Märchenquiz

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Die Gänsehirtin am Brunnen

Die Gänsehirtin am Brunnen

Das Märchen von der Gänsehirtin am Brunnen (= Prinzessin, die Perlen weint) wurde von den Brüdern Grimm in die 5. Auflage ihrer Kinder- und Hausmärchen aufgenommen (KHM 179). Es ist gekennzeichnet durch romantische Motive wie das Weinen von Perlen und das Bad im Mondschein sowie durch eine vergleichsweise stark literarisierte Form (auffällig ist der mehrfache Perspektivwechsel des Erzählers). Im Kern geht es um ein gestörtes Vater-Tochter-Verhältnis, das sich jedoch nicht auf unnatürliches Begehren (Allerleirauh), sondern auf ein Missverständnis gründet: die Tocher vermag ihre tiefe Liebe zum Vater nicht auf eine Weise auszudrücken, die dieser versteht.

Inhalt

Ein altes Mütterchen lebt einsam in einer Einöde. Wenn sie ihren Besorgungen nachgeht – Holz aus dem Wald holen, wilde Früchte sammeln und Gras für ihre Gänse rupfen – grüßt sie freundlich, wen immer sie trifft. Doch den Dörflern ist sie unheimlich, sie halten sie für eine Hexe. Eines Tages kommt ein fremder junger Mann vorbei, als sie sich gerade ein großes Bündel Gras aufpacken will. Höflich bietet er der Alten seine Hilfe an. Das Bündel erweist sich viel schwerer als gedacht, außerdem lässt sie in noch zwei Körbe voller Äpfel und Birnen schleppen. Dem Jüngling läuft der Schweiß, während die Alte immer dreister wird. Sie verspottet ihn und setzt sie schließlich selbst auch noch auf seinen Rücken. Wenn er nicht schnell genug geht, peitscht sie mit Brennesseln gegen seine Beine. Längst bereut er seine Freundlichkeit und würde nur zu gern das Bündel mitsamt der Hexe abschütteln – allein: es geht nicht! Das Bündel sitzt auf seinem Rücken wie festgeklebt.

Schließlich kommt er fix und fertig an der Hütte der Alten an. Ihnen entgegen kommt eine Herde Gänse, die von einer älteren, hässlichen Frau gehütet werden. Die Hexe begrüßt sie als ihr »Töchterchen« und rutscht endlich vom Rücken ihres Trägers, den sie nun wiederum recht freundlich behandelt. Er solle sich auf der Bank ein wenig ausruhen von der Schlepperei und dann seinen verdienten Lohn haben. Ihre ältliche Tochter schickt sie ins Haus, damit sie, wie sie meint, dem jungen Herrn nicht den Kopf verdreht. Der weist die Anspielung zurück – ein solches Schätzchen würde ihn selbst dann kalt lassen, wenn es dreißig Jahre jünger wäre. Dann hält er ein kurzes Schläfchen, bis ihn die Alte wachrüttelt und ihm als ein eine Dose aus Smaragd überreicht.

Drei Tage irrt der Jüngling durch den Wald, und als er endlich herausgefunden hat, kommt er in eine ihm unbekannte Stadt. Er wird vor den König und die Königin geführt. Es scheint ihm angemessen, der Königin die kostbar aussehende Dose zu überreichen, die er von der Hexe bekommen hat. Als die Königin die Dose öffnet und hinein schaut, sinkt sie ohnmächtig zu Boden. Bevor der Jüngling dafür ins Gefängnis geworfen werden kann, öffnet sie wieder die Augen und erklärt sich: Sie trauert seit fast drei Jahren um die jüngste ihrer drei Töchter. Der König hatte sie und ihre Schwestern zu sich gerufen, um die Aufteilung seines Erbes zu regeln. Zu diesem Zweck sollten alle drei ihm sagen, wie lieb sie ihn haben. Die beiden Älteren hatten Antworten gegeben, die ihn zufrieden stellten: sie hätten ihn so lieb wie den süßesten Zucker bzw. das schönste Kleid. Die Jüngste jedoch hatte sich gesträubt – sie liebe ihren Vater so sehr, dass ihr kein Vergleich einfiele. Doch der Vater hatte nicht locker gelassen, sodass sie schließlich sagte: sie liebe ihren Vater so wie das Salz. Diese Antwort hatte den König in solche Wut versetzt, dass er einen Sack Salz auf den Rücken binden und sie von zwei Knechten in den Wald führen ließ. Die Königin ist noch immer untröstlich über den Verlust ihrer liebsten Tochter, die von strahlender Schönheit war und überdies mit einer besonderen Gabe gesegnet: wenn sie weinte, fielen ihr statt Tränen Perlen und Edelsteine aus den Augen. Und was sie in der Smaragddose erblickte, war nichts anderes als eine Perle aus den Augen ihrer Tochter. König und Königin machen sich zusammen mit dem Jüngling auf den Weg zum Haus der Alten, wo sie zumindest ein Lebenszeichen ihrer Tochter vermuten.

Die Gänsehirtin am Brunnen. Illustration Elenore Abbott

Die Gänsehirtin am Brunnen. Illustration Elenore Abbott

In der Erzählung gibt es nun einen Perspektivwechsel, durch den der Zuhörer (Leser) erfährt, was es mit der Alten und der Gänsehirtin auf sich hat. Jeden Abend sitzen beide, ohne sich zu unterhalten, am Spinnrad. Immer, wenn die Nachteule ruft, fordert die Alte ihre Tochter auf, ihre Arbeit zu tun. Daraufhin geht die Gänshirtin zum Brunnen, wo sie ihre alte Haut abstreift wie ein Kleid. Dann wäscht sie sich und ihre abgelegte Haut. So geschieht es auch an dem Abend, bevor sich der Jüngling mit ihren Eltern auf die Suche nach ihr begibt. Als die Gänsehirtin diesmal zurück kommt, fegt die Alte die Stube aus, worüber sie sich wegen der späten Stunde wundert. Die Alte eröffnet ihr, dass die Zeit gekommen sei, da sie sich trennen müssen, denn es sein nun drei Jahre her, seit sie sie aufgenommen hat. Darüber ist die Tochter verzweifelt, doch die Alte sagt, sie müsse sich nicht sorgen. All die Perlen, die sie in den drei Jahren geweint hat, hat die Alte für sie aufgehoben, sodass sie nun sehr reich ist.

Am nächsten Abend geht die Gänsehirtin wieder vor Mitternacht zum Brunnen. Diesmal wird sie von dem Jüngling beobachtet, der sich in einer Baumkrone versteckt hat und seinen Augen nicht traut, als sie ihre Haut abstreift und ihre langen goldenen Haare hervor quellen. Er sieht auch, wie traurig sie ist und wie aus ihren Augen Perlen statt Tränen rollen. Dann knackt ein Ast und die Schöne streift schnell ihre Haut über und verschwindet. Im Haus sagt ihr die Alte, sie solle nun ihr seidenes Kleid anziehen, das sie trug, als sie zu ihr kam. Nachdem die Gänsehirtin ihre wahre Gestalt, die einer schönen, jungen Frau, angenommen hat, klopfen König und Königin ans Fenster. Glücklich schließen sie ihre Tochter in die Arme. Die Alte löst sich plötzlich in Luft auf, während die bescheidene Hütte zu einem prächtigen Palast wird.

Die Erzählung endet mit der – für ein Grimm’sches Märchen ungewöhnlich vagen – Erklärung des Erzählers, er könne sich nicht mehr genau erinnern, wie die Geschichte weiterging: ob die Königstochter mit dem jungen Mann verheiratet wurde, ob die Gänse verzauberte Mädchen waren und ebenfalls zurück verwandelt wurden, ob die Alte eine Fee war und dem Mädchen bereits bei der Geburt die Gabe geschenkt hat, Perlen zu weinen. Gewiss sei nur, dass die Alte keine Hexe, sondern eine weise Frau war. Das offene Ende wie auch die leichte Melancholie und das Fehlen einer bösen Kraft als Gegenspieler, legen den Interpretationsansatz nahe, das Märchen als eine Geschichte über Depression zu sehen.