Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

enthalten in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (KHM 4, ab 2. Auflage; 1819)

Inhalt

Ein Vater hat zwei Söhne. Der jüngere gilt als dumm, und der Vater sorgt sich, dass dieser Sohn wohl nie etwas lernen würde, womit er später einmal sein Brot verdienen kann. Der Junge selbst dagegen sorgt sich wegen etwas ganz anderem: Immer wenn sein Bruder sagt, er hätte sich bei irgendeiner Gelegenheit gegruselt, etwa wenn er des Nachts am Friedhof vorbei gehen musste, wird ihm bewusst, dass er sich im Leben noch nie gegruselt hat, ja dass das Gruseln etwas sein muss, von dem er nicht die geringste Ahnung hat und wohl auch nie haben wird.

Als der Küster zu Besuch ist, klagt der Vater ihm sein Leid wegen des minderbemittelten Sohns und auch dessen bizarren Wunsch, das Gruseln zu erlernen. Wenn’s weiter nichts, meint der Küster, — das Gruseln könne er bei ihm ganz leicht lernen, der Vater solle ihm den Jungen nur mitgeben. Nach ein paar Tagen schickt der Küster den Jungen um Mitternacht auf den Kirchturm, die Glocke zu läuten. Er selbst versteckt sich auch auf dem Turm, wo er den Jungen erschrecken und ihn so das Gruseln lehren will. Doch der fordert das »Gespenst« nur ungerührt auf zu verschwinden, und als es dieser Aufforderung nicht nachkommt, wirft er es kurzerhand vom Turm. Der Küster bricht sich das Genick und wird von seiner Frau am Morgen zuerst vermisst und dann lautstark betrauert. Der Junge indes hat keinerlei Schuldgefühle — er hat die finstre Gestalt schließlich vorher dreimal aufgefordert wegzugehen.

Der Vater ist todunglücklich über seinen Sohn und verstößt ihn mit der Mahnung, er solle niemandem sagen, wer sein Vater ist. Fünfzig Taler bekommt der Junge mit auf seinen Weg ins Leben, und die ist er ohne Weiteres bereit auszugeben, um das Gruseln zu lernen. Ein Mann glaubt zu wissen, was er dafür tun muss: Er solle sich des Nachts unter einen nahen Galgen setzen. Dort baumeln »siebene [die] mit des Seilers Tochter Hochzeit gehalten« haben. Doch den Jungen packt angesichts der Leichen keineswegs das Grauen; vielmehr packt ihn Mitleid mit den Gehenkten, die da oben wohl noch mehr frieren als er an seinem Feuer. Er nimmt sie ab und setzt sie ums Feuer, aber selbstverständlich erfährt er von ihnen kein Wort, was das Gruseln betrifft.

Von einem der auszog das Fürchten zu lernen, Brüder Grimm, Illustration Arthur Rackham

Von einem der auszog das Fürchten zu lernen. Illustration Arthur Rackham

Schließlich hört der Junge bei einem Wirt von einem Spukschloss, wo er ganz sicher das Gruseln lernen könnte. Obendrein hat der dort ansässige König demjenigen seine Tochter und reiche Schätze versprochen, der es drei Nächte auf dem Schloss aushält. Das kommt ihm gerade recht, und unbeschadet übersteht er die nächtlichen Heimsuchungen: riesige, Karten spielende Katzen mit schrecklichen Krallen, ein Bett, dass mit ihm durchs Schloss rast, Männer, deren Körper in Einzelteile zerlegt bei ihm aufkreuzen, und seinen eigenen, jüngst verstorbenen Vetter, dessen kalten Leib er in seinem Bett wärmt und der ihn zum Dank erwürgen will. Doch das Gruseln — das hat er noch immer nicht gelernt.

Da er die Prüfungen bestanden hat, bekommt er die Königstochter zur Frau, die er auch »recht lieb hat«. Irgendwann ist sie den Spruch ihres Mannes leid (»wenn’s mich doch nur gruselte«), sodass sie zusammen mit ihrem Kammermädchen auf handfeste Art Abhilfe schafft: Während Mann und Frau im Bett liegen, kippt das Kammermädchen einen Kübel mit Fischen über dem unglücklich Furchtlosen aus. Und da endlich, als die kalten  Fische auf ihm zappeln:

»Ach was gruselt mir, was gruselt mir! liebe Frau, ja nun weiß ich was gruseln ist.«

Interpretation

Üblicherweise wird das »Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen« in jene Gruppe von Märchen gestellt, in denen ein junger Mann von geringem Stande nach mehreren Prüfungen eine Königstochter zur Frau bekommt (und meist das halbe Reich dazu). Oft ist der Aufsteiger ein Verlierertyp, der von allen für dumm gehalten wird, aber irgendeine besondere Gabe besitzt. Formal passt das Märchen vom Furchtlosen sicher in dieses Schema, inhaltlich jedoch kaum. Hier geht es nicht um den sozialen Aufstieg vermöge persönlicher Qualitäten, sondern um den Reifeprozess eines Sonderlings. Die »Dummheit« des Jungen ist wohl in erster Linie ein eklatanter Mangel an emotionaler Intelligenz und Empathie. Während Tapferkeit nach allgemeinen Verständnis das Erkennen der Gefahr beinhaltet, ist die Furchtlosigkeit des Jungen im Grunde Gefühllosigkeit infolge mangelnden Vorstellungsvermögens. Offensichtlich ist er sich selbst bewusst, dass sich dabei um einen Mangel, nicht um eine Gabe handelt (daher sein immer wieder geäußerter Wunsch, das Gruseln zu lernen), aber ändern kann er daran aus eigener Kraft nichts. Erst seine Ehe lehrt ihn das Fürchten (oder Fühlen oder Lieben).

NEU: Märchenquiz

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