Die weiße Schlange

Die weiße Schlange

Märchen der Brüder Grimm (Kinder- und Hausmärchen, KHM 17). Das Märchen verbindet das Motiv des aus dem einfachen Volk stammenden Märchenhelden, der durch das Lösen scheinbar unlösbarer Aufgaben die Hand einer Königstochter gewinnt, mit einem alten Sagenmotiv. Denn die Voraussetzung, um die Prüfungen zu bestehen, erwirbt der Held, indem er ein Stück Schlangenfleisch verzehrt, was ihn in die Lage versetzt, die Sprache der Tiere zu verstehen (siehe auch Die drei Sprachen). In der nordischen Mythologie finden wir Vergleichbares u.a. in der Siegfriedsage (Siegfried versteht die Sprache der Tiere, nachdem er vom Blut des getöteten Drachens getrunken hat). In der griechischen Mythologie erwirbt der Seher Melampus die nämliche übernatürliche Fähigkeit dadurch, dass ihm eine Schlange die Ohren ausleckt.

Inhalt

Ein weiser König hat die Angewohnheit, zum Abschluss jeder Mittagsmahlzeit von einer geheimnisvollen Speise zu essen, die er sich in einer zugedeckten Schüssel auftragen lässt. Niemand weiß, was sich darin befindet, denn der König pflegt die Schüssel erst zu öffnen, wenn niemand sonst im Raum ist. Eines Tages gibt ein Diener seiner Neugier nach und sieht eine zubereitete weiße Schlange in der Schüssel. Er kostet davon und kann daraufhin die Tiere reden hören (siehe auch Tiere im Märchen). Kurze Zeit später wird er verdächtigt, einen Ring der Königin gestohlen zu haben, doch kann er seine Unschuld beweisen, nachdem ihm er aus dem Geschnatter der Enten erfahren hat, dass eine von ihnen unter dem Fenster der Königin versehentlich einen Ring aufgepickt hat, der ihr jetzt schwer im Magen liegt. Der Diener richtet es ein, dass eben diese Ente in der königlichen Küche endet, wo der Ring gefunden wird. Als Entschädigung für die falsche Anklage — dem Diener drohte die Todesstrafe — erfüllt der König diesem den Wunsch, hinaus in die weite Welt zu ziehen.

Die weiße Schlange, Märchen der Brüder Grimm. Märchenbilder von Arthur Rackham

Die weiße Schlange, Illustration von Arthur Rackham

Auf seiner Reise hat der ehemalige Diener mehrere Erlebnisse, die ihm so nur aufgrund seiner besonderen Fähigkeit möglich sind. Er befreit drei Fische, die sich im Schilf verfangen haben, und setzt sie zurück ins freie Wasser. Sie bedanken sich und versprechen, die gute Tat bei Gelegenheit zu vergelten. Ebenso macht er sich einen ganzen Ameisenstaat zu Freunden, indem er sein Pferd um einen Ameisenweg herum leitet, nachdem er gehört hat, was die Ameisen von den Pferdehufen halten. Schließlich opfert er sogar sein Pferd, um zwei von ihren Rabeneltern aus dem Nest geworfenen Rabenjunge vorm Hungertod zu bewahren.

Nach diesen Abenteuern kommt der junge Mann in eine Stadt, in  der der König gerade einen Bräutigam für seine Tochter sucht. Die Kanditaten müssen eine schwierige Prüfung bestehen — und im Falle des Nichtbestehens mit ihrem Leben bezahlen. Von  ihrer Schönheit geblendet, meldet sich auch unser Märchenheld als Freier, doch die Aufgabe, die er lösen soll, ist tückisch. Der König wirft vor seinen Augen einen Ring ins Meer — und er soll ihn wieder heraus holen. Zum Glück helfen ihm die Fische, denen er einst das Leben gerettet hat. Doch die stolze Königstochter will sich nicht herbeilassen, einen Mann von niederem Stand zu heiraten; deshalb ersinnt der Vater noch eine zweite Prüfung. Diesmal schüttet die Königstochter persönlich zehn Säcke Hirse ins Gras, die er über Nacht bis aufs letzte Körnchen wieder einsammeln soll. Zum Glück kommen die Ameisen zu Hilfe, doch der Königstochter ist dies immer noch nicht genug. Sie wünscht nichts weniger als einen Apfel vom Baum des Lebens, während der arme Freier noch nicht einmal weiß, wo der Baum des Lebens zu finden ist. Das muss er auch gar nicht, denn die beiden jungen Raben, die er gerettet hat, sind ihm nachgezogen, und holen für einen einen Apfel vom Baum des Lebens. Nun kann die Königstochter nicht mehr nein sagen, und da der Apfel vom Baum des Lebens stammt, werden sie zusammen alt und glücklich.

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