Die zertanzten Schuhe

Die zertanzten Schuhe ist ein Märchen der Brüder Grimm (Kinder- und Hausmärchen, KHM 133).

Illustration von Anne Anderson zu dem Märchen Die zertanzten Schuhe
Die zertanzten Schuhe. Illustration Anne Anderson (Grimm’s Fairy Tales, Collins, London, 1922)

Inhalt

Ein König hat zwölf schöne Töchter. Jeden Abend wird ihr Schlafgemach abgeschlossen und die Tür verriegelt, doch unerklärlicherweise finden sich dort jeden Morgen zwölf Paar löchrige, zertanzte Schuhe. Der König will herausfinden, was seine Töchter nächtens treiben und verspricht demjenigen, der das Geheimnis der zertanzten Schuhe lüftet, eine seiner Töchter zur Frau. Jedoch erwartet jeden Bewerber der Henker, sollte er die Aufgabe in drei Nächten nicht gelöst haben.

Schon mancher unglückliche Königssohn hat wegen der zwölf Prinzessinnen sein Leben gelassen, als sich ein entlassener Soldat, der wegen einer Verwundung nicht mehr dienen kann, der Aufgabe stellt. Eine alte Frau, die ihn nach seinem Wohin gefragt hatte, gibt ihm den Tipp, den Wein nicht zu trinken, den ihm eine der Töchter als Schlaftrunk reicht. Außerdem gibt sie ihm einen Tarnmantel, der ihn unsichtbar macht. So gerüstet, versucht der Soldat sein Glück. Als die älteste Tochter ihm einen Becher Wein reicht, verschüttet er ihn heimlich; dann beobachtet er, wie sich die Prinzessinnen voller Vorfreude zurecht machen und schöne Kleider anlegen. Die Jüngste hat ein ungutes Gefühl …

… ich weiß nicht, ihr freut euch, aber mir ist so wunderlich zu Muthe, gewiß widerfährt uns ein Unglück

wird aber von der Ältesten schnippisch zurechtgewiesen. Währenddessen hat sich der Soldat im Vorzimmer schnarchend auf sein Nachtlager gelegt, doch in Wirklichkeit ist er natürlich hellwach.

Als die Prinzessinnen mit ihren Vorbereitungen fertig sind, klopft die Älteste an ihr Bett, worauf sich eine Falltür auftut. Durch diese verlassen sie den Schlafraum, der Soldat in seinem Tarnmantel hinterher. Beim Hinabsteigen tritt er der Jüngsten auf ihr Kleid, die daraufhin zum zweiten Mal die anderen warnt, sie habe heute ein ungutes Gefühl. Wieder wird sie von der Ältesten zurechtgewiesen. Sie kommen durch einen Laubengang, der ganz aus silbernen Blättern besteht. Um später seine Enthüllungen beweisen zu können, bricht der Soldat einen Zweig ab. Das Knacken hört wiederum die Jüngste, doch die anderen nehmen ihre Befürchtungen nicht ernst. Das Abbrechen des Zweiges, das Erschrecken der Jüngsten und die Zurechtweisung durch die Älteste wiederholen sich, als die Gruppe einen weiteren Laubengang mit goldenen Blättern und dann einen diamantenen passiert.

Schließlich gelangen sie an einen unterirdischen See, wo zwölf junge Männer — verwunschene Prinzen — auf die zwölf Prinzessinnen warten. Jeder nimmt eine Prinzessin in sein Boot, um sie zu einem hell erleuchteten Schloss auf der anderen Seite zu rudern. Der Soldat fährt unsichtbar mit im Boot der Jüngsten, deren Prinz seine Verwunderung äußert, warum ihm das Boot heute so schwer vorkommt.

Im Schloss tanzen die zwölf Prinzessinnen mit den zwölf Prinzen, alle sind fröhlich und trinken Wein. Der Soldat nimmt einen Becher zum Beweis an sich, und um drei Uhr rudern die Prinzen die Prinzessinnen zurück. Der Soldat, dem das zauberhafte Treiben wohl gut gefällt, verbringt die nächsten beiden Nächte auf die gleiche Weise. Nach der dritten Nacht erzählt er dem König, wie seine Töchter die Nächte verbringen, und legt seine Beweise (die Zweige und den Becher) vor. Mit der Begründung, dass er nicht mehr jung sei, wählt er die Älteste zur Frau. Die Prinzen, die durch das Tanzen mit den Prinzessinnen fast schon erlöst worden waren, werden erneut verwünscht.

Motive

Das Motiv, dass ein einfacher Mann aus dem Volk versucht, ein schwieriges Rätsel um eine Prinzessin lösen und dabei seinen Kopf riskiert, kommt im Märchen sehr häufig vor. Ungewöhnlich ist hingegen, dass er am Ende die Älteste wählt anstatt, wie üblich, die Jüngste. Fast wirkt es wie eine Bestrafung, denn die Älteste war es, die ihn geradezu verächtlich als ungefährlich eingeschätzt. Dagegen hat die Jüngste für ihn offenbar feine Antennen.

Überhaupt bleibt das Märchen, äußerst rätselhaft, obwohl das Geheimnis der zertanzten Schuhe gelüftet wird. Was es mit den verwünschten Prinzen auf sich hat, erfahren wir nicht; im Gegenteil, die Verwünschung, die durch das nächtliche Tanzen fast aufgehoben war, wird erneuert. Unklar bleibt auch das Verhältnis der Töchter zum Vater. Die Schuhe als Symbol der Weiblichkeit und ihr aus unerklärlichen Gründen abgenutzter Zustand legen jedenfalls einen Vater-Tochter-Konflikt nahe. Möglicherweise ist dieses Märchen, das sich in vielen Varianten in der europäischen Märchentradition (besonders in Südosteuropa) wiederfindet, ursprünglich orientalischen Ursprungs, und wirkt deshalb für uns so geheimnisvoll und rätselhaft.

Die Zahl Zwölf ist neben der Drei und der Sieben eine »besondere Zahl« im Märchen. Als Produkt aus der Drei (Symbol für das Göttliche) und der Vier (Symbol für Ordnung und das Rationale) steht sie für Vollkommenheit. Um höchste Vollkommenheit zu erreichen, müssen die zwölf Prinzessinnen die zwölf verwunschenen Prinzen durch wiederholtes nächtliches Tanzen erlösen. Im Märchen wird angedeutet, dass der Zeitpunkt der Erlösung nahe ist. Als die Jüngste wegen des Knacken beim Abbrechen der Zweige erschrickt, deutet die Älteste das Geräusch als Freudenschüsse, die die Prinzen in froher Erwartung bereits abfeuern.

Ähnlich wie die dreizehnte Fee in Dornröschen stört der Soldat die Vollkommenheit, im Unterschied zu dieser allerdings endgültig. Dass der Soldat am Ende eine der Prinzessinnen heiratet, kann darum nicht wirklich als glücklicher Ausgang interpretiert werden. Hätte nicht alles seine schönste Ordnung gehabt, wenn die zwölf Prinzessinnen ihre zwölf Prinzen bekommen hätten? Daraus ergibt sich die Frage, was eigentlich genau die schöne Ordnung gestört hat. Eine mögliche Erklärung ist der Hinweis auf die Verwundung des Soldaten: ohne diese wäre er nicht als »Störenfried« ins Spiel gekommen. Die zweite mögliche Erklärung ist das Misstrauen des Königs gegenüber seinen Töchter, oder allgemein ein gestörtes Verhältnis zu ihnen, für das es im Märchen allerdings keine Begründung gibt.

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