund niedergebrannt, Herrschaft wie Gesinde werden niedergemetzelt. Mithilfe ihres Bisamapfels, dem Geschenk der Nymphe, gelingt es Mathilde gerade noch zu fliehen. Mittellos muss sie sich als Magd verdingen und landet so in der Küche des Kreuzritters Konrad. Um nicht als Tochter des ausgeräucherten Raubritters erkannt zu werden, schwärzt sich sich ihr Gesicht mit Asche und wird fortan das »Zigeunermädchen« genannt. Ihre Maskerade, zu der auch noch ein künstlicher Buckel gehört, hat allerdings den Nachteil, dass ihr junger, gutaussehender Dienstherr sie keines Blickes würdigt. Sie verliebt sich in ihn und wird sich schmerzlich ihres Statusverlustets bewussst. Als in der Nachbarschaft ein mehrtägiger Ball stattfindet, zu dem auch Konrad eingeladen ist, wagt sie es zum erstenmal, einen Wunsch an ihren Bisamapfel zu richten. In einem Kleid aus schönster Seide geht sie zum Ball und tanzt mit dem Ritter, der sich in die schöne Fremde verliebt. Am nächsten Tag erscheint sie in einem Kleid aus Atlasseide und wird von Konrad schon sehsüchtig erwartet. Er gesteht ihr seine Liebe und schenkt ihr einen Ring. Gleich am nächsten Tag lässt er ein Bankett ausrichten, um die Verbindung offiziell zu machen. Doch Mathilde versetzt ihn, woraufhin der Ritter krank vor Liebeskummer wird. Schon machen sich die Dienstboten, zu denen auch Mathilde gehört, auf sein baldiges Ableben gefasst. Mathilde rettet ihn, indem sie eine Suppe aus neun Kräutern kocht, doch ist die wundersame Rettung weder ihren Kochkünsten zu verdanken, noch der Zauberkraft ihrer Nymphe, sondern allein dem Ring, den sie als Zeichen in der Suppe versenkt hat.

Mathilde heiratet ihren Ritter und bringt einen Sohn zur Welt. Zu ihrem großen Kummer verschwindet der neben ihr schlafende Säugling noch im Wochenbett spurlos. Ein zweiter Sohn verschwindet auf die gleiche unerklärliche Weise. Konrad ist ebenso verzweifelt wie Mathilde und macht der Amme schwere Vorwürfe. Die Amme beschuldigt nun Mathilde, beide Söhne ermordet und gefressen zu haben; sie hätte es aus Angst und Treue bisher nicht über sich gebracht, ihre Herrin zu verraten. Zum Beweis verrät sie, wo Mathilde angeblich die Knochen ihrer Kinder versteckt hat — und tatsächlich, werden an der besagten Stelle kleine Knöchlein gefunden. Konrad lässt sich gegenüber Mathilde nichts anmerken. Doch den Dienern gibt er Befehl, das Badehaus kräftig zu heizen und die Tür von außen zu versperren, wenn Mathilde nach dem Wochenbett das erste Bad nimmt. In Todesangst ruft Mathilde die Nymphe um Hilfe, denn zum Glück hat sie sich angewöhnt, stets den Bisamapfel als Talisman bei sich zu tragen. Dies ist ihr dritter Wunsch, den sie sich anders als die leichtfertigen ersten beiden mit Bedacht aufgehoben hat. Die Nymphe erscheint und kühlt das Badehaus; in ihren Armen trägt sie beide Söhne Mathildes. Sie erklärt, warum die Amme sie verleumdet hat: Die eigentliche Übeltäterin sei die Mutter von Konrad, die die Ehe ihres Sohnes mit einer vermeintlichen Dienstmagd zertören will. Konrad ist glücklich, seine Frau nebst Kindern lebend und rehabilitiert wiederzusehen. Die verleumderische Amme wird ins Badehaus gesperrt und muss das Schicksal erleiden, das eigentlich Mathilde zugedacht war.

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